Berlin - Es sind die letzten Wochen des Zweiten Weltkriegs in Berlin. Bomben treffen auch immer wieder die Charité. Weite Teile des Krankenhauses sind zerstört. Doch in einem Bunker unter den Trümmern kämpft ein Arzt darum, dass das Leben trotzdem weitergeht.

Ferdinand Sauerbruch, einer der berühmtesten Chirurgen seiner Zeit, steht am OP-Tisch, umgeben von Blut, Schmerz und Leichen. Es ist eng, die Luft ist schlecht, es stinkt. Ihm fehlen Betäubungsmittel, Medikamente und Wasser. Ständig kommen neue Schwerverletzte herein: Soldaten, Erwachsene und Kinder, verwundet von Bomben und Granaten. Geht der Diesel für den Notstrom aus, operiert Sauerbruch bei Kerzenschein.

So ist es demnächst in der TV-Serie „Charité“ zu sehen, die ab dem 19. Februar wieder in der ARD läuft. Die erste Staffel, in der es um die Zeit von Robert Koch ging, sahen vor zwei Jahren an die acht Millionen Zuschauer. Die neuen Folgen spielen nun während des Zweiten Weltkriegs. „Das Dritte Reich war auch für die Charité ein dunkles Kapitel“, sagt Thomas Schnalke, Direktor des Berliner Medizinhistorischen Museums der Charité.

Es ist eine Zeit, in der auch etliche Ärzte zu Verbrechern werden. Ferdinand Sauerbruch ist damals Chef der Chirurgischen Klinik, ein Genie auf seinem Gebiet, eine schillernde Persönlichkeit, dessen Verhalten in der NS-Zeit umstritten ist. Einerseits lässt sich der Star-Chirurg von den Nazis einspannen, andererseits hilft er Juden und hat Kontakt zum Widerstand.

Ferdinand Sauerbruch macht OPs an Lungen möglich

Als Sauerbruch 1928 an die Charité kommt, ist er bereits 52 Jahre alt und hat sich als Chirurg international einen Namen gemacht. Der große Mann mit den breiten Schultern, der Nickelbrille und dem schmalen Schnurrbart ist Spezialist für Operationen am offenen Brustkorb. In Zürich und München hat er Patienten an Lunge, Herz oder Speiseröhre behandelt – darunter auch viele Prominente. In Zeiten, in denen die Tuberkulose Hunderttausende Menschen dahinrafft, hat er neue Verfahren entwickelt, die nun vielen Kranken das Leben retten.

„Als Chirurg kommt er in seinem Fach genau zur richtigen Zeit“, sagt Schnalke. Erst seit wenigen Jahrzehnten ist es überhaupt möglich, längere Operationen vorzunehmen. Es gibt Narkosemittel wie Äther und Chloroform, um Patienten in einen längeren Schlaf zu schicken. Zudem weiß man jetzt um die Gefahr von Bakterien, die sich durch Sterilisation eindämmen lässt. „Der Brustraum war zu dieser Zeit in der Chirurgie aber noch eine No-go-Area“, sagt Schnalke. „Da wagte sich keiner so recht dran.“ Das soll sich nun ändern.

Im Jahr 1903 steht Sauerbruch als Assistenzarzt, erst 28 Jahre alt, im Keller der Universitätsklinik Breslau und stellt sich genau diese drängende Frage: Ist es möglich, einen Menschen an den Lungen zu operieren, ohne dass er stirbt? Normalerweise, wenn der Brustkorb geöffnet wird, strömt Luft in den Brustfellspalt, weil dort der Unterdruck aufgehoben ist, der die Lunge entfaltet hält. Die Lunge fällt in sich zusammen. Der Patient erstickt. Sauerbruch entwickelt eine Unterdruckkammer, die er zunächst an einem Tier testet.

Der „Sauerbruch-Arm“

Cäsar, ein mittelgroßer Hund, ist das Versuchsobjekt. Eine gläserne Trommel umschließt seine Brust, nur Kopf und Beine schauen heraus. Durch zwei luftdichte Öffnungen steckt Sauerbruch seine Hände in die Kammer und schneidet ihn auf. „Graurosa lag die Lunge vor mir, im Takt der Atmung hin und her gleitend“, berichtet er später in seinen Memoiren. „Nach einiger Zeit – kein Zweifel am Gelingen des Experiments blieb mehr – vernähte ich Cäsars Wunde.  Mir klopfte das Herz, denn ich wusste jetzt, dass mir etwas gelungen war, das sich zum Wohle vieler kranker Menschen auswirken würde.“

Bald darauf ist seine gläserne Unterdruckkammer so groß, dass zwei Chirurgen darin einen Menschen operieren können. Eine medizinische Sensation, auch wenn sich später ein konkurrierendes Verfahren durchsetzen wird, bei dem durch Überdruckbeatmung der Lunge ausreichend Sauerstoff zugeführt wird. Technisch ist das weitaus weniger aufwendig.

