Selten waren Enttäuschungen so erleuchtend wie am Freitagabend in der Akademie der Künste zur Eröffnung des 19. Berliner Poesiefestivals. Denn die neun Dichterinnen und Dichter, die ihre Werke bei „Weltklang – Nacht der Poesie“ lasen, performten und sangen, boten keine Alltagsfluchten, keine lyrischen Atempausen von der im Jahr 2018 geradezu irren Realität, wie das mancher vielleicht gehofft haben mag. Im Gegenteil: Genau wie es die geistreich durch den Abend führende Insa Wilke versprach, brachten die Vortragenden das Publikum in Kontakt mit der Welt.

Die Nacktheit des Werdens

„In letzter Zeit denke ich / wir sollten uns selbst sabotieren“: Zu diesem Zwischenfazit kommt Charles Bernstein immer wieder in seiner „Ballade, bloßgelegt durch ihre Mittel (quitt): Eine Bachelormaschine für die MLA“. In diesem Stück, das der US-amerikanische Dichter in den Knien federnd, auf den Füßen wippend vortrug, ringt er nicht nur mit der Form, sondern mit Illiberalität, Wählerunterdrückung und dem „Hauch von Weltuntergang“, der seit der Inauguration Donald Trumps zum 45. Präsidenten der USA durch sein Land weht.

Wie Bernstein am Tag darauf erklärte, ist es für ihn eine Ausnahmesituation, dass seinem Hadern eine Bühne geboten wird: Die liberalen Medien des Mainstreams würden keine Stücke drucken, die so merkwürdig und extrem seien wie seine. Dabei habe die Lyrik nicht an Bedeutung eingebüßt: „Weil Poesie befreit ist von der Pflicht, Kultur zu archivieren und Informationen zu übertragen, offenbart sich, wie Sprache unsere Wahrnehmung strukturiert“, erklärte der sich als Sophist begreifender Dichter.

Der Fokus werde verschoben; weg vom Wert eines Statements hin zur Reflexion seiner Funktionsweise. „Poesie“, so Bernstein, „lässt uns die Nacktheit des Werdens spüren und stellt so die Idee einer einheitlichen Wahrheit in Frage.“

Der Illusion von Eindeutigkeit setzte Katalin Ladik am Freitag Lautmalerei entgegen. Die Ungarin performte ihre mythisch anmutenden Gedichte teilweise in befremdlichen Tonlagen, ihre Stimme ließ mal an Hexengekicher denken, mal an Krähengekeife, dann wieder an einen fiependen Teekessel. Am kommenden Dienstag gibt die Multikünstlerin, die in Ungarn und Jugoslawien Anfang der 60er-Jahre durch feministisch-schamanistische Lautgedichte auf sich aufmerksam machte, Einblick in das Wesen ihres andersweltlichen Werkes.

„Werte Vers Kunst“: Unter diesem Motto steht das Poesiefestival, das noch bis zum kommenden Donnerstag in der Akademie der Künste am Hanseatenweg, in Galerien und auf kleineren Berliner Bühnen stattfindet.

Charmant, doch unmissverständlich präsentierte die aus Burundi nach Belgien geflohene Ketty Nivyabandi den Kernwert ihrer Dichtung, als sie am Freitag die Bühne betrat und feststellte, dass ihr Heimatland übrigens von den Deutschen kolonialisiert wurde. Rhetorische Pause, das Publikum quittierte den Denkzettel mit zurückhaltendem Lachen. Nivyabandi fuhr fort: „Es ist eine süße Rache, dass ich heute euch kolonisiere – mit Poesie“, Applaus brandete auf, Jubelrufe durchziehen ihn.

Aber nein, schob die dichtende Aktivistin hinterher: Poesie befreit, Poesie ist Freiheit. Dann verlas sie sieben ihrer bildgewaltigen Hymnen auf das Leben, mit ruhiger Stimme und solcher Eindringlichkeit, dass es einem die Tränen in die Augen trieb. Nach jeder letzten Zeile schien es, als müsse sich das Publikum erst sammeln, um klatschen zu können.

Vom Kopf ins Herz

Auch bei der „Weltklimakonferenz der Poesie“ blieb einem der Atem weg. Das Poesiegespräch begann mit einem Video von Kathy Jetñil-Kijiner, Dichterin von den Marshallinseln. Sie berichtete, dass ihre zwei Meter über dem Meeresspiegel liegende Heimat in den letzten sechs Jahren immer häufiger überschwemmt wurde: „Unsere Inseln werden die nächsten 30 Jahre nicht überleben.“

Die damit verbundene Angst könne nur die Poesie handhabbar machen, indem sie dem globalen Phänomen einen spezifischen Ausdruck verleihe. So wie es auch die fünf anwesenden Dichterinnen und Dichter tun, die grönländische Autorin Jessie Kleemann etwa, die melodische Texte auf Inuit vortrug oder Outspoken aus Simbabwe, der Texte über Dürre und konsumbedingte Rücksichtslosigkeit performte.

Der karibische Poet Kendal Hippolyte, sichtlich ruhelos angesichts zäher klimapolitischen Verhandlungen, erklärte, was Poesie ausrichten kann: „Information muss Wissen werden; es muss vom Kopf ins Herz wandern. Nur solches Wissen kann zum Handeln inspirieren.“ Von wegen Alltagsflucht und Realitätsverweigerung.