Ernst Piper ist Privatdozent für Neuere Geschichte an der Universität Potsdam. Unter anderem hat er Bücher über Hitlers Chefideologen Alfred Rosenberg, eine Geschichte des Nationalsozialismus von 1919 bis heute, eine Geschichte Münchens und einen Band über den Dominikanermönch Savonarola veröffentlicht. Ende vergangenen Jahres kam sein Buch „Nacht über Europa – Kulturgeschichte des Ersten Weltkriegs“ im Propyläen Verlag heraus. Ein 580 Seiten dickes, von Informationen überquellendes Buch, in dem aber dem Autor – und mit ihm dem ihm gespannt folgenden Leser – keine Sekunde der Zusammenhang des Ganzen aus dem Blickfeld gerät.

Vor ein paar Wochen erschien in der Edition Langen Stiftung „Das Zeitalter der Weltkriege 1914–1945“, ein Text-Bild-Band, herausgegeben von Ernst Piper. Ernst Piper, ein schlanker, hoch aufgeschossener Mann, begrüßt mich freundlich in seiner Wilmersdorfer Wohnung. Er ist sofort im Thema. Als ich schnell das Aufnahmegerät anstelle, spricht er gerade über Ernst Jünger.
Es ist sehr interessant die ursprünglichen, kürzlich publizierten Kriegstagebücher mit der Nachkriegs-Überarbeitung unter dem Titel „In Stahlgewittern“ zu vergleichen. Die Tonlage ändert sich doch sehr.

Heroisiert?

Ja, und teilweise auch romantisiert. Nach 1918 blaut der Himmel, die Lerche tiriliert und der Krieg wuchtet. Und auch der heroische Realismus, das findet man bei diesem Vergleich schnell heraus, ist ein Nachkriegsprodukt. Allerdings findet sich auch in den Tagebüchern schon diese radikale Unsentimentalität, die Kälte und Distanz des Beobachters, die auch vor ihm selbst nicht haltmacht. Er registriert die Verwundeten und die Toten um sich herum nicht anders als die Käfer in seiner Sammlung. Das Problem ist: Über den Krieg schreiben immer die, die ihn überleben. Da findet man dann oft die Haltung: So schlimm war es doch nicht, ich habe es ja auch überlebt. Diese Einstellung treibt Jünger – stolz auf seine 16 Verwundungen - bis zum Äußersten.

Dieses Gespräch wird am 28. Juni, am Jahrestag des Attentats von Sarajevo erscheinen. Da wird im Zentrum der Aufmerksamkeit ein Ereignis stehen. Sie haben eine Kulturgeschichte des Ersten Weltkrieges geschrieben. Das ist das Gegenteil der Geschichte eines isolierten Ereignisses.

Das stimmt. Ich bin kein Vertreter der Ereignisgeschichte, aber ich bin auch kein Strukturalist. Ich gehe aus von den Akteuren. Die spielen eine große Rolle in der Geschichte. Ein simples Beispiel: Ohne Stalin hätte es keinen Stalinismus gegeben. Es geht um Menschen, die Handlungsspielräume haben – Politiker, aber auch Wissenschaftler, Intellektuelle und Künstler. Sie zu untersuchen, ist ergiebiger als diejenigen, die aufgrund ihrer Lebensumstände kaum Möglichkeiten haben, etwas zu entscheiden oder deren Entscheidungen keine Auswirkungen haben. Der Kulturhistoriker versucht eine dichte Beschreibung der politischen Sprachen, der Diskurse, der konkurrierenden Ideologien. Es geht um Menschen, die bestimmte Vorstellungen von der Welt und von dem, was zu tun oder zu lassen sei, entwickelten und verbreiteten. Früher nannte man das Ideengeschichte, aber der Begriff ist aus der Mode gekommen.

Eine der interessantesten Passagen Ihres Buches sind die Seiten, auf denen Sie sich mit den großen Antikriegs-Demonstrationen beschäftigen, die – organisiert von der Sozialdemokratie – noch bis Ende Juli, bis zwei Tage vor Kriegsbeginn stattfanden.

