Georg Friedrich und Sophie von Preußen vor Schloss Amerongen nahe Utrecht.
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BerlinWir sollten der Familie Hohenzollern eigentlich danken. Sie hat mit ihrem überaus ungeschickten Verhalten im vergangenen Jahr dafür gesorgt, dass endlich auch auf einer breiten gesellschaftlichen Ebene über die Vermögensansprüche einstiger Herrscherhäuser debattiert wurde. Selbst Kulturstaatsministerin Monika Grütters, keineswegs eine Adelsfeindin, ist redlich frustriert. In einem Gespräch mit der dpa beschrieb sie ihr Vertrauen als aufgebraucht: „Deshalb schwinden die Hoffnungen, dass man überhaupt noch zu einer fairen und von allen getragenen Einigung kommen kann.“ Die Erwartungen in der Öffentlichkeit seien inzwischen groß, „dass die Ansprüche vor Gericht geklärt werden“. Und vor dem gibt es keinen Adelsvorbehalt mehr.

Was ist privat?

Im Frühjahr 2019 wurde bekannt, dass die einstige Adelsfamilie die „Rückgabe“ von Zehntausenden Objekten teils erstklassigen Kulturguts sowie die Kompensation der Enteignung in der Sowjetischen Besatzungszone durch Wohnrechte in einstigen Schlössern und sehr viel Geld fordert, sogar die Mitsprache bei Ausstellungen über das 1918 gestürzte Herrscherhaus gleichen Namens „anbietet“.

Es geht um die 1926 vollzogene Trennung zwischen dem einstigen preußischen Staatsvermögen, das für den Unterhalt des Hofes gedacht war – es wurde damals oft umstandslos den einstigen Herrschern als Privatvermögen zugestanden – und dem tatsächlichen Privatvermögen der Familie, das es durchaus gab. Dank der jetzigen Hohenzollern-Ansprüche wurde deutlich, wie fiktiv diese Trennung im monarchischen Leben war – und wie gering die Gegenleistung für das generöse Entgegenkommen Preußens.

Im Unterschied etwa zu den bayrischen Wittelsbachern dachten die Hohenzollern nach aller Überlieferung nie daran, das ihnen überlassene Vermögen für etwas anderes zu verwenden als für den Unterhalt der Familie. Schon in den 1920ern begannen die Verkäufe teils erstklassiger Werke auf dem Kunstmarkt, die bis heute fortgesetzt werden.

Sie stellen die Machtfrage

Nun aber wird endlich darüber debattiert, ob der oft überaus widersprüchliche und durchweg zum Nachteil des republikanischen Preußen geschlossene Vertrag von 1926 nicht ganz angefochten werden sollte. Mit den Forderungslisten und Interviews, die Georg Friedrich Prinz von Preußen und seine Anwälte gaben, brachten sie ihre Verteidiger in Rechtfertigungsnöte.

Sie stellten die Machtfrage, die eine Republik nur mit einer Ablehnung aller Ansprüche beantworten kann. Und sie vermischten systematisch heutige privatrechtliche Vermögensansprüche mit der Erinnerung an die historische Rolle ihrer Vorfahren. Damit aber kam die Debatte in Gang, wie sehr diese Vorfahren verwickelt waren in den Aufstieg und die Machtbehauptung der Nazis, also dem Gesetz nach „Kriegsverbrecher“ sind.

Den einstigen Kronprinzen Friedrich Wilhelm als einflusslos zu skizzieren, gar als Vertreter einer gescheiterten konservativen Revolution, die die Nazis verhindern wollte – das wird zunehmend schwieriger. Schließlich hat er 1932 zur Wahl Hitlers aufgerufen, ihm 1933 in der Potsdamer Garnisonskirche gesellschaftlichen Glanz abgegeben, nie öffentlich gegen die Verfolgung von Juden und Andersdenkenden protestiert.

Die heutigen Hohenzollern haben zwar mit der Drohung von Prozessen versucht, eine Debatte über all dies zu verhindern. Dadurch wurde aber auch klar, dass sie offenbar mit regelrechten Knebelverträgen selbst ihnen zugeneigte Historiker daran hinderten, ihre „Gutachten“ zu veröffentlichen, dass auch die als Privatbesitz deklarierten Archive, in denen erhebliche Teile der preußischen und deutschen Staatsüberlieferung lagern, verschlossen werden können.

Es gibt keine Hoheiten mehr

Der Leiter des Leibniz-Zentrums für Zeithistorische Forschung Potsdam, Martin Sabrow, sprach von einer „Gefährdung der Wissenschaftsfreiheit“. Aber es war erst der Satiriker Jan Böhmermann, der wagte, die vier sehr widersprüchlichen Gutachten zur Naziverwicklung der Hohenzollern einfach zu veröffentlichen.

Die Frage, wem die Archive der einst Herrschenden gehören, liegt nun auf dem Tisch. Schließlich ist es den Hohenzollern gelungen, die Reste alter Vorrechte wieder ins öffentliche Bewusstsein zurückzubringen.

Dank der Weimarer Reichsverfassung von 1919 gibt es keine Fürsten, Prinzen oder Durchlauchte mehr, und die Bezeichnung „Leihgabe von SKH“ – also „Seiner Kaiserlichen oder Seiner Königlichen Hoheit“ in Schloss Charlottenburg ist schlichtweg rechtswidrig. Es auch keine Adels-„Häuser“ mehr, nur bürgerlich-privatrechtlich organisierte Familienverbände. Und das Bundesverfassungsgericht hat inzwischen auch die skandalösen „Hausgesetze“ aufgehoben, die alle diejenigen, die „nicht standesgemäß“ heirateten, vom Gesamt- und damit Pflichterbe ausschlossen.