20 Jahre Kabel eins: Kein Grund zum Feiern

Wenn es im deutschen Fernsehen einen Preis fürs Schönreden schlimmer Situationen gäbe, müsste sich Kabel-eins-Geschäftsführer Karl König bald eine neue Vitrine kaufen, um die vielen Trophäen unterzubringen. Seit gut einem Jahr ist König Chef beim drittgrößten Sender der ProSiebenSat.1-Gruppe – und müht sich ebenso metaphernreich wie hölzern, den schleichenden Niedergang des Kanals als innovative Neupositionierung zu verkaufen. An diesem Mittwoch feiert Kabel eins den 20. Jahrestag seiner Gründung, und als das Branchenmagazin Werben & Verkaufen den Senderchef kürzlich fragte, ob er sein Programm nicht reichlich bieder fände, antwortete König sinngemäß: ja, aber das sei doch prima. „Ich zum Beispiel bezeichne mich als biederen Menschen: Mitte 40, zwei Kinder, ich lebe am Stadtrand. Wenn wir die Menschen, die ein solches Leben führen, für Kabel eins begeistern können, haben wir viel erreicht.“

Solide Familienunterhaltung

Das ist natürlich Quatsch. Vor allem lenkt es davon ab, dass der Sender derzeit ein viel größeres Problem hat. Die Jahre, in denen ausgemusterte Shows wie „Glücksrad“, „Dingsda!“ und „Was bin ich?“ bei Kabel eins noch eine Ehrenrunde drehen durften, sind lange vorbei. Inzwischen ist der frühere „Kabelkanal“ – wie der Name die ersten drei Jahre lautete – für die Sendergruppe gleichzeitig Ersatzteillager und Resterampe. Noch spiegelt sich das nicht in den Quoten. Mit durchschnittlich 6,1 Prozent Marktanteil bei den jungen Zuschauern zwischen 14 und 49 Jahren lag Kabel eins im vergangenen Jahr zwar hinter dem Konkurrenten Vox, aber immer noch vor RTL 2 – auch ohne Programminnovationen. Seit dem Kurswechsel im Sommer laufen außer ein paar US-Serien wieder hauptsächlich ältere Spielfilme, genau wie früher. In den Jahren zuvor hatten wechselnde Geschäftsführer – auch der danach zum Vorstand aufgestiegene und gerade geschasste Andreas Bartl – alles daran gesetzt, das angestaubte Image loszuwerden und das Programm mit Eigenproduktionen aufzupeppen. In einem amüsanten Experiment schickte Kabel eins die Frauen eines Dorfes kollektiv in den Urlaub und ließ die „Männer allein daheim“. Der Sender lud zum täglichen „Fast-Food-Duell“ und brachte das „Quiz Taxi“ auf die Straße. Das war vielleicht nicht spektakulär, aber solide Familienunterhaltung.

„Lean-Back-TV für die Don’t-Look-Back-in-Anger-Generation“

Vor einem Dreivierteljahr wurden die Eigenproduktionen zusammengestrichen. Schlimm ist das nicht, weil es sich – wie bei „Rosins Restaurants“ und „Raus aus dem Messie-Chaos“ – sowieso meist um Kopien von Konkurrenzformaten handelt. Oder um die hundertste Dokusoap-Variante, bei der mopsige Moderatoren bei der Herstellung von XXL-Mahlzeiten zusehen, selbst XXL-Mahlzeiten verspeisen oder Rekordversuche mit XXL-Mahlzeiten unternehmen. Und wie „Stellungswechsel“, eine von vielen Jobtausch-Reportagen, im vergangenen Jahr einen Fernsehpreis gewinnen konnte, wird wohl das Geheimnis der Jury bleiben. Geschäftsführer König nennt das „Lean-Back-TV für die Don’t-Look-Back-in-Anger-Generation“. Man muss sich schon arg anstrengen, um größeren Unfug zu verzapfen. Und beim Sparen ist Kabel eins inzwischen kreativer als im Programm: Das „K1 Magazin“ wird nicht mehr wöchentlich, sondern nur noch zwischen März und Mai sowie zwischen September und November produziert. „Abenteuer Leben“ ist bereits seit Jahren eine Schleuder für PR-Filmchen, die erschöpfend über Restauranteröffnungen von Hamburger-Ketten oder die Vorteile von Ikea-Fertighäusern berichten.

