In einem offenen Brief plädieren 153 Intellektuelle für eine offene Debattenkultur – darunter die „Harry Potter“-Erfinderin und Schriftstellerin J.K. Rowling.
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Berlin153 Intellektuelle haben einen offenen Brief unterzeichnet, der vor einer Verelendung der liberalen Debattenkultur warnt. In einem Abdruck in der Wochenzeitung Die Zeit heißt es: „Heftige Proteste gegen Rassismus und für soziale Gerechtigkeit haben zu Forderungen nach einer Polizeireform und nach mehr gesellschaftlicher Gleichberechtigung geführt – an Hochschulen, im Journalismus, in den Künsten. Diese notwendige und überfällige Abrechnung stärkt aber auch moralische Einstellungen und politische Bekenntnisse, die jede offene Debatte und das Aushalten von Differenzen zugunsten einer ideologischen Konformität schwächen.“

Die Unterzeichner deuten an, dass sich sowohl auf der rechten als auch auf der linken Seite des politischen Spektrums verhärtete Fronten gebildet hätten, die einen freien Meinungsaustausch verhindern. Einerseits warnen die Unterzeichner vor den Gefahren von Donald Trump und rechter Demagogie. Andererseits zeigen sich die Intellektuellen besorgt angesichts einer wachsenden Zahl von Gesinnungsmoralisten, die jede Verletzung der politischen Korrektheit mit Hassreden abstrafen würden. Das Ergebnis sei „Intoleranz gegenüber Andersdenkenden, öffentliche Anprangerung und Ausgrenzung sowie die Tendenz, komplexe politische Fragen in moralische Gewissheiten zu überführen.“ Darüber hinaus müssten Publizisten mit unbequemen Standpunkten immer häufiger berufliche Konsequenzen fürchten. „Es gibt eine Kultur der Angst“, sagt Mitunterzeichner Yascha Mounk.

Die Reaktionen fallen kontrovers aus

Der Brief wurde von 153 Intellektuellen aus Europa und den USA unterschrieben, darunter vom Schriftsteller Daniel Kehlmann, der „Harry Potter“-Autorin J.K. Rowling, dem Politikwissenschaftler Mark Lilla oder etwa der Schriftstellerin Margaret Atwood. Die Petition wurde diese Woche im Harper’s Magazine in den USA, später in der Zeit, der französischen Le Monde und der italienischen La Republicca veröffentlicht.

Einer der Unterzeichner, der Journalist Thomas Chatterton Williams, erklärte, dass die Organisatoren lange über den richtigen Zeitpunkt der Veröffentlichung gestritten hätten. „Wir wollten nicht den Eindruck erwecken, dass dieser Brief eine Antwort auf die Black-Lives-Matter-Proteste gegen skrupellose Polizeigewalt ist. Uns allen geht es eher um ein Gefühl, das uns seit längerem besorgt.“

Die Reaktionen auf den Brief fallen kontrovers aus. Beim Nachrichtendienst Twitter werfen Gerechtigkeitsaktivisten den Unterzeichnern vor, Meinungsfreiheit mit der Verbreitung von Rassismen und Klischees zu verwechseln. „Ihr sorgt euch doch vor allem über den Wegfall eurer Privilegien!“, schrieb eine Aktivistin. Obwohl der Brief sowohl von Frauen als auch von People of Colour unterzeichnet wurde, beklagen die Kritiker mangelnde Diversität.