Vor drei Tagen begann das Europäische Kulturerbejahr unter dem Motto „Sharing Heritage“. Am 8. Januar wird in Hamburg die nationale Auftaktveranstaltung zu diesem internationalen Großprojekt stattfinden. Europäische Staaten, Regionen, Kommunen und Gemeinden wollen sich vergewissern, was sie eigentlich zusammenbindet.

Das ist nämlich durchaus fraglich in Zeiten, in denen der anti-europäische und durchweg anti-liberale Populismus etwa in Russland, Polen, Ungarn, Deutschland oder Frankreich Triumphe bei den Wählern und im Internet feiert. Es geht also um nichts weniger als die Frage, wer bestimmen darf, was Europa sein soll.

Ohne private Initiative geht gar nichts

Im April 2016 hatte die Europäische Kommission dieses Kulturerbejahr angekündigt, einer vom Deutschen Nationalkomitee für Denkmalschutz schon 2013 begonnenen Initiative folgend. Der hatten sich zunächst Bund und Länder Deutschlands, dann der EU-Kulturministerrat, das Europäische Parlament und schließlich der über die EU hinausreichende Europarat angeschlossen.

Dem demonstrativen Enthusiasmus entgegen stehen die mickrigen 13 Millionen Euro, die für die vielen hundert Projekte zur Verfügung gestellt wurden. Allein in Deutschland sind derzeit mehr als 120 angekündigt. Ohne private Initiative geht also gar nichts.

Das Vorbild für das Kulturerbejahr ist das Europäische Denkmalschutzjahr 1975, in dessen Folge jetzt debattiert wird: Warum ist auch ein Bunker ein Zeugnis der Geschichte, und muss man ihn ertragen wollen?

Was gilt als "europäisch" ?

Charakteristischerweise aber findet der Auftakt zum Kulturerbejahr 2018 nicht in der knallmodernen Elbphilharmonie, sondern im Rathaus der Hansestadt statt. Ein prächtiger Bau mit viel kaiserzeitlicher Skulptur und Dekor. Immer noch prägen Bilder von vorindustriell Altem und inzwischen als schön Empfundenen unsere Idee vom Erbe Europas.

Doch Altes und Schönes gibt es weltweit, genauso wie die fatalen Spuren des Autoverkehrs und der Massenarchitektur des 20. Jahrhunderts. Dass aber die Menschen auch in übereinandergestapelten Wohnungen leben, die ihnen zudem oft gar nicht gehören, sondern nur gemietet sind, das ist etwas sehr Spezielles.

In Europa wurde dieses sozial, kulturell und psychologisch für den einstigen Savannenwanderer Homo sapiens hoch strapaziöse Modell der Selbst-Disziplinierung seit dem 17. Jahrhundert entwickelt, das heutige Megastädte überhaupt erst möglich macht. Ähnlich speziell ist die Idee eines transkontinentalen Adels. Und dass wir von Sizilien bis zum Nordkap jedes Jahr wieder das Neujahrskonzert der Wiener Philharmoniker ansehen oder anhören, bei dem das Publikum vor Ort erstaunlich ruhig sitzen bleibt, obwohl die Tanzmusik die Beine doch zucken lässt. Aus der Perspektive vieler, die in Afrika, Asien, Australien, Nord- und Südamerika leben, ist das doch sehr europäisch.

Die Grenzen werden durchlässig

Manche sagen also, dass das, was Europa eigentlich auszeichnet, die seit Jahrhunderten debattierte Frage ist, was Europa eigentlich sei. Schließlich sind seine Grenzen nur sehr bedingt genau zu markieren: Das Mittelmeer war jahrtausendelang das Herz Europas, umfasst von den Imperien der Römer, der Byzantiner, der Normannen, des Königreichs Aragon, des Osmanischen Reichs.

Noch Frankreich, Italien und Spanien mit ihren im 19. Jahrhundert eroberten Kolonien in Nordafrika, die wie Algerien oft als ganz normale Provinzen betrachtete wurden, war erst die Sahara die eigentliche Grenze Europas – weswegen übrigens Ägypten in den großen Museen der Welt bis heute als Teil der europäischen und nicht der afrikanischen Kulturgeschichte gezeigt wird.

