Milla und Moses: Ach, wie schön die erste Liebe doch sein könnte.
Foto: Lisa Tomasetti

Berlin„Etwas in dir hat sich verändert“, stellt ihr Geigenlehrer fest, als Milla schon längst bis über beide Ohren heftig verknallt ist. In Moses, einen drogensüchtigen Stadtstreicher, dazu noch Anfang zwanzig, also um einige Jahre älter als die 15-Jährige. Der hat sie gleich zu Beginn des Films „Milla meets Moses“ im wahrsten Sinne des Wortes umgehauen. Das Debüt der australischen Regisseurin Shannon Murphy ist alles andere als eine schwülstige Liebesgeschichte zweier Heranwachsender: Milla hat Krebs und ihre erste Liebe scheint gleich ihre letzte zu werden.

Zunächst will Milla bloß ihre Eltern schocken und bringt den drogenkranken jungen Mann, der ihr nach einem Schwächeanfall zu Hilfe eilte, mit nach Hause, bezahlt ihn gar dafür. Doch dann verliebt sie sich in ihn. Durch seine erfrischend ehrliche Art blüht Milla auf, gewinnt neuen Lebensmut und Kraft für die Chemotherapie.

Doch Moses passt als Gelegenheitsdealer und Wohnungsloser nicht in Millas gutsituierte Familie – Vater Henry ist Psychiater, Mutter Anna ehemalige Konzertpianistin –, ist auf den zweiten Blick aber vielleicht von allen am wenigsten neurotisch. Henry wirkt immer etwas zu entspannt, er spritzt sich das für seine Patienten vorgesehene Morphium schon mal selbst in den Arm. Anna ist mehr als zerstreut und erscheint nach Selbstmedikation mit von Henry verschriebenen Psychopharmaka gar umnachtet.

Genau das macht aber den Charme dieses Films aus, das Schöne wird im vermeintlich Brüchigen gefunden. Dieses herrlich unperfekte Quartett – alle spielen beeindruckend – kommt immer wieder zusammen, selbst als Moses ins Haus einbricht, klaut oder Henry mit der hochschwangeren Nachbarin rumknutscht.

Das Drehbuch schrieb die australische Autorin Rita Kalnejais, auf deren Theaterstück der Film basiert. „Meine Frage damals war diese: ‚Wie liebt man, wenn man weiß, dass man nichts zu verlieren hat?‘ Daraus ist das Stück entstanden, und es stellte sich als Glücksfall heraus, dass ich eine so große Frage gestellt habe, denn sie zieht sich auch durch den Film und trägt ihn.“

Es gibt eine Szene, da geht Moses mit Milla auf eine Party. Für sie ist es das erste Mal, und man fühlt sich sofort zurückversetzt in die eigene Jugend. Das erste Mal weggehen, der erste Rausch, das erste Mal feten mit dem Typen, in den man so unsterblich verknallt ist. Später gehen beide noch in eine urige Bar tanzen. Nicht umschlungen und doch eng beieinander verlieren sie sich in den Augen des anderen. In diesem Moment liegt so unfassbar viel Glück, und man kann nicht mehr weggucken.

Milla meets Moses Australien 2020, Regie: Shannon Murphy. Drehbuch: Rita Kalnejais. Kamera: Andrew Commis. Darsteller: Eliza Scanlen, Toby Wallace, Essie Davis, Ben Mendelsohn; in Farbe, 118 Minuten.