Auf die manchmal gestellte Frage, ob es denn überhaupt keine Organisation gab, die gegen den Krieg war, gibt es eine einfache Antwort: Es gab eine sehr große: die europäische Arbeiterbewegung. 1914 hatte die SPD fast 35 Prozent der Wählerstimmen im Deutschen Reich. Sie hatte seit der Gründung des Deutschen Reiches immer gegen die Wehrvorlagen gestimmt, sie war eine Antikriegspartei. Das gilt genauso für die sozialdemokratischen und sozialistischen Parteien in den anderen europäischen Staaten. Es gab zwischen dem Attentat von Sarajevo und dem 1. August 1914, also während der sogenannten Julikrise, als die Kabinette in den Krieg, wie Christopher Clark sagt, „schlafwandelten“, große Antikriegs-Demonstrationen in vielen europäischen Städten. In den Jahren zuvor hatte es auch internationale Kundgebungen gegeben. Französische und deutsche Arbeiter fuhren nach London, um dort gemeinsam mit englischen Arbeitern gegen den drohenden Krieg zu demonstrieren. Es gab in Belgien und in Frankreich deutsch-französische Kundgebungen. Und Ende Juli tagte ein letztes Mal das Exekutivkomitee der Sozialistischen Internationale. Und selbst noch im Krieg kam es 1914 zu dem berühmten Weihnachtsfrieden, als französische und deutsche Soldaten an Weihnachten eine Feuerpause einlegten. Es gab keine persönliche Feindschaft zwischen ihnen. Das ist das Gegenteil eines ideologischen Vernichtungskrieges, wie er im zweiten Weltkrieg an der Ostfront geführt worden ist.

Aber die eben noch gemeinsam gegen den Krieg demonstriert hatten, zogen ein paar Tage später doch gegen einander in den Krieg.

Fast alle glaubten ihrer jeweiligen Regierung, es gehe um die Verteidigung des Vaterlandes, es sei ein Verteidigungskrieg und die jeweils anderen die Aggressoren. Und viele glaubten auch, es würde nicht lange dauern, spätestens an Weihnachten seien sie wieder zu Hause.

Kann man sagen, wann die Stimmung kippte?

Im Augenblick der Mobilmachung. Es ist sehr schwer, gegen einen Krieg zu sein, wenn er einmal begonnen hat. Sehr schnell konnte nun das, was bis dahin eine Meinungsäußerung gewesen war, als Landesverrat gelten. In der SPD-Fraktion gab es noch immer ein heftiges Für und Wider. Am 3. August 1914 sprachen sich 14 Abgeordnete gegen die Zustimmung zu den Kriegskrediten aus. 78 dafür. Anschließend wurde dann – bei immerhin 24 Gegenstimmen – der Fraktionszwang beschlossen. Der führte dazu, dass der Fraktionsvorsitzende Hugo Haase, der in der Fraktion ein entschiedener Gegner der Zustimmung gewesen war, am 4. August im Parlament die Zustimmung der Sozialdemokraten zu den Kriegskrediten vortragen musste. Zwei Abgeordnete gingen während der Abstimmung hinaus. Sie waren gegen die Mehrheitsentscheidung, wollten aber das Bild der Einigkeit nicht stören.

Wer war das?

Der eine war Karl Liebknecht, der dann im Dezember 1914 als erster SPD-Abgeordneter mit Nein stimmte und auch eine Erklärung im Reichstag zu Protokoll gab, dass dieser imperialistische Krieg nicht den Interessen des deutschen Volkes diene. Bei der Entscheidung der deutschen Sozialdemokratie für die Bewilligung der Kriegskredite spielten viele Überlegungen eine Rolle. Sie waren von Bismarck als „vaterlandslose Gesellen“, als „innere Reichsfeinde“ verfolgt worden. Es gab die Angst vor Repressionen wie zur Zeit der Sozialistengesetze, die vielen noch in lebhafter Erinnerung war; die Anpassung an die Volksstimmung; die Sorge um die Wahrung der sozialpolitischen Errungenschaften, mochten sie auch bescheiden sein, und um den organisatorischen Bestand der Partei und der Gewerkschaften; die Hoffnung auf innenpolitische Reformen, die ein gewonnener Krieg ermöglichen würde. Das alles spielte eine Rolle. Und Tatsache ist ja, dass die Sozialisten in allen Ländern den Kriegskurs ihrer Regierungen mitgetragen haben.

Sie weisen in Ihrem Buch auf eine Verschiebung der Auseinandersetzungen in der SPD hin.

