Kristine Listau und  Jörg Sundermeier, die Verleger des Berliner Verbrecher Verlags, vor der Buchhandlung Montag in der Pappelallee.
Foto:  Benjamin Pritzkuleit

BerlinDen verwegenen Namen ihres Verlags müssen Kristina Listau und Jörg Sundermeier heute niemandem mehr erklären. Er steht für ein überlegtes literarisches Programm sowie für Sachbücher zu Kultur und Politik. Sundermeier, der vor 25 Jahren mit seinem Freund Werner Labisch den Verlag in einem Studentenwohnheim in Berlin gegründet hat, sagt, er wisse heute noch von einer christlichen Buchhandlung, „die wäre ganz froh, wenn wir anders hießen“. Aber auch die bestellt längst rege die Bücher des Verlags mit dem ungewöhnlichen Namen.

An einigen Titeln kommt man nicht mehr vorbei, wenn man die deutsche Gegenwartsliteratur anbieten möchte. An Anke Stelling zum Beispiel, die mit dem Roman „Bodentiefe Fenster“ auf der Longlist zum Deutschen Buchpreis stand und mit dem durch den Preis der Leipziger Buchmesse 2019 geadelten Roman „Schäfchen im Trockenen“ eine Bestsellerautorin ist.

Neben dem Verlegerpaar, das nicht zufällig auch ein Ehepaar ist, gibt es regelmäßig zwei bis drei Werkstudenten, die mitarbeiten, bezahlt und ausgebildet werden und einen festangestellten Hersteller. Der hat einen der Schlüsselberufe in der Buchbranche. Er berechnet den Umfang eines  Manuskripts für die Buchform, schlägt Bindung, Seitenlayout, Schriftart und Einbandmaterial vor, er sorgt mit für den äußeren Eindruck der Bücher. Man kann die Verbrecher-Bücher wiedererkennen.

Meistens sind nur Autorenname und Titel in großen Blockbuchstaben auf dem Cover. Kristina Listau sagt: „Wenn Sie in eine Buchhandlung gehen, werden Sie nicht mehr viele Bücher gleich von der Gestaltung her einem Verlag zuordnen können: Da ist Diogenes mit dem weißen Schutzumschlag und Gemälde dazu, es gibt die Bibliothek Suhrkamp oder die Taschenbücher von dtv. Und unsere Bücher eben auch.“ Jörg Sundermeier sagt: „Auffallen wollten wir damit immer. Aber ursprünglich war es auch aus der Not geboren. Wenn man nur eine Farbe verwendet, druckt man billiger als mit vieren.“ Inzwischen tragen manche der literarischen Titel auch ein Bild vorn. Das Aras-Ören-Lesebuch „Berliner Trilogie“ vom vergangenen Jahr zeigt den Kreuzberger türkischen Dichter auf einem Foto, ebenso mit einem Porträt bedruckt ist der Auswahlband mit Texten des westdeutschen linken Autors Christian Geissler. Andere tragen eine vignettenartige Zeichnung.

Wir haben uns zum Gespräch im Clash verabredet, der Kneipe mit Mittagstisch unten im Mehringhof in Kreuzberg. Hier liegt auch der linke Buchladen Schwarze Risse, der jetzt Buchpremieren im Freien veranstaltet hat. In der ersten Etage hat der Verlag seine Räume, viel zu eng sind sie eigentlich, viel zu voll mit Büchern, Material, Akten. Aber er muss sparsam wirtschaften. „Wir hatten schon richtig schlimme Jahre“, sagt Sundermeier, „jetzt geht es uns zwar, trotz Corona recht gut, aber auch nur, weil wir genau rechnen.“ Während große Verlage erst mit Auflagen ab 3000 Exemplaren anfangen, leisten sich die Verbrecher auch Bücher, die sie zunächst nur 1000fach drucken.  

Die Zahlen hat vor allem Kristina Listau im Blick, die 2014 die Geschäftsführung übernommen hat und zuvor beim Kulturamt Frankfurt am Main und der Stiftung Stadtmuseum Berlin angestellt war. Das sichere Gehalt im öffentlichen Dienst habe ihr schon gefallen, sagt sie, „aber das Büchermachen bereitet mir viel mehr Freude.“ Ist es nicht schwierig, als Ehepaar im selben Verlag zu arbeiten? Im Gegenteil, behaupten beide: „Man verbringt so viel Lebenszeit mit der Arbeit, da ist es doch schön, dabei zusammen zu sein.“ Ihre winzig kleine Hündin Tilla schnurrt derweilen zu unseren Füßen. Ja, sie schnurrt, es ist ein Chihuahua.

Ortswechsel: Für die Buchpremiere von Anke Stellings Erzählungsband „Grundlagenforschung“ hat die Buchhandlung Montag am vergangenen Sonnabend Klappstühle auf den Bürgersteig gestellt. Die rund zwanzig Plätze reichen nicht. Mindestens genauso viele Zuhörer stehen noch drum herum, teils mit, teils ohne Maske. Der sanfte Herbstwind vertreibt die Aerosole.

Anke Stelling liest die ersten beiden Erzählungen aus dem Buch. Sie liest so, dass immer wieder Zuhörer lachen, glucksen, raunen. Nicht mehr junge und noch nicht alte Großstädter mit Kindern und Ambitionen laufen durch diese Geschichten, Leute, wie sie gut an den Ort passen, wo Jogger mal eben durch Publikum traben und Eltern ihre Kinder auf dem Laufrad vor sich her treiben. Anke Stelling hat ein gutes Auge für die Selbstinszenierung von Menschen, spürt feine soziale Unterschiede genau heraus. Sie kleidet ihre Beobachtungen in ironiegeschmückte Sätze.

Kristina Listau hat Quiche gebacken für den Nachmittag, Jörg Sundermeier schenkt nach der Lesung Crémant aus. Die Verleger feiern ihren 25. Geburtstag mit den Lesern. Andere Autoren des Verlags sind auch dabei, so Dilek Güngör, deren Roman „Ich bin Özlem“ einer jungen Frau eine Stimme gibt, die immer nur von anderen Identitäten zugeordnet bekam, so auch Manja Präkels, die für ihren Roman „Als ich mit Hitler Schnapskirschen aß“ den Anna-Seghers-Preis bekommen hat.

Es ist nicht ungewöhnlich für diesen Verlag, dass die Autoren neugierig aufeinander sind, viele kommen auch zu den „Verbrecherversammlungen“, in der Regel einmal im Monat in der Fahimi Bar. Die letzte war im Februar, dann kam das Virus. Und lange wird man keine Lesungen mehr unter freiem Himmel abhalten können, oder? „Ach“, sagt Kristina Listau, „wenn die Sonne scheint, ist es immer noch schön.“