Berlin - Wann hatte man schon je Gelegenheit, den 150. Geburtstag eines Filmemachers zu feiern? Das macht einem bewusst, wie lange das Kino, diese letzte große Erfindung des 19. Jahrhunderts, schon bei uns ist. Georges Méliès war der erste Magier des Mediums. Und er war auch einer der ersten, die es wieder vergaß. In den frühen 1930er-Jahren entdeckte man den Filmpionier hinter der Theke des Spielzeugladens seiner zweiten Frau. Nichts war ihm geblieben von all dem, was er der jungen Kunstform geschenkt hatte. Eine Sammlung unter Filmschaffenden erlaubte ihm einen bescheidenen Alterssitz.

Méliès Vermächtnis umfasst weit mehr als die elementaren Filmtricks, auf deren Erfindung frühe Filmgeschichtsbücher seinen Beitrag gern reduzierten. Der ehemalige Zauberkünstler und Varieté-Betreiber war einer der ganz großen Bilderdichter. Seine Ideen haben weit über ihre technische Innovation Bestand. Erst im vergangenen Jahr war es möglich, eine handkolorierte Kopie seines wohl bekanntesten Meisterwerks zu sehen, „Die Reise zum Mond“ (1902). Auch wenn der moderne Blick vielleicht ungnädiger ist mit den Grenzen seiner Illusionstechniken, entführt uns Méliès noch immer augenblicklich in eine Kunstwelt, die es nur bei ihm gibt. Es ist eine Welt, die nicht Traum ist und nicht Realität, sondern ein Spiel mit der Anmutung von Wirklichkeit. Aber auch Nachrichtenstoffe wusste Méliès zu bebildern: 1899 inszenierte er „Die Dreyfuss-Affäre“. Und die Krönung Eduards des VII. verfilmte er 1902, bevor sie überhaupt stattgefunden hatte.

Nur ein Teil seiner 500 Werke ist erhalten. Als sich seine kleine Manufaktur um 1912 nicht mehr gegen die heranwachsende Filmindustrie behaupten konnte, verkaufte er seine Negative als Rohstoff an Schuhfabriken. Dennoch füllen die existierenden, rund 200 Filme sechs prallvolle DVDs einer mustergültigen, neuen Edition („Georges Méliès – Le premier magicien du cinéma“, Lobster Films, ca. 60 Euro). Man erlebt darin einen explosionsartigen Aufstieg – und tragischen Abstieg.

Als das Kino seine Wurzeln aus der Jahrmarktskultur abgestreift hatte, wirkte auch Méliès nicht mehr zeitgemäß. Nach nicht einmal zwei Jahrzehnten in der Branche drehte er 1913 seinen letzten Film, „Le Voyage de la Famille Bourrichon“. In den schleppenden neunzehn Filmminuten ärgern ein paar Schelme die Eisenbahnfahrgäste. Doch nicht nur die Pappkulisse wirkt für das Jahr 1912 veraltet; vor allem die fehlende Motivation der Gags erscheint inzwischen primitiv. Nur für einen kurzen Moment scheint noch etwas von Méliès' zirzensischer Fantasie auf: Um bei einem Zwischenstopp einen Menschen aus einem Brunnen zu befreien, stürzt sich gleich ein halbes Dutzend Männer kopfüber in den Schacht, um ein – durchaus funktionstüchtiges – menschliches Rettungsseil zu formieren.

Zu seinem 150. erlebt Méliès nun eine unverhoffte Auferstehung. Martin Scorsese hat seinen Kinderfilm „Hugo“ (Kinostart: 9..Februar 2012 ) rund um den von Ben Kingsley gespielten Magier arrangiert. „Bald wird niemand mehr wissen, wie das alles angefangen hat“, sagt Scorsese, „dagegen wollte ich etwas tun. Auch ich reite ja bald schon dem Horizont entgegen.“