In diesem Jahr der vielen Jubiläen feiert der Ch. Links Verlag 30. Geburtstag. Widmete er sich anfangs ausschließlich Politik und Zeitgeschichte des 20. Jahrhunderts, blickt er heute auch voraus, erscheinen dort Länderporträts, Sachbücher zu Alltagsfragen und jüngst das Buch „Hauptstadt der Tiere“ über den Berliner Zoo. Unangefochtene Bestseller des Verlags sind die „Chronik der Wende“ und die „Chronik des Mauerfalls“. Das hat mit seiner Entstehungsgeschichte zu tun. Der Verleger, bis 1986 Redakteur der Berliner Zeitung, ist Zeitzeuge des Endes der DDR und der friedlichen Revolution. Darüber sprachen wir mit Christoph Links.

Wenn Sie bei der Berliner Zeitung hätten bleiben können in den 80er-Jahren – wären Sie dann vielleicht gar nicht Verleger geworden?

Das ist richtig.

Ihr Vater Roland Links war Lektor bei Volk und Welt und später Verlagsleiter von Gustav Kiepenheuer. Hat Sie das nicht auch gereizt?

Nein, ich wollte mit dem Journalismus ja möglichst weit weg von der Verlagsbranche. Doch die Staatssicherheit wollte, dass ich als politisch unzuverlässiger Genosse die Redaktion der Berliner Zeitung verlasse. Zunächst wurde ich in den technischen Bereich versetzt und dann zum Promotionsstudium delegiert. Das war 1986. Daneben brauchte ich eine Arbeit, wir hatten zwei Kinder. Beim Aufbau-Verlag bin ich mit der Idee einer Lateinamerika-Buchreihe abgeblitzt, der Verleger Elmar Faber sagte mir, sein Papierkontingent reiche nicht einmal, um genug Bücher von Christa Wolf zu drucken. Aber er suche einen Assistenten der Geschäftsleitung. 

Da war die Arbeit als Chef vom Dienst ja sicher eine Vorbereitung.

Ja, schlimmer als Tageszeitungsstress kann das nicht sein, sagte ich mir. Außerdem trat ich eine außerplanmäßige Aspirantur an, durfte also meine Doktorarbeit schreiben.

Aber Sie haben doch über das Ende der DDR-Verlage promoviert?

Das war viel später. Damals beschäftigte ich mich mit dem Sandinismus in Nicaragua. Im Herbst 1989 hatte ich die Arbeit fertig und war freigestellt, um die Thesen zur Dissertation zu schreiben. Und justament in der Zeit passierte vor meiner Haustür eine Revolution.

Vor der Haustür?

Wir wohnten an der Gethsemanekirche. Ich war mit vielen Freunden aus der Opposition verbunden. Deshalb wurde ich am 7. Oktober 1989 mit eingekesselt. Als wir nach einer Protestveranstaltung abends aus der Kirche rauskamen, erwartete uns die Polizei. An dem Tag gab es – wie seit Juni an jedem 7. eines Monats – auf dem Alexanderplatz eine Demonstration gegen die Wahlfälschungen. Diese Menschen wollten dann zum Palast der Republik …

Wo die Jubelfeier zum 40. Jahrestag der DDR stattfand.

Aber da wurden sie von der Polizei weggedrängt, und so zogen sie die Karl-Liebknecht-Straße hoch Richtung Gethsemanekirche. Der Zug wurde immer größer.

In der Karl-Liebknecht-Straße war Ihre alte Arbeitsstelle. 

Ja, und die, die dabei waren, erzählten, wie am Berliner Verlag der Ruf erschall „Pressefreiheit! Pressefreiheit!“ und wenige Hundert Meter weiter, beim Gebäude der Nachrichtenagentur ADN, noch einmal. Das war eine der zentralen Forderungen des revolutionären Herbstes: Neben der Meinungsfreiheit und Reisefreiheit wurde auch eine unabhängige Presse gefordert. Als die Demonstranten dann von der Prenzlauer Allee die Stargarder Straße hochkamen, wurden sie mit Schlagstöcken und Lkws erwartet. Viele, viele Menschen wurden herausgegriffen.

Haben Sie das in einem Tagebuch festgehalten?

