AdelaideDas Jahr 2020 ist eine Fundgrube für kuriose Geschichten. Aber diese Geschichte ist derart skurril, dass sie selbst in diesem an Kuriositäten nicht armen Jahr eine Besonderheit darstellt: Die Rede ist von einem Corona-Vorfall, der sich diese Woche in dem Pizzaladen „Woodville Pizza“ in Adelaide, in der fünftgrößten Stadt Australiens zugetragen hat. In der südaustralischen Stadt wurden die Behörden von einem Mann alarmiert, der behauptete, sich nach der Abholung einer Pizza den Corona-Virus eingefangen zu haben. Das Erschreckende: Der Mann schien nur ein paar Minuten in dem Pizzaladen gewesen zu sein. Der Verdacht lag nahe, dass sich der Infizierte beim Essen der Pizza oder nach der Berührung mit der Pizzabox mit dem Virus angesteckt haben könnte.

Bislang geht die Forschung davon aus, dass sich das Corona-Virus vor allem durch Aerosole verbreitet. Schmierinfektionen gelten als unwahrscheinlich. Laut Bundesinstitut für Risikobewertung (BfR) gibt es bislang keine Fälle, bei denen nachgewiesen wurde, dass das Coronavirus durch Kontakt zu kontaminierten Gegenständen übertragen wurde. Die Behörden in Adelaide standen deshalb Kopf. Sie befürchteten, dass das Corona-Virus mutiert sein könnte und sich in Südaustralien in einer neuen Form ausbreiten würde, die extrem ansteckend ist und eine kurze Inkubationszeit hat.

Der Premierminister des Bundeslandes, Steven Marshall, handelte schnell, effizient und vor allem konsequent: In Anbetracht der unsicheren Lage ordnete er am vergangenen Sonntag für die 1,8 Millionen Menschen seines Bundeslandes einen harten Lockdown an. Seit Montag war den Bürgern untersagt, ihre Häuser und Wohnungen zu verlassen. Selbst das Joggen im Park und das Ausführen von Hunden wurden verboten. In jedem Haushalt durfte nur eine Person das Haus verlassen, um Lebensmittel zu kaufen. Die Behörden wollten mit allem Mitteln eine rasante Verbreitung des Virus verhindern.

Im Laufe der Woche kamen neue Erkenntnisse ans Licht. Nach einer erneuten Befragung des Mannes stellte sich heraus, dass er gelogen hatte. Er hatte das Restaurant nicht einfach nur als Gast besucht, sondern dort als Küchenhilfe gearbeitet. Die aktuellen Erkenntnisse legen nahe, dass er in der Pizzeria einer Nebentätigkeit nachgegangen war, von der sein Hauptarbeitgeber, ein großes Hotel, nichts wissen durfte. Aus Angst vor arbeitsrechtlichen Konsequenzen hatte er die Behörden angelogen.

Anschließend fanden die Behörden heraus, dass in dem Pizzaladen ein Security-Mann beschäftigt war, der wiederum einen Nebenjob in einem Hotel hatte, das wegen eines Infektionsfalls unter Quarantäne stand. Höchstwahrscheinlich hat sich der Mann also von seinem Kollegen angesteckt – durch eine klassische aerogene Übertragung.

Am Freitag trat Steven Marshall, der Premierminister von Süd Australien, vor die Presse, nahm den Lockdown zurück und entschuldigte sich bei seinen Bürgern. „Zu sagen, ich würde vor Wut schäumen, wäre eine absolute Untertreibung“, sagte der Politiker.

Sein Polizeipräsident pflichtete ihm bei. „Wir gingen davon aus, dass die infizierte Person einfach in eine Pizzeria gegangen und nach kurzer Zeit wieder hinausgegangen war,“ sagte Grant Stevens, der Polizeipräsident des Bundesstaates Südaustralien. „Wäre diese Person gegenüber den Teams, die für Kontaktverfolgung zuständig sind, ehrlich gewesen, wären wir nicht in einen sechstägigen Lockdown gegangen“, fügte Stevens hinzu.

Das Durcheinander um den Lockdown führte in Australien zu einer Welle an Häme und Spott. Einige Australier begannen den Vorfall unter dem Hashtag #Pizzagate zu kommentieren und spielten auf eine Verschwörungstheorie aus den USA an, die während des Präsidentschaftswahlkampfs 2016 für Aufsehen sorgte. Geschäftsleute zeigten sich empört über die Verluste, die sie wegen des vorzeitig abgebrochenen Lockdowns verbüßen mussten.

Der Pizzaladen, bei dem der infizierte Mann, der den Lockdown ausgelöst hatte, angestellt war, musste von einem Streifenwagen bewacht werden – aus Furcht vor Racheakten. Menschenrechtler warben für Verständnis. Der Mann habe unter großem Druck gestanden und sei Opfer einer misslichen Lage geworden, sagte Neha Madhok, eine Menschenrechtsaktivistin aus Adelaide.