Künstlerfreundschaften halten ewig oder gar nicht, aber stürmisch müssen sie sein, sonst sind sie der Kunst nicht wert. Liebe, Hassliebe oder ein launenhafter Respekt tragen das Gebilde, in dem zweier Leben und Werk aneinander gerät. Wovon man bei den Berliner Underground-Filmern Lothar Lambert und Carl Andersen sprechen soll, ist allerdings völlig mysteriös. Im Grunde ist es seit Jahren dasselbe. Der eine besetzt den anderen in seinem Film, worauf sich der wieder in seinem eigenen rächt - mit einer Rolle für den geschätzten Kollegen, die diesen und seine Arbeitsmethoden gründlich desavouiert. In Lamberts "Verdammt in alle Eitelkeit" etwa trat Andersen als windiger Schmuddelfilmer auf, dem die Nacktheit seiner Darsteller über alles geht. Das ist von der Wahrheit so weit nicht entfernt, doch Andersen, bei Lambert stets als "Herr Andersch" verunglimpft, sieht das natürlich anders. Er will nun mal mehr von seinen Akteuren: die Bloßlegung der eigenen Grenzen, die Überwindung des schamhaften Selbst, eben den Seelenstriptease. Den Herrn Andersch mag er selber nicht, aber bei Lambert genießt er den Schutz der Rolle.Es muss Lothar Lambert gejuckt haben, ihm diesen Schutz wegzunehmen. Dafür hat er nun sogar zum Dokumentarfilm gewechselt. "Küss die Kamera!" - der Befehl geht direkt an Carl Andersen. Doch Lambert holt noch einen dritten dazu, nämlich das Ein-Mann-Theater Erwin Leder, als "Johann, das Gespenst" berühmt geworden in Wolfgang Petersens Kriegsfilm "Das Boot". Als Schauspieler hat er auch schon bei Andersen mitgewirkt. Beide sind Wiener. Die Perspektive ist also in diesem Film mehrfach gedoppelt und gespiegelt und das Ergebnis, da verspricht der Untertitel nicht zu viel, "Wiener Wahn hoch zwei".Kurz gefasst hat Andersen extreme Probleme damit, sich der Angriffe beider Seiten zu erwehren. Beim Seelenstriptease, den er von anderen fordert, sieht er schlecht aus. Aber er darf auch austeilen. Gegen den hinter der Kamera feixenden Lambert, der ihn ständig auf den Nacktfilmer "reduziert". Und gegen Leder, der bei ihm bisher "noch jede konkrete Vögelszene" abgelehnt hat. So wird es doch noch herzhaft intim, und darum schließlich geht es bei einem Lambert-Film. Überdeutlich wird aber auch, wie sehr sich die Beteiligten bei allen Differenzen doch mögen. Wer mehr wissen will, etwa was Leder an Andersens Küche nicht gefällt, muss sich diesen Film in der Brotfabrik anschauen, wo sich beide übrigens in schöner Regelmäßigkeit präsentieren.Küss die Kamera! Dtl. 2005. Buch & Regie: Lothar Lambert, Mitwirkende: Carl Andersen, Erwin Leder, Hilka Neuhof, Nilgün Taifun; 75 Min., Farbe. Vom 19.-25. 1. im Kino Brotfabrik.------------------------------Foto: (6) Wiener Wahn hoch zwei plus Berliner Irrsinn: Carl Andersen (immer links), Edó Kuhnke, Erwin Leder.