Venedig. Palazzo Venier dei Leoni am Canal Grande. Egal zu welcher Jahreszeit – hier begreift  der Besucher, was schon Goethe mit Genius Loci, dem „Geist des Ortes“, meinte.

Die Peggy-Guggenheim-Foundation ist  seit Langem Wallfahrtsort eines Kunstpublikums, das mit den Positionen der konzeptionellen und theorielastigen  Gegenwartskunst – alle zwei Jahre auf der Biennale  di Venezia offeriert – immer weniger anzufangen weiß. Wenn sich Sinnsucher und Ästheten nach dem Marathon in den Guardini durch die Pavillons  den Abendschimmer im Guggenheim-Refugium am Wasser gönnen, ist die Kunstwelt in Ordnung.

Verträumt und beseelt  betrachten sie all die in den Parnass erhobenen Werke der Klassischen Moderne. Dann sitzen sie im Garten des einstigen Weltkunstreichs der  Sammlerin und stellen sich vor, wie die „letzte Dogaressa“ (Titel der Ehefrauen der Dogen), so nannten die Venezianer  mit liebvollem Spott diese „verrückte Amerikanerin“, sich tagtäglich mit der Privatgondel durch die Lagunen staken ließ.

Als sie dieses Ritual pflegte, war sie schon eine aparte alte Dame,  immer mit Grandezza. Das erotische Knistern und Funkeln in ihrem männerreichen Leben hatte sich da längst auf ihre Sammlerinnen-Obsession, auf die Werke verlegt: auf Kubismus, Futurismus, Dadaismus, Surrealismus, auf  Abstraktes von Kandinsky über Rothko zu Vasarely.

Die wohl berühmteste Kunstsammlerin, -händlerin und Mäzenin des 20. Jahrhunderts wurde vor 120 Jahren, am 26. August 1898, in New York geboren und  wuchs dort auf. Seit ihren Zwanzigern aber war sie zumeist in Europa zu Hause. Sie wurde Zeugin bedeutender Ereignisse, die das 20. Jahrhundert nachhaltig prägten. Blüte und Verfall, zwei Weltkriege und Wiederaufbau.

Ihr Vater, der Lebemann Benjamin Guggenheim, kam 1912   als Luxuspassagier der Titanic in den eisigen Fluten des Nordatlantiks ums Leben – nachdem er  geholfen hatte, Frauen und Kinder in die Rettungsboote zu setzen. Der Verlust des geliebten Vaters prägte Peggy Guggenheims Leben. Ihn suchte sie, das bekannte sie auch in ihren Memoiren, in jedem Mann mit dem sie, lang oder kurz, zusammen war. 

In  turbulenten und schier hoffnungslosen Zeiten von Krieg und Faschismus über Europa, ebenso nach dem Krieg, schaffte sie es, in Paris, London, New York und zuletzt in Venedig eine der größten und zudem systematischsten Kunstsammlungen der Welt zusammenzuholen und so die einflussreichsten Künstler des Jahrhunderts zu fördern.

Sie starb am 23. Dezember 1979 in Campo San Piero/Venedig und hinterließ direkt am Canal Grande die 1951 entstandene Peggy-Guggenheim-Foundation voller Kunstschätze der Klassischen Moderne mit einem malerischen Skulpturengarten, in dem sie neben ihren Hunden beerdigt wurde. 1980 wurde der Kunstort restauriert und neu eröffnet – als ein Weltmuseum, das auch außerhalb der Kunstbiennalen ein Magnet ist.

Diese ungewöhnliche Frau hatte bei ihrer Geburt anscheinend wesentliche Eigenschaften von zwei Sternzeichen  abbekommen: vom starken, unerschrockenen Löwen  und von der eskapistischen Jungfrau. Ihr Leben lang war  sie  von Rastlosigkeit getrieben.

Bis zuletzt suchte sie sozusagen nach einer noch unbekannten Jahreszeit. Einhellig sagen Biografen, sie sei eine Süchtige gewesen: süchtig nach Kunst, süchtig nach Männern. Man sagt, ihr Lebensstil hätte eine einzige Provokation dargestellt. Diese, nach fotografischer Überlieferung eher herbe, keineswegs hübsche Frau habe alles gewollt. Alles und noch mehr.

Die Exzentrische war maßlos in ihrem Anspruch, maßlos in ihrer Großzügigkeit, spontan und rückhaltlos in ihrem Reden und Tun. Rückblickend sagte sie denn auch ohne Reue: „Ich habe immer getan, was ich wollte, und kümmerte mich nie darum, was jemand dachte. Women's lib? Ich war eine befreite Frau, lange bevor es den Begriff gab.“ 

Ihr Leben für die Kunst war also vor allem der enge Kontakt mit  Künstlern ihrer Zeit. Sie hatte die Gabe, zu inspirieren. Das Entstandene hat sie dann gesammelt, verkauft, getauscht. Zugleich war sie eine großzügige Förderin, nie fragte sie danach, ob sie das vorgeschossene Geld jemals wiederbekommen würde. 

Zu Beginn der 20er-Jahre war die Tochter aus einer  schwerreichen  jüdischen amerikanischen Großbürgerfamilie nach Paris gegangen. Sie war vertraut mit gesellschaftlichen Konventionen, ließ sie jedoch später immer wieder völlig außer Acht. Sie fiel auf, weil sie sich nicht anpassen wollte. Endlich volljährig und mit einem Millionenerbe in der Tasche zog Paris, dieser künstlerische und intellektuelle Magnet in Europa, sie mächtig  an.

