Die schwangere Medizinstudentin Anni (Mala Emde) soll ihre Chirurgie-Prüfung bei Professor Sauerbruch (Ulrich Noethen) ablegen. Die angehende Ärztin tritt nicht nur vor Kommilitonen und Ärzte, sondern auch vor die Kameras, die den großen Sauerbruch für die Wochenschau aufnehmen. Die zweite Staffel der ARD-Serie setzt im Jahr 1943 ein, in einer Zeit, in der die Köpfe der Charité schon längst medial präsent waren und als Vorzeige-Mediziner propagandistisch vorgeführt wurden, zumal in Kriegszeiten. Sauerbruch demonstriert seine Prothesen.

Der Weg in die Männermedizin

Die erste Staffel hatte sich vor zwei Jahren filmisch noch freier Koryphäen wie Robert Koch, Emil Behring, Paul Ehrlich oder Rudolf Virchow nähern können und dabei anschaulich gezeigt, wie moderne Therapien Einzug in die Krankenhäuser hielten. Die Autorinnen Dorothee Schön und Sabine Thor-Wiedemann hatten dazu die Krankenschwester Ida erfunden, die sich den Weg in die Männermedizin erkämpfte – diesem Prinzip folgen sie auch in der zweiten Staffel.

Teil des NS-Systems

Anni wirkt nur auf den ersten Blick wie eine Wiedergängerin von Ida. Das blonde „Prachtmädel“ ist zwar ebenso jung und frisch, besitzt aber nicht deren Unschuld, sondern ist schon Teil des NS-Systems. So arbeitet Anni beflissen ihrem Doktorvater Max de Crinis (Lukas Miko) zu, dem Chef der Psychiatrie. Der stramme Nazi-Parteigänger unterstellt einem Kriegsversehrten, er habe sich den „Heimatschuss“ selbst beigebracht, und stellt stets die „Volksgesundheit“ über das Wohl des Kranken. Sauerbruch operiert den Verletzten, de Crinis bringt ihn vors Kriegsgericht – das Dauerduell der beiden Gegenpole der Kriegs-Charité bestimmt die Dramaturgie der ARD-Serie. Schon 1983 hatte sich übrigens das DDR-Fernsehen in der Reihe „Berühmte Ärzte“ mit Ferdinand Sauerbruch, Max de Crinis und dessen Vorgänger Karl Bonhoeffer auseinandergesetzt.

Ulrich Noethen verkörpert den Charité-Chef

Die zweite Staffel von „Charité“ – Regisseur ist diesmal Anno Saul – bietet ein ähnlich breites Figurenspektrum wie die Vorgängerserie, deren Geschichten nicht nebeneinander laufen, sondern immer enger miteinander verbunden werden. Der Zuschauer lernt Sauerbruchs deutlich jüngere Gattin Margot (Luise Wolfram) kennen, die einzige Figur, die dem selbstbewussten, zuweilen cholerischen Chirurgen Paroli bietet. Ulrich Noethen verkörpert einen energischen, zupackenden Charité-Chef, versteht es aber auch, die Selbstgefälligkeit und die Verdrängungen Sauerbruchs anzudeuten, der zwar gegen Euthanasie protestiert, Forschungsanträge aber unterschrieben hat. Zur Gruppe um Anni gehören ihr Bruder Otto (Jannik Schümann), der den Fronteinsatz wegen seines Medizinstudiums unterbrechen darf und sich in den Krankenpfleger Martin (Jacob Matschenz) verliebt – Homosexualität aber bedeutet Todesgefahr im NS-Reich. Eine fanatische „NS-Funktionsschwester“ (Frida-Lovisa Hamann) bespitzelt die beiden.

Zum Familiendrama entwickelt sich die Serie, als Anni eine Tochter zur Welt bringt, die Anzeichen einer Behinderung entwickelt. Annis Mann Artur (Artjom Gilz) ist zwar aufstrebender Kinderarzt, nutzt aber behinderte Kinder für seine Impfversuche gegen Tbc. Dieser Konflikt wirkt zunächst sehr direkt, ja frontal konstruiert. Müsste sich eine Ärztin, die den hippokratischen Eid geschworen hat, nicht auch dann gegen tödliche Experimente an einem Kind wenden, wenn es nicht ihr eigenes wäre? Doch dramaturgisch geht das Vorhaben auf: Denn Annis Kampf um ihre Tochter zielt nicht nur auf blanke Emotionen, sondern treibt ihren weiten Weg vom NS-Prachtmädel zu einer reifen, desillusionierten Ärztin an. Mala Emde, die schon als „Anne Frank“ für Aufsehen sorgte, kann in den sechs Folgen eine starke Entwicklung durchspielen.

Begleitende RBB-Dokumentation

Während die erste Staffel in der Regie von Sönke Wortmann noch auf Seifenopern-Elemente zurückgreifen musste, ist die zweite Staffel, die bis zum Kriegsende 1945 spielt, allein durch den historischen Hintergrund ungleich dramatischer und härter. Die Begleitdoku des RBB zeigt, wie eng Fiktion und Historie hier verzahnt wurde. So spielt der zwangsverpflichtete französische Chirurg Adolphe Jung (Hans Löw), auf dessen Tagebüchern das differenzierte, ambivalente Bild von Ferdinand Sauerbruch basiert, auch im Film eine wichtige Rolle: Er hört die Reden von Thomas Mann im Radio und erklärt selbst seinem Chef, dass in diesen Zeiten alles politisch sei. Figuren wie die Widerständler Hans von Dohnanyi und Claus Schenk Graf von Stauffenberg tauchen hier ebenso auf wie Magda Goebbels – nach einer Fehlgeburt ist sie Bettnachbarin von Anni. Schauspielerisch ist das alles auf hohem Niveau. Selbst Nebenrollen sind stark besetzt, wie die resolute Oberschwester, die jede Szene mit einem berlinerischen Spruch kommentiert und von Susanne Böwe gespielt wird.

Nur die Verbindung von historischem Schauplatz mit den Drehorten in Prag will nicht recht funktionieren. Die zeitgenössischen Dokumentarbilder aus dem Zentrum Berlins betonen sogar den Kontrast zu den tschechischen Kulissen – diese Illusion gelang „Babylon Berlin“ viel besser.