Kehrwoche in Kufstein in Tirol. Unten standen anno 1504 die kaiserlich-österreichischen Habsburger und schossen zur Festung hoch, trafen wohl auch des Öfteren, aber der bayerische Festungskommandant Hans von Pienzenau, so wird erzählt, ließ provokativ den Mauerdreck auf die Belagerer da unten fegen. Kaiser Maximilian war sauer, ließ aus Innsbruck seine schwersten Geschütze kommen, die "Weckauf" und die "Purlepauss", schoss die Festung sturmreif. Pienzenau wurde enthauptet. An dem Ort, wo sein Kopf rollte und er begraben wurde - beim Elferbauern an der Straße nach Langkampfen - erinnert noch heute ein Bildstock an ihn. Auch die heiß umkämpfte Festung steht noch, wie seit 1205, hundert Meter über dem Städtchen, strategisch auf einem lang gestreckten Dolomitfelsen gelegen, mit Mauern bis zu sieben Metern dick: Das mächtigste Bollwerk in ganz Tirol. Aber es ist gemütlich geworden da oben. Aus der Luft sehen die alten Türme wie dicke, freundliche Tintenfässer aus. In die Kapelle ist längst eine Wirtschaft eingezogen. Und die halbe Festung ist ein Museum. Die berühmte Zelle Nr. 13 ist geöffnet, wo von 1859 bis 1865 der ungarische Räuberhauptmann Rozsa Sandor aus Szegedin einsaß, der "Schrecken der Puszta", der 85 Menschen auf dem Gewissen gehabt und der Schwarm der Kufsteiner Damenwelt gewesen sein soll. Kufstein: mit 15 000 Einwohnern zweitgrößte - und tiefst gelegene - Stadt Tirols. Für lange Zeit hieß der große Sohn des Städtchens Josef Georg Madersberger, der 1810 die erste Nähmaschine erfunden hatte; neuerdings gibt es auf der Kinkstraße, wo er geboren wurde, auch ein Nähmaschinen-Museum. Die weiteren Sehenswürdigkeiten sind überschaubar. Das Rathaus mit seinem markanten Treppengiebel. Mittags spielt die Heldenorgel ihre Lieder von der Festung, die im Umkreis von 10 Kilometern zu hören sind - es ist die größte Freiluft-Orgel der Welt. Der schräge, zum Inn abfallende Stadtplatz. Die Römerhofgasse mit ihren Kneipen: das "Auracher Löchl", das "Batzenhäusl". Die Schauglashütte der Firma Riedel. Das audiovisuelle Glasmuseum trägt den Titel "Sinnfonie", und aus der Dunkelheit kommt besorgt die Frage: "Was ist Wirklichkeit? Und was ist Spiegelung?" Auf dem Thierberg-Hof warten Christian und Christian schon auf die Gäste, der eine an der Klarinette, der andere mit der "Zugin", wie man das Akkordeon auf Tirolerisch nennt. Sie kommen aus Schwoich, wo auch Karl Ganzer wohnte, und ihr Lied ist sein Lied: das "Kufstein-Lied", das das meistgespielte Volkslied in Europa sein soll. Karl Ganzer (1920-1988) aus Brixlegg war in Kufstein eigentlich bei der Post. Briefträger zunächst, dann Postbus-Chauffeur auf der Linie Kufstein-Erl, dem Passionsspielort. Immer aber war er zuerst ein passionierter Volksmusikant. So kannte man ihn: die Hemdsärmel aufgerollt und seine "Zugin" an die Brust gedrückt oder auf die rechte Schulter gehängt. Mit seinem Hobby und seinem Quintett namens "Pendlstoana" verdiente er sich nach dem Krieg ein wenig Geld nebenher. Das "Kufstein-Lied" komponierte er schon 1946; aus der Küche, wo er gerade den Ofen strich, steuerte der Schwiegervater seinen Reim dazu. Aber erst mit Hilfe des bayerischen Ober-Jodlers Franzl Lang, der es zum ersten Mal auf Schallplatte aufnahm, wurde es ein Hit - 50 Jahre ist es her. "Seine Harmonika", so steht es in seiner Biografie zu lesen, "hat der Karl nicht gespielt, er hat sie gestreichelt." Sein Verleger, der Egon Frauenberger aus München, erinnert sich eher daran, wie sie damals im Bahnhofsrestaurant auf einer Postkarte den Vertrag unterzeichneten. Er schätzt, dass es über tausend Versionen vom Kufstein-Lied gibt - so viele, wie es Volksliedsänger gibt. Sein Lied wurde 1981 zum bekanntesten Volkslied der Welt in deutscher Sprache gewählt. Einmal war der Tiroler Skifabrikant Karl Kneissl zu einem Kongress nach Japan gefahren. Beim anschließenden gemütlichen Beisammensein sollte jeder Teilnehmer ein Lied aus seiner Heimat singen. Mehr schlecht als recht brummte der Karl die erste Strophe vom Kufstein-Lied. Aber da seien, erzählt man sich in Kufstein, zwei Japaner aufgestanden und hätten die beiden weiteren Strophen geschmettert - aus voller Brust. Und einwandfrei.Service // Kufstein pauschal: "Auf den Spuren des Kufsteiner Liedes" heißt ein drei- bzw. siebentägiges Pauschalprogramm, unter anderem mit Stadtführung auf den Spuren Karl Ganzers, Speckjause, Besichtigung der Festung und Fahrt mit dem Innschiff. Drei Nächte mit HP kosten ab 300 Mark.Auskünfte: Tourismusverband Kufstein, Unterer Stadtplatz 8, A - 6330 Kufstein, Tel. : 0043/5372/6 22 07 (Achtung: In der Warteschleife ertönt das "Kufsteinlied"), Fax: - 6 14 55 Im Internet: www. kufstein. at FRANZ-J. OLLER Strategisch günstig gelegen: Die Festung Kufstein hockt hundert Meter hoch über der Stadt auf einem Felsen.