Am Anfang steht ein Superlativ: „Käthe Kollwitz gilt als die bedeutendste Künstlerin Deutschlands“. Die Autoren Sonya und Yuri Winterberg wollen ihre Heldin, die vor 150 Jahren, am 8. Juli 1867, geboren wurde, gleich gebührend herausstellen. Doch sie reißen den Zuschauer erst mal aus der Biografie heraus, denn jedem fallen weitere Namen ein. Doch wer will Marlene Dietrich, Christa Wolf, Paula Modersohn-Becker oder Nina Hagen gegeneinander aufrechnen?

Zum Glück vergleicht das Arte-Porträt die Künstlerin nicht mit anderen, sondern zeigt, wie Käthe Kollwitz gegen Ende des 19. Jahrhunderts, unterstützt von ihrer liberalen Familie und ihrem aufopferungsvollen Ehemann Karl Kollwitz, als eine der ersten Künstlerinnen allgemeine Anerkennung erreichte, sich über ihren Geburtsmakel „Leider bin ich ein Mädchen“ beherzt hinweg setzte.

Nicht nur gramgeplagte Mutter

Sonya und Yuri Winterberg, die vor zwei Jahren bereits eine Kollwitz-Biografie in Buchform veröffentlicht haben, legen mehr Wert auf die zeitgenössischen Umstände als auf die künstlerische Spezifik der Käthe Kollwitz. Deutlich wird das Bestreben, sie nicht nur als gramgeplagte Mutter zu beschreiben, die ihren Sohn im Krieg verlor, sondern deren Leidenschaften zu betonen. Aus den Tagebüchern, vorgetragen von Nina Hoger, spricht eine lebenslustige Frau, die dauernd verliebt war, selbst nach ihrer Hochzeit. Eine Skizze zeigt die ausgelassene Katerstimmung der Münchener „Malweiber“, mit denen sie studierte.

Das Spiel mit den Werken, darunter viele beredte Selbstporträts, ist sehr lebendig geraten. Der Film führt dazu vor, wie die Enkelin einer Studienkollegin auf dem Dachboden ein frühes Selbstbildnis von Käthe Kollwitz entdeckt. Ein Glücksfall sind auch die Interviews mit den drei Enkeln, die noch aus dem persönlichen Kontakt mit ihrer Großmutter berichten können – die Zwillinge Jutta und Jördis sind 1923 geboren. Hildegard Bachert, die als jüdische Exilantin in Amerika die Werke von Käthe Kollwitz weiter trug, ist sogar noch etwas älter – und ebenfalls sehr rege und vital. Die New Yorker Galeristin betont: „Käthe Kollwitz schuf niemals Nettigkeiten!“

Vereinnahmte Künstlerin

Das Filmporträt konzentriert sich ganz auf die Biografie und endet mit dem Kriegsende 1945, behandelt also nicht den späteren Umgang mit der Kollwitz im geteilten Deutschland. Denn im Osten, wo der Platz und die Straße im Prenzlauer Berg, in der die Familie gewohnt hatte, schon 1947 nach ihr benannt wurden, wurde sie als sozialistische Friedenskämpferin vereinnahmt, im Kunstunterricht wurden vor allem ihre Agit-Prop-Plakate behandelt.

Im Westen wiederum war sie wegen dieser Vereinnahmung vielen suspekt – ausgerechnet Helmut Kohl sorgte mit seinem Einsatz für ihre Pieta „Mutter mit totem Sohn“ in der Neuen Wache Unter den Linden für eine besondere Würdigung. Heute müssen Enkel Arne Kollwitz und sein Freundeskreis dafür streiten, dass das Berliner Kollwitz-Museum seinen Platz in der Fasanenstraße behält oder eine angemessene neue Heimat findet. Um die Bedeutung dieser Künstlerin herauszuheben, helfen keine Nettigkeiten – da darf man sogar mal zum Superlativ greifen.

Käthe Kollwitz: Ein Leben in Leidenschaft 22.10 Uhr, Arte