Gewellte Blechoberflächen blitzen in der Sonne, gleich Schiffsbugen stoßen Bauteile aus der bewegten Masse, das Licht fällt zwischen gewaltigen Stahlkonstruktionen tief ins Foyer. Ein grandioses Akustik-, Licht- und Raum-Erlebnis. Am Montag vor 20 Jahren wurde das von dem Kanado-Kalifornier Frank Gehry entworfene Guggenheim-Museum in Bilbao eröffnet. Seither ist es eine Welt-Sensation, jährlich werden 1,3 Millionen Besuche gezählt, für mehr als 400 Millionen Euro zusätzlichen Umsatz im Tourismus- und Verkaufsgewerbe soll das Museum gut sein.

Auch solche Statistiken gehören zum legendären „Bilbao“- oder „Guggenheim“-Effekt. Er steht erstens für den Kult um international agierende „Star“-Architekten, zweitens für die Vorstellung, dass ein einzelnes Projekt aus ihrer Hand die Probleme ganzer Städte und Institutionen auf einen Schlag lösen könnte, drittens für die Kommerzialisierung des Kultur- und Museumswesens seit den 80er Jahren und, viertens, für dessen Globalisierung, die mit dem in wenigen Wochen eröffnenden Louvre Abu Dhabi einen neuen Höhepunkt erlebt.

Eine neue Idee nach Jahrzehnten des Niedergangs

Dabei ist dieser Bau genau das nicht, das seine vielen Schwestern sind: ein abgeworfener Fremdling. Auf der anderen Flussseite stehen normale Wohnhäuser der 1960er bis 1980er-Jahre, zu denen die breiten Terrassen des Guggenheim ausgerichtet sind, hinter dem Bau erheben sich nach Pariser Vorbild gestaltete Mietspaläste des beginnenden 20. Jahrhunderts, auf die sich der Vorplatz öffnet.

Das Museum Gehrys ist Teil der Stadt, aber auch jener urbanen Inbesitznahme der einstigen Kais, Hafen-, Lagerhaus- und Werftzonen Bilbaos, die um 1985 herum begann. Der wieder saubere Fluss wird nun begleitet von Parkanlagen, in denen neue, etwas sterile Wohnviertel stehen, die unpraktische, elegante Brücke Santiago Calatravas, das Doppelhochhaus von Arata Isozaki und der Glasturm von Cesar Pelli, die von Glasbausteinen umhüllte Universitätsbibliothek von Raffael Moneo. Und mittels eines Flussdurchstichs soll eine Insel entstehen, schick bebaut nach Plänen des Büros von Zaha Hadid.

Den Staatshaushalt mit Eintrittsgeldern entlasten

All dies Name-Dropping ist sicher Werbung. Vor allem aber ging es darum, der Bevölkerung nach Jahrzehnten des Niedergangs wieder eine neue Idee von ihrer Stadt zu geben. Was allem Überblick nach gelang, auch wenn sich angesichts der Hadid-Pläne die Frage stellt, ob das angrenzende mittel- und kleinbürgerliche Viertel dem Gentrifizierungsdruck widerstehen kann.

Dramatisch waren auch die Folgen des Bilbao-Effekts für die Museumswelt. Spektakuläre Architektur sollte, das war die Theorie der neoliberalen 1980er bis 2010er-Jahre, Besucher anziehen. Diese sollten mit Eintrittsgeldern und Einkäufen Einnahmen generieren und den Staatshaushalt entlasten. Auch im Guggenheim führt der Weg aus dem Museum hinaus durch den Museumsshop mit seinen Sonderangeboten.

Der Radikal-Umbau des Pariser Louvre oder des Berliner Pergamonmuseums zur Touristenmaschine, die vielen, von „Star“-Architekten wie Rem Koolhaas, Jean Nouvel oder I. M. Pei entworfenen Museums- und Bibliotheksneubauten am Persischen Golf, in den USA, in China sind Folge dieser Ideologie. Die klassische Wissenschafts- und Breitenbildungsaufgabe der Museen aber verfiel unter dem Druck der Zahlen und Quoten. Aus Museumsdirektoren wurden Museumsmanager, die Drittmittel bei Sponsoren und Investoren einwerben. Die Sammlungen, vor allem diejenigen moderner Kunst, werden folgerichtig immer stromlinienförmiger.

Das Bilbaoer Guggenheim zeigt dagegen nichts Besonderes – es sei denn, man assoziiert Frank Stellas Stahlplatten und Amseln Kiefers schwermütige Riesengemälde mit dem Niedergang der Industrie. Ausgeglichen wird die fehlende Sammlung durch Sonderausstellungen – derzeit eine vorzügliche Übersicht zum Werk der Bauhaus-Weberin Annie Albers. Doch wer besondere Kunst in Bilbao sehen möchte, der muss ins nahe Museum der schönen Künste gehen. Dort trifft sich dann auch das lokale Publikum.

Ein wirkliches Museum

Die jüngste Frucht des Bilbao-Effekts ist die Berliner Entscheidung, die viel kritisierte Erweiterung der Neuen Nationalgalerie mitten auf dem Kulturforum an die Baseler Architekten Herzog & DeMeuron zu vergeben. Endlich, so die Auslober stolz bei der Vorstellung der gigantischen „Scheune“ im vergangenen Jahr, werde auch Berlin „einen“ Herzog & DeMeuron erhalten.

Die kühlen Museumsbauten Volker Staabs etwa in Bayreuth oder Ahrenshoop, die Renaissance des Londoner Victoria & Albert Museums zeigen das Museum dagegen als neu erwachte Bildungsinstitution. Auch das Guggenheim in Bilbao ist nun stolz darauf, inzwischen gut 13 Prozent seiner Besuche aus der Region zu erhalten. Und es baut eine eigene Sammlung auf. Wenn das so weiter geht, wird aus ihm noch ein wirkliches Museum. Und der Bilbao-Effekt verpufft endlich.