Hier auf dem St. Mattäus-Kirchhof in Schöneberg liegt Rio Reiser begraben. Vor 20 Jahren ist der Rockpoet und frühere Sänger der einflussreichen Politband Ton Stein Scherben gestorben.  Sein Grab hier unweit der Yorckbrücken ist frisch geschmückt mit Blumen, einem Porträtfoto, jemand hat einen Zettel hinterlassen mit einer Aufschrift, die an einen Song des Solokünstlers Rio  Reiser erinnert.

„Alles Lüge - immer noch“, steht da drauf, andere haben ein Gitarrenplektron oder eine Krone hingelegt. Unbekannte haben den Grabstein jüngst mit Goldfarbe beschmiert. Rio Reisers Bruder  hat es versucht wegzumachen. „Ging aber nicht, bleibt jetzt“, sagt Gert Möbius.

Noch immer von Generationen verehrt

Ein paar Meter den Hügel hinab findet in der  Friedhofskapelle an diesem Sonnabend um 14 Uhr eine Gedenkveranstaltung für den unvergessenen Künstler statt. Anlässlich des 20. Todestages. Viele Menschen sind gekommen, nicht wenige sind unweit des Renteneintrittsalters, manche tragen aber immer noch ein T-Shirt mit der Aufschrift „Keine Macht für niemand!“, doch auch jüngere Fans sind gekommen. „Ich mochte vor allem seine Solosachen“, sagt ein junger Vater mit einem kleinen Baby auf dem Arm.

Es wird hier offensichtlich: Rio Reiser wird von mehreren Generationen verehrt. „Seine  Musik, seine Texte, seine Persönlichkeit“, sagt  Gabriele Heck, 50, die aus Tempelhof gekommen ist. 

Die Kapelle mit den knapp 200 Plätzen (inklusive Stehplätzen) ist schnell belegt. Hunderte Reiser-Verehrer versammeln sich deshalb auf dem Rasen vor der Kapelle, mittels  Leinwand und Lautsprecher wird die Veranstaltung gratis nach draußen übertragen. 

Glockengeläut aus der Kapelle

Zunächst singt die Polittunte Patsy L’Amour la Love den Song „Sie ham mir ein Gefühl geklaut“ aus dem Jahr 1978, in dem der schwule Rio Reiser gemeinsam mit den Mitautoren wortreich für eine offen gelebte Homosexualität plädiert.  Als bald  darauf „Junimond“ erklingt summen oder singen viele leise mit. Die Aufgabe, Rio Reisers Gesangspart zu übernehmen, hat der Nürnberger Liedermacher Gymmick übernommen.  Später wird auch AnayanA   einige Lieder singen, etwas sphärisch. Sie ist die Tochter der vor zwölf Jahren verstorbenen Britta Neander, die einst Mitglied der Ton Steine Scherben-Kommune war.

Als Musiker spielt auch das Ton Steine Scherben-Gründungsmitglied Kai Sichtermann mit - am Bass. Auch andere früherer Mitstreiter sind dabei. Es folgen die Lieder „Träume“, „Übers Meer“, „Schritt für Schritt ins Paradies“ und „Ardistan“. Rio Reiser war ja ein großer Karl May-Fan, hat auf einigen Alben Songs nach Romantiteln Karls Mays benannt.  Deshalb gehören auch  zwei Lesungen aus May-Romanen zum Programm („Ardistan“, „Auf fremden Pfaden“) zu der Gedenkveranstaltung.

Irgendwann läuten dann plötzlich die Glocken der Kapelle unentwegt. Ein besonderer Moment. „Da ist offenbar jemand an den Schalter gekommen“, ruft Moderator BeV StroganoV ins Mikrofon. Dann sind die Glocken wieder aus. Und zum Schluss wird der Dylan-Song „Death ist not the end“ gespielt. Es wirkt, als seine eine große, weit verzweigte Familien zusammengekommen. Und zum Schluss gehen sie alle noch einmal kurz ans Grab.