Raus aus der Schmuddelecke und rein in den Kinosaal: Das dachten sich vor zwölf Jahren die Initiatoren des Pornfilmfestivals (PFF) Berlin und riefen eine Veranstaltungsreihe ins Leben, die weit mehr umfasst als Pornografie auf der großen Leinwand.

Workshops, Diskussionen, Partys und Performances gehören ebenso zum PFF-Programm wie spannende Dokus, Biopics und Indie-Perlen ohne explizite Sex-Szenen.

Jedes Jahr Ende Oktober kommen mehr Besucher aus aller Welt ins Kreuzberger Kino Moviemento und ins Spektrum, um Filme zu sehen, die so divers und vielfältig sind, wie das Publikum - queer, historisch (Festivalsektion Retrospektive) und sozialkritisch. Hier sind zehn Empfehlungen aus dem am Dienstag beginnenden Programm:

Für Weltenbummler: "Lipstick under my Burkha"

Darum geht's: Regisseurin Alankrita Shrivastava erzählt in "Lipstick under my Burkha" von vier sehr unterschiedlichen Frauen, die in der konservativen indischen Gesellschaft nach Freiheit suchen: Ein Burka tragendes Schulmädchen versucht den Zwängen und Regeln der Tradition zu entfliehen und ihre Sexualität zu erforschen. Eine 55-jährige Witwe entdeckt nach der Lektüre eines erotischen Romans das eigene lang unterdrückte Begehren – in der Leidenschaft für einen viel jüngeren Schwimmlehrer. Eine Ehefrau versucht jenseits der Fesseln von Haushalt und Familie auf eigenen Beinen zu stehen. Und eine junge, sexuell freigeistige Frau plant, vor der von den Eltern bereits arrangierten Hochzeit mit ihrem muslimischen Liebhaber durchzubrennen. 

Läuft am: Mittwoch, 25.10., 20.45 Uhr / Sonntag, 29.10., 14.30  Uhr
Merkmale: Hetero / Schwul / Lesbisch / Explizite Szenen

Für Lokalpatrioten: "Berlin Drifters" 

Darum geht's: Der junge schwule Japaner Lyota kommt nach Berlin, um dort eine Internetbekannschaft zu treffen. Seine Hoffnungen werden jedoch enttäuscht, als er nach dem Sex direkt auf die Straße gesetzt wird. In einer Bar trifft er den einsamen Koichi, der ihm Unterkunft gewährt. Täglich streift Lyota nun durch die Straßen Berlins, auch zwischen den beiden Protagonisten entsteht eine intensivere Verbindung. Nachdem er beim Pornfilmfestival 2013 mit einer Retrospektive zu Gast war, beschloss der japanische Schauspieler und Regisseur Koichi Imaizumi, seinen neuen Film in Berlin zu inszenieren – entstanden ist eine Großstadtballade über die kollektive Einsamkeit in der Dating-Welt.

Läuft am: Donnerstag, 26.10., 16 Uhr / Sonntag, 29.10., 16.15 Uhr
Merkmale: Schwul / Explizite Szenen

Für Humanisten: "Pieles - Du kannst nicht aus deiner Haut"

Darum geht's: Ein Mädchen, das statt eines Mundes einen Anus im Gesicht trägt. Ein junger Mann, der davon träumt, sich die Beine abzuschneiden und eine Meerjungfrau zu werden. Eine Prostituierte ohne Augen, die Diamanten in den leeren Augenhöhlen trägt. Die „Deformierten“, zu denen auch Dicke und Kleinwüchsige zählen, trauen sich nur selten auf die Straße. Das episodische Langfilmdebüt des spanischen Regisseurs Eduardo Casanova - bei der Berlinale im Februar hatte es Premiere, beim PFF läuft es nun als offizieller Abschlussfilm - nutzt bewusst artifizielle, rosa- und lilafarbene Bilder für die Verstecke der Menschen, denen in ihrem gesellschaftlichen Außenseitertum nur wenige geschützte Räume bleiben. 

Läuft am: Sonntag, 29.10., 21 Uhr / 21.15 Uhr / 21.30 Uhr

Für Comic-Begeisterte: "Tom of Finland"

Darum geht's: Ein junger Mann in der düsteren Einöde Finnlands beginnt in den verklemmten Fünfzigerjahren aus Frust, seine Fantasien von schönen, starken und begehrenswerten Männern zu zeichnen – und tritt damit eine sexuelle Revolution los. Eine ganze Generation schwuler Männer wurde von den Zeichnungen von Touko Laaksonen alias Tom of Finland in ihrem Aussehen und Habitus nachhaltig geprägt. In diesem Biopic wird erstmals der Mensch hinter den Muskelpaketen in Uniform vorgestellt.

Läuft am: Mittwoch, 25.10., 16 Uhr
Merkmale: Schwul / Keine expliziten Szenen

Für Musikalische: "A journey through mexican trash pop culture"

Darum geht's: Um trashige mexikanische Musikvideos. Carlos Oceguera, der zwei Clubs in Guadalajara betreibt, führt die Zuschauer in diesem sexy, aber gänzlich unpornösen Festival-Sonderprogramm in die schrille Welt der Diven in seiner Heimat ein: Pop meets Politics!

