Kein Justizsaal kann dieses Gerichtsverfahren fassen. Der Frankfurter Auschwitz-Prozess ist der größte in der Rechtsgeschichte der jungen Bundesrepublik. Ab Dezember 1963 sitzen 22 SS-Offiziere der Lagermannschaft von Auschwitz auf der Anklagebank, über 200 ehemalige Häftlinge, die dem NS-Vernichtungslager lebend entkommen waren, legen Zeugnis ab.

Was sie berichten, erschüttert die Adenauer-Republik, in der die Deutschen nach vorn blicken wollen und mit dem Wiederaufbau beschäftigt sind. Erinnerungen an den Krieg und vor allem an das eigene Mittun in den Jahren der Diktatur werden verdrängt. Durch diesen Prozess erhalten die Opfer erstmals Gehör und stören empfindlich die Wirtschaftswunderruhe.

Der Dokumentarfilm „183 Tage − der Auschwitz-Prozess“ konzentriert sich ausschließlich darauf, was in den vier Wänden des Gerichtssaals vor sich ging. Der Regisseur Janusch Kozminski hat vier der Angeklagten ausgewählt: den Metzger Oswald Kaduk, laut Urteil „der grausamste, brutalste und ordinärste“ unter dem Aufsichtspersonal, den Handelskaufmann Robert Karl Mulka, einst Adjutant des Lagerleiters Rudolf Höß, den Apotheker Victor Capesius und den Buchhalter Wilhelm Boger, genannt „die Bestie von Auschwitz“.

Aus 5000 Stunden Tonmaterial hat Kozminski die Zeugenaussagen, Plädoyers oder Urteile gefiltert, die sich auf diese vier Angeklagten beziehen. Geradezu sprachlos lassen einen allerdings die Aussagen der Angeklagten selbst oder ihrer Anwälte zurück. Sie winden sich, verdrehen Wörter, streiten ab, was angesichts des Unleugbaren schwer zu ertragen ist. Vor allem wenn der Verteidiger Hans Laternser versucht, durch penible Befragung die Glaubwürdigkeit der Zeugen zu untergraben. Von Reue keine Spur. Stattdessen zeigen sich die Angeklagten empört darüber, überhaupt vor Gericht stehen zu müssen.

So detailreich ist einem der Prozess noch nicht näher gebracht worden. Die drei Stunden, die der Film dauert, sind keinesfalls zu lang. Geduld ist dennoch gefordert, vor allem weil es an Bildern mangelt. Im Prozess selbst wurde damals nicht gefilmt. Filme von Zeugen oder anderen Beteiligten gibt es nur, wenn diese mit Fernsehsendern gesprochen haben. So ist auch die Entstehungsgeschichte des Films ungewöhnlich. Erst gab es die Hörfassung, zu der Kozminski dann Fotos suchte oder Szenen selbst drehte, wie zum Beispiel die Novemberaufnahmen rund um Auschwitz oder Eindrücke aus dem heutigen Gallus-Haus. Für den Zuschauer ist dabei leider nicht immer nachvollziehbar, was gerade im Bild zu sehen ist, da Kozminski meist auf Untertitelungen verzichtet hat. Etwas mehr Zuschauerführung wäre wünschenswert.

Allerdings waren die Möglichkeiten von Kozminski begrenzt, der den Film im Selbstverleih herausbringt. Seine Dokumentation entstand mit geringstem Etat ohne Film- oder Fernsehförderung und wurde allein durch private Spender und Sponsoren ermöglicht, wie der nicht enden wollende Abspann zeigt. So wird der Film nur in wenigen Kinos und dort meist nur einen Tag zu sehen sein, in Berlin nur im fsk.

Solche Hürden haben Kozminski, der 2000 den Bayerischen Fernsehpreis erhielt, noch nie von seinen Projekten abhalten können. So ist „183 Tage“ der letzte Film einer Tetralogie über jüdisches Leben in Deutschland. Eröffnet hat sie die Porträtserie „Wir sind da – die Geschichte der Juden in Deutschland von 1945 bis heute“, dann „Die Vergangenheit ist ein fremdes Land“ über die Integration russischer Juden nach der Wende und schließlich „Die Deutschland Akte“ über die Israelpolitik der DDR.

Aus der ersten Serie stammt das Interview mit Kozminskis Mutter, Janina Lieberman, am Anfang des Films. Lieberman, die mit 16 Jahren nach Auschwitz gekommen war und inzwischen verstorben ist, sagte in diesem Gespräch: „Alle hatten etwas damit zu tun. Wenn ein Volk etwas nicht will, dann passiert es nicht.“ Dem ist nichts hinzuzufügen.

183 Tage - Der Auschwitz-Prozess Deutschland 2014. Buch und Regie: Janusch Kozminski; 174 Minuten, FSK ab 12; bislang einzige Aufführung in Berlin im fsk-Kino am Oranienplatz, Sonntag 12.30