Im Ersten Weltkrieg stößt Sauerbruch auf ein weiteres Gebiet, das ihn berühmt machen wird. Als Lazarettarzt an der Front sieht er, wie Soldaten in den grausamen Schlachten reihenweise Arme und Beine verlieren. Gemeinsam mit Mechanikern entwickelt er neuartige hölzerne Prothesen, die unter dem Namen „Sauerbruch-Arm“ bekannt werden.

Er testet sie an Soldaten in einer Werkstatt in Singen nahe der schweizerischen Grenze. „Bis ins 19. Jahrhundert hinein waren Prothesen weitgehend passiv“, sagt Schnalke. „Nun lassen sich Hand und Finger über die noch existierende Muskulatur aktiv bewegen.“ Kriegsversehrte können wieder greifen und mit speziellen Aufsätzen sogar arbeiten.

Für ein besseres Fingerspitzengefühl operiert Ferdinand Sauerbruch ohne Handschuhe

An der Charité arbeitet Sauerbruch dann am modernsten Krankenhaus Deutschlands. Im roten Ziegelsteinbau der Chirurgischen Klinik ist der ganze Betrieb um ihn als Chef herumorganisiert. Mehrere Operationen finden gleichzeitig statt, der Star-Chirurg wechselt zwischen den OP-Tischen hin und her. Andere bereiten die Patienten vor, er macht nur die entscheidenden Handgriffe. Für ein besseres Fingerspitzengefühl operiert er ohne Handschuhe.

Schon bald ist Sauerbruch für sein Charisma bekannt, aber auch für seine cholerischen Anfälle. Er ist humorvoll, kann unterhaltsam erzählen, duzt gerne jeden, gilt als großzügig. Patienten fühlen sich von ihm ernst genommen. Er behandelt alle gleich, macht keinen Unterschied zwischen Prominenten und Mittellosen, vielleicht weil er selbst aus einfachen Verhältnissen stammt.

Im Operationssaal geht es dagegen äußerst rau zu. Sauerbruch hat häufig Wutausbrüche. Wenn etwas nicht nach seinen Vorstellungen läuft, wird er beleidigend und verletzend gegenüber seinen Mitarbeitern. Das schildert auch der Oberarzt Adolphe Jung, der damals eng mit Sauerbruch zusammenarbeitet. Jungs Tagebücher, die für die TV-Serie erstmals umfassend ausgewertet wurden, geben detaillierte Einblicke in den Klinikalltag. „Im OP herrschte Kasernenton“, sagt Schnalke. Häufig schmeißt Sauerbruch Mitarbeiter aus dem Raum.

Ferdinand Sauerbruch mit Bekenntnis zum NS-Staat

Als 1933 die Nationalsozialisten an die Macht kommen, begrüßt Sauerbruch zunächst den Wechsel des Regimes. „Wie viele andere Ärzte an der Charité war er national-konservativ gesinnt, gegen den Versailler Vertrag und hatte die Hoffnung, dass sich Deutschland wieder zu alter Größe aufschwingt “, sagt Judith Hahn, Expertin für Medizin im Nationalsozialismus am Institut für Geschichte der Medizin der Charité.

Sauerbruch tritt nie in die NSDAP ein, unterzeichnet aber mit anderen Hochschulprofessoren ein Bekenntnis zum neuen Staat.1937 nimmt er den Nationalpreis für Kunst und Wissenschaft entgegen, den Adolf Hitler als Gegenentwurf zum Nobelpreis gestiftet hat. Die Nazis schmücken sich gerne mit ihren prominenten Ärzten, nutzen sie als Aushängeschild. „Sauerbruch war auch eitel“, sagt Schnalke. „Das darf man nicht unterschätzen.“ 1934 ernennt Hermann Göring ihn zum Staatsrat, eine Anerkennung dafür, dass er Reichspräsident Paul von Hindenburg bis zu dessen Tod betreut hat.