Der Atlantik war sicherlich bis zum späten 15. Jahrhundert eine kaum überwindbare Grenze. Doch seit den Fahrten von Vasco da Gama um Afrika herum und Christoph Kolumbus in die Karibik ist auch diese Grenze durchlässig geworden: Europa streckte seine kulturellen Grenzen nach Mittel- und Südamerika aus, dann nach Südafrika und ins östliche Nordamerika, um schließlich ganz Nordamerika zu umfassen.

Europa ist überall

Auch die traditionelle kulturelle Grenze Europas nach Asien hin fiel, Russland streckte sich bis nach Wladiwostok. Überall in diesen Regionen gibt es christliche Kirchen, die Erinnerung an eine idealisierte Antike, Renaissance und Barock.

Die etwa im derzeit geplanten Berliner Humboldt-Forum so selbstverständlich scheinende Grenzziehung zwischen Europa und Nicht-Europa ist schlichtweg absurd: Es gibt afrikanische Kolonien in Liverpool seit dem 17. Jahrhundert, und die Buren, die länger in Südafrika wohnen als etwa die Zulus, bezeichnen sich als Afrikaaner, und ihre Sprache als Afrikaans, nicht als niederländisch.

Wo wird ihre Kultur in Berlin gezeigt? Solche Grenzdebatten sind keineswegs nur akademisches Spiel. Die englischen Eliten etwa und die Brexit-Freunde propagieren seit Jahren, dass die „splendid isolation“ der britischen Inseln vom Kontinent quasi naturgegeben sei. Nichts könnte falscher sein. Historisch gesehen waren die Inseln seit der keltischen Antike immer Teil dessen, was auf dem Kontinent geschah, sei es als Teil des römischen Weltreichs, der Imperien der Wikinger oder der Normannen, der Dynastien Plantagnet und Anjou, der Tudor oder des Hauses Hannover, dem die heutige Königsfamilie entstammt.

Europas Prinzip von Ordnung

Eine „splendid isolation“ gab es für keinen Teil Europas jemals, dazu ist dieser Kontinent viel zu klein und seit der Jungsteinzeit viel zu dicht vernetzt. Aber Vernetzung ist nichts Spezielles, das seltsame Tier Homos sapiens sichert sich mit ihr sein Überleben seit wenigstens 75 000 Jahren. Was also ist das wirklich Besondere, das Europa der Welt gegeben hat?

Allem Überblick nach eine sehr spezielle Idee von der Ordnung des Zusammenlebens: Der Rechtsstaat, der nicht auf Macht gegründet ist, sondern die Macht erst begründet. Und aus dieser Rechtsstaatsidee heraus entwickelte sich die Idee einer frei sich ihre Informationen sammelnden, sich selbst Grenzen anlegenden Gesellschaft, die die Regierung kontrolliert, nicht von dieser kontrolliert wird.

Das immaterielle Erbe Europas

Die Idee einer geschriebenen Verfassung, auf deren Worte sich jeder Bürger berufen kann, an die sich selbst die Könige und Mächtigen zu halten haben, ist eine genuin europäische – auch wenn eine ihrer großartigsten Formulierungen durch Europäer erfolgte, die nach Nordamerika ausgewandert waren.

Es ist eben kein Zufall, dass diejenigen, die am schärftsten gegen die Europäische Union polemisieren, auch diejenigen sind, die den Rechtsstaat und die Idee freier Information etwa durch freie Zeitungen und öffentliche Radiosender demontieren wollen. Europäisches Kulturerbe, das sind sicher auch schöne Häuser und Tänze, Musik, Bilder und Skulpturen und die nette Idee, im Sommer massenweise an den Strand zu fahren.

Aber das wichtigste an Europa ist immaterielles Erbe: der Rechtsstaat und Demokratie. Sie erst schaffen die Möglichkeit, Europa als einen Kontinent der Möglichkeiten zu beschreiben, der im Zentrum des Europäischen Kulturerbejahrs steht.