Damals habe ich angefangen, Tagebuch zu führen. Am nächsten Abend, am 8. Oktober, wurde es noch einmal schärfer, da kamen noch die Wasserwerfer und die Hundestaffeln dazu. Und wieder gab es diese brutalen Verhaftungen. Erst am dritten Abend, am 9., nachdem in Leipzig sich sechzig- bis siebzigtausend Leute den Ring erobert hatten und die Machtfrage entschieden war, zogen die Einsatzkräfte auch im Prenzlauer Berg ab.

Die Machtfrage war entschieden, das ist eine Formulierung zur Beurteilung einer Revolution.

In der Tat. Die Demonstranten hatten gesiegt. Der Ruf „Wir sind das Volk“ entstand als Reaktion auf die Behauptung, sie seien Rowdys, die das Volk beim Feiern störten – wie es damals auch die Berliner Zeitung schrieb. Darüber, wer das Volk war, bestimmte nicht länger die Parteiführung. Wir waren das Volk.

Die Gethsemanekirche blieb eine Anlaufstelle, auch als nicht mehr demonstriert wurde.

Ja, im Gemeindehaus sorgte Pfarrer Bernd Albani dafür, dass Informationen für den späteren Untersuchungsausschuss zu den Übergriffen am 7. und 8. Oktober zusammengetragen wurden. Dort gab es das Kontakttelefon für die Suche nach festgehaltenen Demonstranten. In der Kirche stellten sich die Oppositionsgruppierungen erstmals der Öffentlichkeit vor, das Neue Forum, Demokratie Jetzt, der Demokratische Aufbruch. Oft war ich dabei.

Weil es in Ihrer direkten Nachbarschaft war.

Mir war bewusst, dass das Geschehen viel bedeutender war als meine Doktorarbeit. Meine Beschäftigung mit Lateinamerika war ja eine Art Flucht, weil über die verkrusteten Verhältnisse im eigenen Land kaum geschrieben werden konnte. 

Können Sie ein Beispiel aus der Berliner Zeitung nennen? 

Ich schrieb zum Beispiel über Mosambikaner, die als Vertragsarbeiter in Weimar im Landmaschinenbetrieb Fortschritt ausgebildet wurden und dort auch arbeiteten. Sie konnten sich jenseits ihrer Wohnheime kaum bewegen, es gab keine Kulturangebote für sie, in vielen Gaststätten wollte man sie nicht haben. Deshalb trafen sie sich in der Mitropa am Bahnhof. Es herrschte eine große Gereiztheit in der Bevölkerung gegen sie. Mein Text wurde immer wieder von der Seite genommen und umgeschrieben. Aber in der Wirtschaftsredaktion oder in der Lokalabteilung war es noch viel schlimmer. Über den meisten Problemfällen hing ein Tabu. Die Artikel mussten vorgelegt werden, obwohl es eigentlich keine Vorzensur der Zeitungen in der DDR gab. Die Chefredaktionen waren entsprechend ausgerichtet.

Den Ch. Links Verlag haben Sie noch 1989 gegründet. Wie kam das? 

Ich hatte im Frühjahr 1989 schon versucht, einen Verlag als Genossenschaft zu gründen. In der Hauptverwaltung Verlage und Buchhandel erklärte man mir, es tue ihnen leid, aber die DDR habe schon 78 Verlage. Für einen 79. reichten weder Papier noch Druckkapazitäten. Heute in der Bundesrepublik gibt es 2800 Verlage. Aber zum 1. Dezember 1989 wurde die Zensur in der DDR abgeschafft, und ich habe beim Ministerium für Kultur einen Antrag auf eine Lizenz zur Verlagsgründung gestellt. Zum 1. Januar 1990 wurde auch die Lizenzpflicht abgeschafft, es gab endlich Gewerbefreiheit für Verlage.

Und dann wurden jede Menge Verlage gegründet.

Ja, etwa 200. Es war das wunderbare Jahr der Anarchie vom Herbst 1989 bis zum Oktober 1990. Wir alle glaubten, wir produzierten für einen neuen offenen DDR-Markt.

Für die lesehungrigen Bürger.

Dachten wir. Noch auf der Leipziger Buchmesse 1990, die einen Tag kürzer war als sonst, weil am 18. März die Volkskammerwahlen stattfanden, haben wir mit westdeutschen Verlagen Lizenzen ausgehandelt.

