15. Berliner Poesiefestival: Der meditative Faktor von Fledermäusen

Berlin - Angenehm kühl und schattig ist es im Foyer der Akademie der Künste. Dazu gibt es kühle und schattige Musik – vielleicht HipHop. Dann öffnen sich die Türen zum Auftakt des 15. Berliner Poesiefestivals. Die Einlasser verteilen kleine Büchlein mit den gleich zu hörenden Texten in deutscher Übersetzung und Leselampen. Der Abend hat sich schon gelohnt, denkt man sich wegen des Lämpchens, wohl wissend, dass das kleinlich und irgendwie unpassend ist. Eigentlich soll die Lampe das Büchlein illuminieren, denn die Herren und Damen Dichter/innen lesen ihre Texte heute im Original. „Weltklang – Nacht der Poesie“ so der Titel des Abends.

Der Oberfeuilletonist einer großen österreichischen Tageszeitung hat mir bei einem Abendessen mit Kollegen in Salzburg einmal erzählt: Gedichte lesen, das ist wie meditieren. Damals lachte ich ein wenig. Heute möchte ich jedoch ausprobieren, ob das auch beim Gedichte hören klappt. Büchlein und Lampe verschwinden in der Tasche. Ich bin nur zweieinhalb der gleich zu hörenden Sprachen mächtig und richte mich auf (Achtung Wortspiel!) OnomatoPoesie ein. Davon verspreche ich mir einen stärkeren meditativen Effekt.

Die Kritikerin Insa Wilke moderiert und widmet sich noch einmal dem Titel des Abends. „Weltklang“ – das sei ja Singular und gleichzeitig ein Pluraletantum. Oha, denkt man sich und möchte zum Büchlein greifen, in der Hoffnung auf Verständnishilfe. Aber da erklimmt der erste Dichter die Bühne.

Erstmal einen rauchen

Gernhardt-Preisträger Paulus Böhmer ist ein Meister des Lang-Poems und ein Berg von einem Mann. Er liest aus seinem Zyklus „Zum Wasser will/alles/Wasser will weg“. Es ist ein Schnaufen und Rasseln und Hauchen. Es geht um Kindheit und Krieg und Engel, die Bomben tragen. Ich fühle Erschöpfung in mir aufsteigen. Auch die nächste Dichterin arbeitet in einer mir bekannten Sprache. Doch zum ersten Mal verstehe ich nichts. Die Österreicherin Anja Utler liefert Klangkunst. Sie spricht, während Fragmente von Band ertönen. Die Mehrstimmigkeit erzeugt ein Plätschern, dem der Geist angestrengt zu folgen versucht, um irgendwann aufzugeben. Ich wünsche mir einen Joint.

Würde Alice Notley mitrauchen? Groß, grau und langhaarig betritt die Amerikanerin der Bühne. Im hypnotischen Lesestrom der Frau aus Arizona geht es viel um „love“ und „soul“. Ich spüre, wie ich langsam meine Mitte finde. Doch dann passiert Ko Un. Der adrette Südkoreaner startet lautstark und fauchend. Endlich verstehe ich kein Wort. Überall im Saal beginnen die Leselämpchen zu glühen. Kos Zeilen scheinen mir wie Verwünschungen, wie mächtige Zauberformeln. Als wäre der Emphase nicht genug, begleitet der Dichter sich mit ausladenden Handbewegungen.

Ko Un schließt. Es erklingt erfrischende Pausen-Musik – vielleicht Deep House. Ich schmuggle ein halbvolles Weinglas in den Saal. Dann geht es weiter mit Les Murray. Ein korpulenter, gewitzter Clown in buntem Strickpullover und mit Schirmmütze. Der Australier seufzt und murmelt und sagt seine Gedichte auf Deutsch an. „Hier ist ein Fledermaus-Gedicht.“ Gelächter. „Hi-hi.“ Mehr Gelächter. Meditativer Effekt: Null. Unterhaltungsfaktor: Enorm.

Es folgen weitere Poeten, denen ich nur lautmalerisch folgen kann. Ursula Andkjær Olsen dichtet auf Dänisch, Mariusz Grzebalski auf Polnisch und Criolo auf Portugiesisch. Der buntgewandete Brasilianer wird von Musik begleitet. Ein Film im Hintergrund zeigt Aufnahmen von den Protesten im Juni 2013 und brutaler Staatsgewalt. Ich versinke in der Reizüberflutung, starre auf die Bilder, lausche Worten, Musik und genieße heilige Wut. Als ich wieder zu mir komme, erinnere ich mich an den Oberfeuilletonisten. Klappt nicht, werde ich ihm schreiben müssen. Gruß, ein Kind des Bewegtbildzeitalters.