Gülden strahlend, grell rot und orange, versinkt die Sonne im sacht sich kräuselnden Meer; heiter spiegelt das verlöschende Licht sich in den funkelnden und glitzernden Wellen. Im Wasser steht ein sehr schönes Mädchen in einem sehr knappen Badezweiteiler und tanzt. Das Mädchen hat einen perfekten Körper mit runden festen Brüsten und epiliertem Genitalienbereich und bewegt sich perfekt zu den dahinschleichenden Beats. Ein weicher, sehr tiefer Bass bildet das Fundament, darüber klatscht keck eine knallende Klapper, eine Frauenstimme singt – knapp an der Schwelle zum reinen Hecheln – mit unterdrückter Erregtheit von ihren Kopulationsfantasien.

Sie würde sich gern ihren Freund unterwerfen und dann wiederum sich ihrem Freund. Aber auch Spucken und Schwitzen, der Vater des Freunds und dessen Schoß spielen in diesem Zusammenhang eine Rolle. Feucht, feucht, feucht ist am Ende jedenfalls alles: „wet, wet, wet“. Nur das tanzende Wesen im Abendmeer nicht. Denn es ist ja nur ein computergeneriertes Avatarmädchen: gegen die datenreduzierte Darstellung des Wassers so perfekt imprägniert wie gegen jeden begehrenden Blick auf ihren Leib.

Die sexuellste Musik, die man sich vorstellen kann

„Drawl“ heißt dieser Song, mit dem 18+ vor einer Weile erstmals in den Weiten des Internet auftauchten. Es ist die sexuellste Musik, die man sich vorstellen kann, eine Art ultraverlangsamter und überdies mit allerlei klanglichen Schlieren verschleierter R’n’B, zu dem wahlweise sinnlich oder sediert gesungen, gerappt oder gestöhnt wird. Doch so viel Paarungswilligkeit und Begehren aus diesen Liedern auch spricht, verströmen sie doch zugleich Einsamkeit und eisige Kälte; jedes laszive Locken ist mit Versagung und Abwehr durchkreuzt; jeder warme Ton wird von metallen klirrenden Echos umkränzt, von einer lebensabweisenden Aura.

Das ist auch in den Videos so, mit denen 18+ ihre Musik illustrieren: So artifiziell übertrieben ist die aufreizende Körperlichkeit darin, dass jede Körperlichkeit, jede reale Erotik wieder getilgt erscheint. Und so vielgestaltig, polymorph pervers die Fantasien auch sind, von denen 18+ singen, so konventionell heterosexistisch sind die dazu tanzenden Figuren gezeichnet: Die bunte Authentizität individuellen Begehrens bricht sich fortwährend an den Bildern einer durch Marketing, Mode und Celebrities global konfektionierten Körper- und Sexkultur.

Seit 2011 verstreuen 18+ ihre Musik und ihre Videofilme im Netz. Am Anfang nannten die Mitglieder des Duos sich Bro and Sis, inzwischen behaupten sie, dass sie Justin und Samia heißen und hauptberuflich als Bildende Künstler arbeiten, der eine kommt angeblich aus Los Angeles, die andere von Hawaii. Ob das stimmt, ist schwer zu überprüfen. Andererseits ist die Wahrheit ja auch egal: Erkennen und Verkennen, Sich-entblößen und Sich-verbergen sind bei 18+ ebenso konsequent ineinander gebildet wie sexuelle Drastik und symbolistische Rätsel. Dazu passt natürlich auch ihr Name: Wenn man ihn in eine Suchmaschine eingibt, stößt man nicht auf die Musik oder die Videofilme des Duos, sondern bloß auf sexuell stimulierende Erwachsenenunterhaltung.

Dritter Auftritt in Berlin

Zwei Mal sind 18+ im letzten Jahr schon in kleinen Berliner Clubs aufgetreten, im Chesters und im Ohm; beim am Donnerstag beginnenden CTM-Festival spielen sie ihr erstes größeres Konzert. Auch ihr erstes Langspielwerk im klassischen Sinne ist gerade erschienen, als Download und Vinyl-Doppel-Album. Zwar finden sich auf „Trust“ viele Stücke, die man schon von den kostenlosen Internet-Kompilationen der vergangenen Jahre kennt. Doch steigert die Dramaturgie, in die sie hier gefügt werden, noch die Spannung zwischen dem Klang des imaginären Begehrens und der realen Isolation. Sie hätten die Songs ganz bewusst in doppelter Einsamkeit, streng voneinander getrennt aufgenommen, sagen 18+: Die eine saß in New York vor dem Rechner, die andere in L.A.

Und vielleicht ist das auch der Schlüssel zu dieser sonderbaren Ästhetik: Man kann sich beim Hören keine Paare vorstellen, die einander umzirzen und körperlich erregen; man stellt sich Menschen vor Notebookbildschirmen vor, die fremde Menschen mit simulierter Körperlichkeit und übertrieben intimen Geständnissen für sich zu interessieren versuchen.

Wobei der Sound der Entfremdung – und das ist das Tolle an dieser Musik – nie die Oberhand über den Sound des Begehrens gewinnt, es bleibt beim Changieren, beim Wechselspiel. Denn auch wenn man seine intimen Geständnisse mit Hilfe von Avataren übermittelt, bleiben es ja Geständnisse der Intimität. Es handelt sich bloß um eine neue Art der Intimität, die wir mit unseren überkommenen Begriffen für das menschliche Miteinander noch nicht zu fassen bekommen. 18+ sind keine kulturpessimistische Band, eher künden sie von der Rekonfiguration der Erotik und des Sozialen unter den Bedingungen der digitalen Kommunikation: Post-Internet-Pop.

Ob die Menschen, von denen diese Musik handelt, beim Sex und auch sonst miteinander glücklich sein können? Glück ist, wenn man so tun kann, als wäre man glücklich, singt Samia in dem Stück „Crow“ zum rhythmisierten Gekrächz einer Krähe: „Pretend you’re happy“. In „Horn“ steigert sie sich hingegen zu einem Hornklang in ein hechelndes Gelächter hinein, von dem man nicht weiß, ob es aus Angst oder Lust rührt oder aus beidem und ob das überhaupt einen Unterschied macht. Und während sie immer nervöser kichert und lacht, singt ihr Partner Justin mit elektronisch tiefer gelegter, ruhig gurrender Stimme ein Kurzmanifest der Digital-Native-Erotik: „graceless and faceless, classless and free“, schamlos und gesichtslos, klassenlos und frei.