Läuft am: Freitag, 27.10., 20.15 Uhr
Merkmale: Keine expliziten Szenen

Für Feministinnen: "Die Misandristinnen" 

Darum geht's:  In einer Klosterschule irgendwo im Nirgendwo wird die feministische Revolution geplant - von einer lesbischen Terrorzelle namens "Female Liberation Army", die dem Heteropatriarchat den bewaffneten Krieg erklärt hat. Der Zusammenhalt der Splittergruppe bekommt allerdings Risse, als die Novizinnen Isolde und Hilde beschließen, heimlich einen verletzten, von der Polizei gesuchten Mann zu verstecken. Auch in seinem neuesten Streich nimmt Kult-Regisseur Bruce LaBruce selbstironisch die Geschlechterklischees aufs Korn.

Läuft am: Mittwoch, 25.10., 23 Uhr / Donnerstag, 26.10., 12 Uhr
Merkmale: Lesbisch / Transgender / Explizite Szenen

Für Doku-Liebhaber: "Pornocratie"

Darum geht's: Ovidie, die auch beim PFF-Eröffnungsfilm "Les prédatrices" Regie geführt hat, tritt in "Pornocratie" erstmals auch als investigative Dokumentaristin in Erscheinung – und untersucht die Bedingungen, unter denen Pornografie heute entsteht und vermarktet wird. Wer steckt hinter YouPorn, PornHub und anderen, angeblich von Amateuren befüllten Streamingsites? Wie sind sie organisiert und gibt es vielleicht schon längst neue Porno-Monopole hinter den zahllosen Plattformen? Die von Ovidie diskutierten Fragen dienen auch als Ausgangspunkt für eine Podiumsdiskussion (Eintritt frei), die sich mit dem Stand der Dinge in der Pornoindustrie auseinandersetzt.

Läuft am: Freitag, 27.10., 20.30 Uhr / Im Spektrum: Samstag, 28.10., 14 Uhr & Diskussion um 16 Uhr
Merkmale: Hetero / Schwul / Lesbisch / Exlizite Szenen

Für Fessel-Fans: "Instant Intimacy"

Darum geht's: Kristina Marlen ist Sexarbeiterin in Berlin. Sexarbeit ist für sie kein Zwang, sondern Berufung: Als Aktivistin arbeitet sie an einer Vision, wie selbstbestimmte Sexarbeiterinnen die Gesellschaft verbessern können. In ihrer persönlichen Arbeit kombiniert sie das tantrische Ritual mit Elementen des BDSM. Ihre Leidenschaft gilt der japanischen Seilbondage: Beim PFF ermöglicht sie den Besuchern eine Begegnung mit Kinbaku/Shibari, der Kunst des erotischen Fesselns. Bei ihrer interaktiven, begehbaren Performanceinstallation kann man einfach nur zuschauen oder sich selbst von Marlen fesseln lassen.

Läuft am: Donnerstag, 26.10., 20 Uhr, Altes Finanzamt (Schönstedtstraße 7, 12043 Berlin)
Merkmale: Performance

Für historisch Interessierte: Mansfield 66/67

Darum geht's: „Jayne Mansfield, die keine dumme Blondine war, verbrachte die meiste Zeit ihres Lebens damit, dieses Image zu fördern. Sie war ein Klischee, fast eine Karikatur des dummen Blondchens: größer, blonder, dümmer, mehr publicity-versessen als alle, die vor ihr waren“,  schrieb der große Filmkritiker Roger Ebert einmal über das Sexsymbol der 50er. So tragisch Mansfields Tod war, so ambivalent war ihr Leben. Sie selbst spielte bewusst mit ihrem Image. Dieser musicalartige Dokumentarfilm nähert sich der Ikone auf spielerische Art, indem er Archivmaterial mit Re-enactments, Tanznummern und Animationssequenzen verknüpft.

Läuft am: Donnerstag, 26.10., 18.15 Uhr / Sonntag, 29.10., 14 Uhr
Merkmale: Hetero / Keine expliziten Szenen

Für Entdecker: Discovery Porn Shorts

Darum geht's: Wer cineastische Quickies mag, ist beim Kurzfilmprogramm des Festivals richtig. Hier gibt es thematische Schwerpunkte für alle sexuellen Identitäten und Vorlieben wie Fetisch und BDSM, aber auch Filme von Frauen für Frauen, mit besonders lustiger Handlung oder mit politischem Anspruch. Das Programm "Discovery" läuft beim diesjährigen PFF zum ersten Mal: Hier gibt es zwölf Filme zu entdecken, denen eine lustforschende Einstellung zugrunde liegt, etwa wenn es um die ersten Erfahrungen mit Internet-Pornografie oder Bondage geht. Schließlich ist Sexualität immer auch ein Prozess, ein Abenteuer und eine Reise in die Selbstfindung. 

Läuft am: Mittwoch, 25.10., 14.30 Uhr / Sonntag, 29.10., 16.45 Uhr
Merkmale: Hetero / Schwul / Lesbisch / Explizite Szenen

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Das gesamte Programm mit allen Terminen und Tickets gibt es auf pornfilmfestivalberlin.de