Hier führte sie im Montparnasse-Viertel ein  freies Leben, umgeben von vielen der Künstler, deren Karrieren sie später einmal fördern sollte.  1923 heiratete sie Hals über Kopf den Allround-Künstler Lawrence Vail. Mit ihm, bekannte sie freimütig  in ihren Memoiren, habe sie  all jene Stellungen der Liebeskunst ausprobiert, die sie auf den pompejischen Wandgemälden der Villa der Mysterien so faszinierten. Vail war der Vater ihrer Kinder Sindbad und Peggeen. Die Ehe hielt nur sieben Jahre.

Und sie hatte eine kurze, aber heftige Affäre mit dem Schriftsteller Samuel Beckett. Er regte sie an, Kunst zu sammeln. Und das tat sie systematisch. Bekannt für ihr untrügliches Gespür für außergewöhnliche zeitgenössische Kunst, eröffnete sie 1938 eine Galerie in London.

Zu einer Zeit, da in Deutschland Werke von Surrealisten und Expressionisten als „entartete Kunst“ galten, präsentierte sie Bilder von Jean Cocteau und Wassily Kandinsky, Henri Laurens, Jean Arp, Max Ernst und Pablo Picasso. Doch nach nur einem Jahr schloss sie die Galerie wieder; sie warf keinen Gewinn ab.

Als der Einmarsch der deutschen Wehrmacht in Paris drohte, kaufte die Sammlerin auf Anraten eines Freundes, des Kunshistorikers Herbert Read, eiligst Werke der berühmtesten Künstler der Avantgarde, die vor ihrer Emigration noch  panisch verkauften. Als Hausrat deklariert, gingen die Werke von Marseille aus mit dem Schiff nach Übersee.

Im Juli 1941 landete die Amerikanerin zusammen mit ihrer neuen Liebe, dem deutschen Surrealisten  Max Ernst, in New York. Jedoch auch diese zweite Ehe stand unter keinem guten Stern: Zerwürfnisse führten zu öffentlichen Szenen. Zum Trost begann sie eine Liaison  mit ihrem alten Freund Duchamp. Froher machte das beide nicht. Notretter wurden Tabletten und Alkohol.

Kaum zu glauben, aber wie unberührt von diesem exzessiven Lebenswandel blühte derweil  ihr Kunstgeschäft auf, mit der  legendären New Yorker Galerie „Art of this Century“. An diesem Ort erlebte der junge Jackson Pollock seinen  Durchbruch, gefolgt von Robert Motherwell, Ad Reinhardt, Louise Nevelson, Meret Oppenheim.

Und mit der Kunst  des Surrealisten Yves Tanguy auf der einen und den Mobiles  des Amerikaners Alexander Calder auf der anderen Seite demonstrierte die Galeristin ihre unorthodox-gleichwertige Liebe für Surrealisten und Abstrakte. Und schon  damals kaufte sie so gut wie jeden Tag ein Bild.

Als ihre Avantgarde-Sammlung 1948 den Großen Teich überquerte, eingeladen zur Biennale in  Venedig, war das der Auslöser für die Rückkehr nach Europa.  Ihre Show war ein Hype. Im griechischen Pavillon zeigte sie Surrealisten, Dadaisten, Kubisten und abstrakte Expressionisten – so etwas hatte man noch nie auf einer Biennale gesehen.

Die Ausstellung zeigte 136 Werke aus ihrer Privatsammlung –  Skulpturen von Alberto Giacometti, Gemälde von Jean Arp und Max Ernst und Mobiles von Piet Mondrian. Daraufhin zog sie mit ihrer  nun weithin gerühmten Kollektion an den Canal Grande.  Der venezianische Palazzo wurde ihr letztes Zuhause,   Ruhe freilich fand sie auch da nicht.

Sie machte ihr Testament. Nach ihren Tod sollte ihre Sammlung  der Solomon R. Guggenheim Foundation angehören, gegründet von ihrem Onkel, einer, der sie verstand, anders als viele in der Familie, für die sie nur „die Verrückte“ war. Bedingung: Die riesige Kollektion musste in Venedig  bleiben.

Kunst und Künstler gaben Peggy Guggenheims Leben Glanz. Hindernisse steigerten ihre Umtriebigkeit. Das 20. Jahrhundert, behauptete die Sammlerin am Lebensende, habe sein Soll an Genies erfüllt.  Und für sie waren es: Picasso, Matisse, Mondrian, Kandinsky, Klee, Leger, Braque, Gris, Miró, Brancusi, Arp, Giacometti, Lipchitz, Calder, Pevsner, Moore, Pollock. Nicht wenige der Genannten waren zuvor ihre Geliebten, gar kurzzeitig Ehemänner, wie Max Ernst, durch ihre Liebe gerettet vor den Nazis.                                                                                                                                                                  Die Schau „1948: The Biennale of Peggy Guggenheim“  bis 25.11.  im Guggenheim-Museum Venedig ist eine Hommage an die Biennale Peggy Guggenheims von 1948. Im  Verlag ebersbach & simon erscheint die aktualisierte Fassung von Annette Seemans  Peggy-Guggenheim-Biografie „Ich bin eine befreite Frau“.