An der Charité wirkt sich die Rassenideologie der Nazis schon 1933 direkt auf den Klinikalltag aus. Durch die neuen antisemitischen Gesetze verlieren jüdische Ärzte ihre Kassenzulassung, bald darauf auch ihre Lehrbefugnis. Hunderte werden entlassen. „Das war nicht nur ein persönlicher, sondern auch ein großer fachlicher Verlust“, sagt Schnalke, „ihr hohes Niveau kann die Charité danach nicht mehr halten.“

Ferdinand Sauerbruch wusste von den Methoden Mengeles

Sauerbruch hilft jüdischen Kollegen dabei, im Ausland unterzukommen. Er verfasst zahlreiche Empfehlungsschreiben. Auch jüdische Patienten behandelt er bis 1945 in der Klinik, obwohl es ihm verboten ist. Die SS bittet ihn zum Verhör, wie Adolphe Jung in seinen Tagebüchern berichtet. Sauerbruch steht unter Verdacht, Juden zur Flucht zu verhelfen. „Ein Antisemit war er offenkundig nicht“, sagt Schnalke. Befreundet ist er auch mit dem jüdischen Maler Max Liebermann, der am Wannsee sein Nachbar ist. Als einer von wenigen Nicht-Juden folgt er nach dem Tod des Künstlers dem Trauerzug.

„Sauerbruchs anfängliche Begeisterung für die nationalsozialistische Bewegung kühlt im Laufe der Zeit ab und weicht während des Krieges einer großen Skepsis“, sagt Schnalke. Gemeinsam mit Geistlichen wie dem Pfarrer Gerhard Braune unterstützt er 1940 den Protest gegen das Euthanasie-Gesetz,  in dessen Folge Tausende Menschen wegen ihrer körperlichen oder geistigen Behinderungen getötet werden. Als Reaktion auf die Proteste stellt Hitler das Mordprogramm offiziell ein, im Geheimen geht es aber weiter.

Gegen andere Verbrechen, die von Medizinern im Dritten Reich begangen werden, erhebt Sauerbruch jedoch nicht seine Stimme. So hat er wahrscheinlich auch Kenntnis von Menschenversuchen im KZ Auschwitz erhalten, an denen Josef Mengele beteiligt war. Als medizinischer Fachgutachter des Reichsforschungsrates bekommt er Berichte auf seinen Schreibtisch, die er zur Kenntnis nehmen und zurücksenden soll.

Ferdinand Sauerbruch stellt sein Haus für konspirative Sitzungen zur Verfügung

„Darin finden sich zwar keine eigenhändigen Unterschriften von Sauerbruch“, sagt Schnalke, „aber die Listen und Forschungsberichte sind eindeutig für ihn zur Vorlage bestimmt.“ Auf einer Tagung der Militärärztlichen Akademie 1943 stellt der SS-Arzt Karl Gebhardt Versuche an polnischen Frauen vor, die er vorsätzlich mit Gasbrand infiziert hat. Sauerbruch ist in seiner Funktion als Generalarzt anwesend. „Er erfuhr von diesen Experimenten und hat ihnen öffentlich nicht widersprochen“, sagt Schnalke.

Der Chirurg weiß auch von den Plänen der Widerstandsgruppe um Claus Schenk Graf von Stauffenberg, der sein Patient ist.  Einige der Männer, die nach dem 20. Juli 1944 hingerichtet werden, sind seine Freunde. „Er stellt sein Haus für konspirative Sitzungen zur Verfügung“, sagt Hahn. „Selber nimmt er aber nicht daran teil.“ Nach dem gescheiterten Attentat wird er zweimal verhört.

In den letzten Kriegsjahren spielt der Mediziner immer wieder mit dem Gedanken, zu emigrieren, bleibt dann aber doch. Tatsächlich operiert er bis zum letzten Tag des Krieges im Bunker der Charité, die wegen ihrer unmittelbaren Nähe zum Reichstag bis zum Schluss im Kampfgeschehen liegt. Auch russische Soldaten liegen jetzt auf seinem OP-Tisch. Während sich andere Ärzte längst abgesetzt haben, bezieht er mit seiner Frau Margot, selbst Ärztin, im Klinikkeller ein Zimmer. Nach dem Krieg muss er sich einem Entnazifizierungs-Verfahren stellen. Sauerbruch empfindet das als Beleidigung. Am Ende wird er als „unbelastet“ eingestuft.