Solomon Northup ist ein geachteter Mann. Wenn er 1841 durch das Städtchen Saratoga Springs im Staat New York spaziert, lüpfen seine Mitbürger respektvoll den Hut. Sie halten gern eine Schwätzchen mit ihm auf der Straße, erkundigen sich nach dem Befinden von Frau und Kindern. Solomon Northup ist ein Bürger unter Bürgern, ein stolzer Mann, der auf sich achtet, mit zufriedenen Gesichtszügen, die vielleicht sogar ein wenig herablassend wirken. Jedenfalls ist er sich seines gewinnenden Wesens und seiner Beliebtheit in der Gemeinde gewiss.

Diese ersten Szenen des Films sind unvergesslich, und zwar gerade wegen ihrer absoluten Normalität. Mit Ausnahme eines Details. Wahrscheinlich wurde noch nie im Kino ein schwarzer Mann in derart biedermeierlicher Behaglichkeit gezeigt, als Teil eines historisch bürgerlichen Idylls, in dem die Hautfarbe keine Rolle spielt. Solomon Northup – großartig gespielt von Chiwetel Ejiofor, dessen Augen auf dem Zuschauer ruhen können, statt umgekehrt, so intensiv blickt er einen an – ist ein Violinist, ein belesener Mann mit einer glücklichen Vorzeigefamilie, die es an Respektabilität mit jeder anderen in seiner Kommune aufnehmen kann.

Aufgewacht in Ketten

Weil seine Frau ohnehin ein paar Tage auswärts arbeitet, nimmt er ohne jemandem Bescheid zu sagen, ein kurzes Engagement in einem Varieté in Washington an. Nach dem Auftritt betrunken und bewusstlos gemacht, wacht er am nächsten Morgen in Ketten auf, in einem düsteren Kellerverlies, wo ihm die ersten Schläge verpasst werden, die ersten von unzählig vielen.

Solomon Northup wird von Sklavenhändlern in den amerikanischen Süden verschleppt, wo der Privatbesitz von unfreien Arbeitskräften noch immer zu Recht und Gesetz gehören. Zwölf Jahre wird er von nun an auf verschiedenen Baumwollplantagen arbeiten und die ganze Hölle der Sklaverei durchleben. Es ist ein Schicksal, das vielen Tausenden widerfuhr, die aus den Nordstaaten nach Louisiana, Alabama oder Virginia entführt wurden. Solomon Northup gab es wirklich. Nach seiner Befreiung schrieb er ein vor dem amerikanischen Bürgerkrieg unter eben jenem Titel „12 Years a Slave“ ein viel gelesenes Buch.

Nicht, dass die Sklaverei dem amerikanischen Kino neu wäre: Im Gegenteil, wie oft haben wir das schon gesehen: die Sklavenauktionen, das Prüfen der Zähne, die brutalen Vorarbeiter, die launischen Plantagenbesitzer, die lüsternen, verdrucksten weißen Frauen, die sadistische sexuelle Ausbeutung. Alles das gibt es auch hier. Und immer wieder die Peitsche, die entblößten Rücken, die aufplatzende Haut. Und doch klingen viele amerikanische Kritiken so, als hätte es erst des britischen Regisseurs Steve McQueen bedurft, um angemessen tief in die grausame Vergangenheit der Nation zu blicken.

Aufklärerischer Schock

Der Grund für den aufklärerischen Schock, den „12 Years a Slave“ in Amerika auslöst, liegt in eben jenem Umstand, dass hier einmal nicht ein geborener Sklave befreit, sondern ein freier Bürger versklavt wird. Des Menschen Mitleid ist eine knappe Ressource, die vor allem denen zuteil wird, die uns ähnlich sind. Regisseur Steve McQueen rechnet illusionslos mit dieser Ökonomie des Mitleids. Die Grausamkeit der Sklaverei wird deutlicher, wenn sie einen Mann ereilt, der zuvor die Wonnen der Freiheit und den American Way of Life genossen hat. Ist aber die Sklaverei für einen feinsinnigen Geiger wirklich schlimmer als für einen ungebildeten verschleppten Afrikaner oder einen seiner in Unfreiheit aufgewachsenen Nachkommen?

McQueen, Brite mit karibischen Vorfahren, Videokünstler, Fotograf und Schöpfer der eigenwilligen Spielfilme „Hunger“ und „Shame“ macht sich über den Edelmut des Menschen nicht viel Illusionen. In einer grässlichen Szene wird Northup zur Strafe für seinen Widerstand gegen einen Aufseher aufgehängt. Seine Füße erreichen gerade noch mit den Zehenspitzen den Boden. Auf ihnen muss er nun mit äußerster Anstrengung tippeln, um nicht zu ersticken. Während dieses grausamen, quälend langen Balletts erkennt der entsetzte Zuschauer, wie im Hintergrund das Leben der Sklavencommunity mit munter spielenden Kindern und vorbeispazierenden Frauen ungerührt weitergeht.

Integration ins Böse

Und Northup selbst wird Teil des Systems. Als die Herrin ihren Mann nötigt, dessen schwarze Geliebte auszupeitschen, gibt er das Folterinstrument nach den ersten Schlägen mit perfider Lust an Northup weiter. Der Farmer zwingt ihn, die Leidensgefährtin immer härter zu quälen. Diese Integration Northups ins Böse ist die Spitze der Demütigung, weil sie den provozierenden Edelmut des Sklaven brechen soll. Er soll sich nicht länger über die Verkommenheiten seines Peinigers (Michael Fassbender) erhaben fühlen. Dass darin in pervertierter Form noch ein gewisses Gefühl für verlorenen Anstand liegt, gehört zur düsteren Raffinesse des Films.

Die geschliffenen Umgangsformen Northups geraten ihm abwechselnd zum Vor- und Nachteil. Mal rührt er seine wechselnden Herren, zumal wenn sie es verstehen Northups Intelligenz ökonomisch zu nutzen. Dann darf er auf ihren Festen mal ein wenig Geige spielen. Meistens aber löst die Feinsinnigkeit des Sklaven bloß eine Steigerung der verabreichten Gemeinheiten aus. Je gröber und verkommener das Aufseherpack ist, umso mehr Hass erregt bei ihnen Northups Noblesse, ganz so, als spürten sie, dass ihre Herrschaft widernatürlich ist im Sinne der Aufklärung. Der feine Herr ganz unten, der tumbe Tölpel ganz oben – es ist der klassische, bürgerliche Seelenadel, der hier mit Füßen getreten wird und nach seinem Recht auf Freiheit verlangt.

Was aber ist mit denen, die uns fremder sind, die dem Idealbild von uns selbst nicht entsprechen?