Schon feierlich, wie es glitzert und glänzt in der Volksbühne dieser Tage: eine silberne Lametta-Brechtgardine funkelt vor dem Bühnenrund und Glitzergirlanden verbinden es mit dem Zuschauerraum. Früher sah man solchen Schmuck an Autohäusern, woran zu denken ganz sicher Intention ist. Denn was an diesem Abend mit dem Titel „Ach Volk, du obermieses“ gefeiert wird, ist eigentlich nichts anderes, als der knisternde Zusammenschluss von Alltag und Kunst. Schon vor hundert Jahren war er so etwas wie der revolutionäre Grundstein der neuen Volksbühne.

So ganz blank will der Jubiläums-Conférencier Jürgen Kuttner die Bezeichnung „Volksbühne“ dennoch nicht stehen lassen: Was ist schon „Volk“? Was also „Volksbühne“? Eine explosive Problemehe − sicher. Aber auch etwas sehr Achtbares im historischen Blick. Denn es waren die „Volk“ genannten kleinen Leute, Arbeiter mit schmaler Lohntüte, aber großem Bildungshunger, die ausgeschlossen aus dem politischen und kulturellen Leben des Bismarck’schen Kaiserreichs schließlich die „Freie Volksbühne“ gründeten: 1890 erst als Verein, der auch ihnen bezahlbare Theaterbesuche ermöglichte, 1914 dann als eigenes Haus.

Von Beginn an war die Volksbühne also ein Theater des anderen Publikums und der anderen Kunst. Kein elitärer Bildungstempel von höheren Weihen, sondern ein Kunstort der Greifbarkeit, ein Theater der ästhetischen und sozialen Grenzüberschreitungen und gesellschaftlichen Bewusstwerdung.

Selbstironisch bissiger Ton

Kuttner fand ein Kürzel für die Spitzenzeiten dieses Selbstverständnisses: „PBC − Piscator, Besson, Castorf“. Und er hat ja recht. Auf der Leinwand hinter ihm − auch so ein Erneuerungsrelikt der „PBC“-Zeit − sehen wir dazu den Videoschnipsel aus einer chinesischen Revolutionsoper: Drei hübsche Maoisten zelebrieren artistisches Kampfballett gegen böse Feinde.

Überhaupt herrscht ein selbstironisch bissiger Ton an diesem launigen Abend. Man schont niemanden, am wenigsten sich selbst, weshalb das „K-Wort“ für „Krise“ und „Kartoffelsalat“ auch etwas zu oft fällt.

Kein Guido-Knopp-Abriss ist diese Revue, aber auch kein typischer Kuttner-Abend, sondern in bester Volksbühnenmanier ein lässig intelligenter Anspielungsreigen auf das Nichttheatern und die Tücken und Fallen der Geschichtsschreibung selbst − Szenen über Pathos und Verklärung mit dem immer gespaltenen Theater-Kamera-Blick.

So taucht neben der strengen Sophie Rois, die Heiner Müllers geschichtspessimistischen „Mommsens Block“ vorträgt, der klamaukige Mex Schlüpfer auf, der als Nachtpförtner Theaterkollegen denunziert (Polizeiprotokolle aus den 1970ern). Stargast Henry Hübchen wird als „Verflossener“ in einem Wohnwagen aufgeschoben und darf dank Life-Film-Technik − als sei es die eigene Drehpause − mit Margarita Breitkreiz eine irre „Molotow- Coctail-Party“ mixen. Ursula Karusseit singt noch einmal Brechts „Lied vom 8. Elefanten“, wie sie es schon unter Benno Besson tat, und dann ist da noch die sagenhafte Suse Wächter und ihre Puppen. Sie zeigt mit einem kitschig menschelnden Hitler, wo gegenwärtige Geschichtsbildung angekommen ist. Und am Ende hat sie die garstige Schlusspointe bereit: eine eben geschlüpfte Babypuppe bemächtigt sich des Volksbühnenmodells und krächzt mit Rammstein-Stimme „ich will“.

Weitere Termine 6., 17., 31. Dez.; 9., 24. Jan. in der Volksbühne, Tel: 24065777