Die Haltung zum Krieg sortierte die Gruppen in der SPD tatsächlich neu. Eduard Bernstein, der Chef der sogenannten Revisionisten, war Kriegsgegner. In dieser Frage war er mit einem Male auf derselben Seite der Barrikade wie die radikale Revolutionärin Rosa Luxemburg. Die Spaltung der SPD war dann ein wichtiges Ergebnis des weiteren Verlaufes des Ersten Weltkrieges. Dass es nicht nur im April 1917 zur Gründung der USPD (Unabhängige Sozialdemokratische Partei) kam, sondern sich auch zur Jahreswende 1918/1919 noch eine KPD bildete, zeigt, dass die Lage sich dann zum Ende des Krieges auch international – man denke an die Russische Revolution – radikal verändert hatte. Die Spaltung der Arbeiterbewegung in Reformer und Revolutionäre, in Sozialdemokraten und Kommunisten, war irreversibel, sie existiert bis heute.

Zurück zum 28. Juni 1914. Musste es nach der Ermordung des habsburgischen Thronfolgers und seiner Gattin, nach einem terroristischen Attentat, zum Krieg kommen oder war noch alles offen?

Diese Attentate waren damals auch eine Modeerscheinung. Die Anarchisten sprachen von der Propaganda der Tat. Auf den deutschen Kaiser hatte es zwei Attentate gegeben, der italienische König Umberto I. war ermordet worden, ebenso der russische Zar Alexander II. Attentate waren ein beliebtes Mittel des politischen Kampfes. Sie führten allerdings nie zu mehr Freiheit, sondern immer nur zu mehr Repression. Wer das Gewaltmonopol des Staates in Frage stellt, spielt den reaktionären Kräften in die Hände. Bestimmte linke Gruppen wollen das bis heute nicht begreifen.

War noch alles offen?

Ja und nein. Es wäre vielleicht nicht im August 1914 zu dem Krieg gekommen, der sich dann entwickelte, aber die Menschen lebten in einer Vorkriegszeit. Es gab diese Erwartung eines europäischen Krieges bei vielen Militärstrategen und Politikern und in völlig anderer Weise auch bei den Expressionisten und Futuristen. Krieg war damals ein Mittel der Politik. Es gab damals immer wieder Kriege, denken Sie nur an die Balkankriege. Wir machen uns ja nur darum so viele Gedanken über den Ersten Weltkrieg, weil er sich zu einem Krieg vollkommen anderer Art entwickelte, dem ersten annähernd totalen Krieg, wenn Sie so wollen. Wenn sie 68 Millionen Soldaten mobilisieren, die vier Jahre gegeneinander kämpfen, dann hat das nichts mehr mit einem Kabinettskrieg zu tun. In dieser Zeit entwickeln sich neue, ideologisch aufgeladene Kriegsziele und vor allem: Der Gegner wird zum Feind. Das Erstaunliche ist doch, dass nach dem Ersten Weltkrieg, nach 15 Millionen Toten, die Krieger nicht ermattet zu Boden sanken, sondern unentwegt weiter Kriege und Bürgerkriege geführt wurden. In Russland zum Beispiel kommen in dem Bürgerkrieg nach 1917 mehr Menschen ums Leben als im Ersten Weltkrieg. Die entfesselte Gewalttätigkeit ist nicht mehr zu bremsen. Es wird gekämpft zwischen Russen und Ukrainern, zwischen Litauern und Polen, zwischen Ungarn und Rumänen, zwischen Griechen und Türken, zwischen Engländern und Iren, um nur einige der europäischen Konflikte zu nennen. Enzo Traverso hat die Entfesselung der Destruktionspotenziale in seinem Buch „Im Bann der Gewalt – Der europäische Bürgerkrieg 1914 – 1945“ glänzend analysiert.

War 1914 noch alles offen?

Das Attentat war nur durch einen blödsinnigen Zufall erfolgreich. Der Chauffeur hatte Franz-Ferdinand missverstanden und war in die falsche Richtung gefahren. Hätte er das nicht getan, hätte Gavrilo Princip nicht schießen können. Die anderen Attentäter waren bereits gescheitert. Der Thronfolger hätte überlebt. Aber an der Grundkonstellation in Europa hätte das nichts geändert. Die vorhandenen Konfliktstoffe wären dadurch nicht entschärft worden. Die Entladung lag in der Luft.

Das Gespräch führte Arno Widmann.