Man kann hundertmal, tausendmal auf dieser gewaltigen Treppe aus Stahl empor zur Tanzfläche gestiegen sein. Aber wenn man dann oben steht, mit dem Blick auf das DJ-Pult, in diesem fast zwanzig Meter hohen, offenen Raum, dann wird man doch immer noch überwältigt von der Größe und der Erhabenheit der Architektur, von den warm-harschen Wellen aus Klang, die einem entgegenschlagen und den Körper umhüllen, durch die Knochen und in die Stirn kriechen und die Nasenflügel zum Flattern bringen.

Zehn Jahre gibt es das Berghain nun bald. Seit zehn Jahren wird hier an jedem Wochenende getanzt, ab Freitag Mitternacht in der Panorama Bar, ab Sonnabend Mitternacht dann auch auf der großen Tanzfläche des Berghain; hier dauern die Partys oft bis zum Montagmorgen. Aber das Berghain ist längst mehr als ein Techno-Club, sein Programm hat sich in den letzten zehn Jahren unaufhörlich erweitert. Es hat hier Ballettaufführungen und Neue-Musik-Festivals gegeben, Kunstausstellungen und Multimedia-Performances.

Vor allem wurden hier – weit über den engen Bereich der Techno-Kultur hinaus – die interessantesten Konzerte der letzten Jahre veranstaltet. Eine ganze Generation junger Pop-Künstler hat im Berghain ihre größten Momente erlebt: von dem Dubstep-Romantiker James Blake bis zu den Extrem-Krach-Künstlern von SunnO))), von der neuen Popdiva Grimes bis zu den schroffen Elektrominimalisten von Emptyset.

Der bekannteste Türsteher Deutschlands

Im Dezember jährt sich die Eröffnung des Clubs zum zehnten Mal, die ausgedehnten Jubiläumsfeierlichkeiten beginnen aber bereits in dieser Woche. Am Donnerstagabend eröffnet in der Halle am Berghain die Ausstellung „10“, in der neun mit dem Club verbundene Künstler eigens angefertigte Arbeiten zeigen werden.

Norbert Bisky wird dabei sein, der schon im vergangenen Jahr das Bühnenbild für das „Masse“-Ballett entworfen hatte; Piotr Nathan, dessen 25 Meter lange und fünf Meter hohe Zeichnung „Rituale des Verschwindens“ den Besucher im Berghain-Foyer empfängt; Carsten Nicolai, der nicht nur als Bildender Künstler elegant-formalistische Installationen erschafft, sondern auch einer der tollsten und strengsten Produzenten elektronischer Musik der Gegenwart ist und als solcher schon oft im Berghain zu hören war; der Fotograf Ali Kepenek und die Installationskünstler Sarah Schönfeld und Viron Erol Vert.

Und natürlich Sven Marquardt, der an der Pforte zum Berghain nicht nur zum gleichermaßen beliebtesten und gefürchtetsten Türsteher des Landes geworden ist, sondern der seit einer Weile nun wieder – wie schon in den Achtziger- und Neunzigerjahren – als Fotograf arbeitet; eines seiner Bilder aus dem 2014er Projekt „Lost Highway“ zeigen wir auf dieser Seite.

Das Gesicht von Sven Marquardt findet sich wiederum auch als Motiv in der Serie „Temporary Tattoos“, in die der Berliner Künstler Marc Brandenburg sonst vor allem Architekturdetails und Gegenstände aus dem Berghain aufgenommen hat. Brandenburg ist mit Fotonegativ-artigen Bleistiftzeichnungen bekannt geworden. Vor einigen Jahren hat er eine 14 Meter lange Glaswand im ersten Stock des Berghain wie ein Kathedralenfenster bedruckt; in den ersten Jahren des Clubs stand er dort auch noch regelmäßig hinter der Bar.

Berghain kennt jede zweite Oma in Berlin

Die Fotokünstlerin Friederike von Rauch hingegen, die ebenfalls in der Ausstellung zu sehen sein wird, hat das Berghain nicht als Clubgängerin oder sonstwie während des Tanzbetriebs kennengelernt; bei ihrem ersten Besuch war sie als Fotografin und Locations Scout dort. „Ich kannte das Berghain und das Lab.oratory am Anfang nur menschenleer und bei Putzlicht“, sagt sie, „ich hab also einen ganz anderen Zugang als alle anderen Besucher und Künstler, die damit zu tun haben.“ 2006 zeigte ihr das Architektenbüro Karhard die große, leerstehende Halle daneben, und sie begann dort zu fotografieren – in jenem Raum, in dem die „10“-Schau nun stattfinden wird.

Ist die Bedeutung des Clubs nach zehn Jahren verblasst? „Jede zweite Berliner Oma hat schon einmal vom Berghain gehört“, sagt Marc Brandenburg im Gespräch, „aber bisher scheint alles so herrlich extrem wie eh und je. Strenge ist alles.“ Was bedeutet der Club also heute für ihn? Das Gleiche wie am Anfang, antwortet er, und das Gleiche, was auch schon der Vorgänger-Club, das Ostgut, für ihn bedeutet hat: „Das Berghain ist der Traum eines jeden Eskapisten. Ein Gemisch aus Freiheit, Regeln und Ritualen. Ein für mich perfektes Prinzip.“

Ausstellung „10“: Halle am Berghain; Eröffnung: Donnerstag, 7. 8., 19 Uhr; bis 31. 8. täglich außer Montag, 16–23 Uhr.

Weiteres Programm unter www.berghain.de