Joaquin Phoenix verkörpert den Joker kongenial.
Foto: Joker Screenshot/warnerbros.de

BerlinDas Böse in seinem ganzen, von den niedersten bis zu den erhabensten Dimensionen reichenden Wesen erfasst zu haben: So in etwa ließe sich Todd Phillips neuester Film „Joker“ etwas reißerisch, aber doch zutreffend beschreiben. Unbedingt sehenswert ist diese durch viele Schichten und Windungen führende Talfahrt in die Abgründe des Menschlich-allzu-Menschlichen. 

Das wiederum von Joaquin Phoenix in meisterhafter, allemal beängstigender, da unabweisbar nahegehender Weise dargestellt wird: Der Schauspieler gleitet über viele Etappen in den mörderischen Wahnsinn ab, jede einzelne dieser Etappen ist nachvollziehbar und sogar gut begründet – und doch ist das Gesamtbild am Schluss von monströser Unfasslichkeit.

Mit elf Nominierungen geht der Film „Joker“ als großer Favorit in das diesjährige Oscar-Rennen. Der Film über den Batman-Erzfeind wurde am Montag von der Academy of Motion Picture Arts and Sciences in elf Kategorien nominiert, darunter als bester Film, für den besten Hauptdarsteller und für die beste Regie. Das ist eine beruhigende Meldung insofern, als dieser großartige Film jede Ehrung verdient hat. Und sich dabei noch in bester Gesellschaft befindet: Jeweils zehn Nominierungen gab es für Quentin Tarantinos Hollywood-Hommage „Once Upon a Time … in Hollywood“, den Mafia-Film „The Irishman“ von Martin Scorsese und das Weltkriegsepos „1917“ von Sam Mendes. In dieser erlauchten Konkurrenz hat der „Joker“ durchaus gute Chancen.

Beunruhigend an dem Nominierungserfolg von „Joker“ ist der Umstand, dass uns der Film, der ja eigentlich eine Comicverfilmung ist, in drastischer Weise daran erinnert, in welchem erbarmungswürdigen Zustand sich die Welt befindet, in der wir zur Zeit leben – Popcorn-Kino zum Entspannen sieht gewiss anders aus.

Der „Joker ist nicht nur als allgemeine, philosophische Abhandlung der Conditio humana, sondern auch als aktueller Kommentar zum Niedergang der USA unter Donald Trump zu verstehen, der sozialen Verwahrlosung, der unzureichenden Gesundheitsvorsorge, der moralischen Haltlosigkeit. Und eben das trifft die Comic-Vorlage sehr genau: Der Erzfeind des nicht minder zwielichtigen Schurkenjägers Batman war immer schon das Symptom einer kaputten Gesellschaft.

Joker begann in den 30er-Jahren als einfacher Massenmörder. Heute ist er ein Superschizo, dessen moralische Unzuverlässigkeit uns an die Vorläufigkeit zivilisatorischer Errungenschaften erinnert. Großes Kino!