Auch Vox musste „CSI: Miami“ an RTL abgeben, weil dort noch mehr Leute einschalten

Anstatt das zu rügen, hat die Bayerische Landesmedienanstalt gerade die Sendelizenz von Kabel eins als Vollprogramm bis zum Jahr 2020 verlängert. Dass die Hauptnachrichten kurz vor fünf am Nachmittag versendet werden und die nächsten Informationsschnipsel weit nach Mitternacht laufen, hat dem nicht weiter im Weg gestanden. Schlimmer noch als die Ideenlosigkeit wiegt die Tatsache, dass Kabel eins permanent hinter den Interessen von ProSieben und Sat.1 zurückstehen muss. Das Problem ist gar nicht, dass amerikanische Serien, die bei Kabel eins gut ankommen, irgendwann von den größeren Sendern übernommen werden. Auch Vox musste „CSI: Miami“ an RTL abgeben, weil dort noch mehr Leute einschalten und für höhere Werbeeinnahmen sorgen. Als Ausgleich dafür wird Vox in der RTL-Gruppe aber gezielt gefördert und mit neuen Serien versorgt.

Nicht mal seine erfolgreichste Eigenproduktion darf der Sender behalten

Kabel eins lässt sich derweil ganze Programmkonzepte klauen – so wie den Krimi-Donnerstag, dessen Konzept sich Sat.1 schnappte und den kleinen Bruder zum Umplanen zwang. Als vor zwei Jahren Sitcoms am Kabel-eins-Nachmittag für steigende Marktanteile sorgten, holte ProSieben „Two and a Half Men“ nicht nur zu sich ins Abendprogramm. Inzwischen ist auch der ProSieben-Nachmittag mit Sitcoms vollgestopft und Kabel eins musste umschwenken. Nicht mal seine erfolgreichste Eigenproduktion darf der Sender behalten: Die Diätshow „The Biggest Loser“ geriet in den vergangenen beiden Jahren zum Hit – und wird ab sofort von Sat.1 am Sonntagnachmittag weggesendet. „Ich verstehe Kabel eins auch ein wenig als Entwicklungs- und Ideenlabor für ProSieben und Sat.1“, sagt König. „Organspendenbank“ würde besser passen.

Jetzt läuft hier sogar Fußball

Wenn mal was nicht so funktioniert wie gedacht, werden die Programme einfach zurück verklappt – und obendrauf alles, was bei ProSieben oder Sat.1 zu wenige Zuschauer fand. Auf diese Weise erbte Kabel eins zwar Spitzenserien wie „Lost“ und „24“, musste die dann aber mit haarsträubend niedrigen Marktanteilen zu Ende zeigen. Ähnlich ist es beim Fußball: Spiele der Europa League, von denen sich Sat.1 kein ausreichend großes Publikumsinteresse verspricht, laufen kurzerhand bei Kabel eins, das sonst keinerlei Sportaffinität hat. Immerhin ging die Taktik zuletzt öfter mal nach hinten los – und Sat.1 zog mit seinem Alternativprogramm den Kürzeren.

In der vergangenen Woche lag Kabel eins mit der Übertragung des Schalke-Spiels vor dem Schwestersender und erzielte mit 4,14 Millionen Zuschauern die beste Quote seit seiner Gründung. Ein schönes Geschenk – aber auch eine absolute Ausnahme. Ansonsten gibt es für Kabel eins zum 20. Geburtstag nämlich nicht viel zu feiern.