Doch nach den Wahlen war klar, dass ein solcher Austausch unnötig war?

Wie schnell die Einheit kommen würde, war zu der Zeit auch noch völlig ungewiss. Der Ministerpräsident Lothar de Maizière ging auch noch von zwei Jahren aus. Diese ganze Kalkulation endete mit der Währungsunion am 1. Juli 1990. Da brach die gesamte ostdeutsche Wirtschaft weg. Im Verlagsbereich war das deutlich zu spüren. Die Buchhandlungen räumten ihre Regale für das westdeutsche Angebot frei. Die Verlage bekamen vom Buchhandel nahezu die gesamte Produktion zurück. Die zentrale Auslieferung LKG in Leipzig hatte keinen Platz mehr, gab sie an den Altpapierhandel. Aber auch die Papiermühlen, die Recyclingpapier herstellten, kamen nicht hinterher. Also landeten Büchermengen in einem aufgelassenen Tagebau bei Leipzig. Bis es einen Aufschrei in den Medien gab und zum Beispiel der Pfarrer Weskott aus Katlenburg im Harz sich vieler dieser Bücher annahm. 

Die Leute haben diese Bücher nicht mehr gekauft. Also können die Verlage und Buchhandlungen nicht schuld sein. Hätte es eine vernünftigere Lösung geben können?

Klar, zumindest in dieser Zeit hatten die Leute kein Interesse an diesen Büchern, ob es nun Klassiker-Ausgaben waren oder aktuelle Belletristik. Aber man hätte eine bessere Logistik finden können. Man hätte sie zum Beispiel in den leerstehenden Messehallen lagern können. Übrigens gehörte auch mein Buch „Die Chronik der Wende“ zu den im Tagebau entsorgten.

Aber das ist doch der Bestseller aus Ihrem eigenen Verlag!

So weit waren wir noch nicht. Der Peter Hammer Verlag in Wuppertal hatte dieses Buch bei uns bestellt, parallel dazu gab es eine Ausgabe im Aufbau-Verlag. Die Chronik entstand auf Grundlage der Tagebücher, die mein Freund Hannes Bahrmann und ich geführt hatten. Er war noch bei ADN und hat an den offiziellen Veranstaltungen teilgenommen, ich war auf den Treffen der Oppositionsgruppen. Die Aufbau-Ausgabe hatte sich im März, April so gut verkauft, dass eine zweite Auflage produziert wurde. Diese geriet in die Rückflutungen und landete im Tagebau.

Was wurde eigentlich aus der Dissertation? 

Ich hatte sie fertig, aber ich habe sie nicht mehr verteidigt. Zum einen, weil meine betreuende Sektion Philosophie an der Humboldt-Universität sich im Frühjahr 1990 in Auflösung befand. Zum anderen hatte ich wegen des Verlags kein Interesse mehr daran. Ich wollte keine akademische Karriere einschlagen. Damit die Arbeit über Nicaragua nicht umsonst war, habe ich sie später als Buch publiziert.

Was war der erste Titel in Ihrem eigenen Verlag? 

Das erste Buch war von Georg Hermann Hodos: „Schauprozesse. Stalinistische Säuberungen in Osteuropa 1948–54“. Ich hatte es im März auf der Buchmesse mitsamt der fertigen Druckfilme gekauft, vom Campus-Verlag Frankfurt am Main.

Seit wann haben Sie die „Chronik der Wende“ im eigenen Programm?

Das war, als 1994 Hansjürgen Rosenbauer als Intendant beim neugegründeten Sender ORB – Ostdeutscher Rundfunk Brandenburg – anfing und wir ihm sozusagen für die Eingewöhnung im Osten …

Er kam ja vom WDR.

… dieses Buch schenkten. Er war sehr interessiert, und er hatte aus dem Gründungsetat des Senders Geld für eine Dokumentation. Zum 5. Jahrestag der friedlichen Revolution ließ er eine Fernsehserie produzieren in 73 Teilen à 15 Minuten. Die war so erfolgreich, dass sie 1999 fortgesetzt wurde. Mit 163 Teilen ist es die größte Dokumentation der deutschen Fernsehgeschichte geworden. Seither ist das Buch in unserem Verlag, wir waren die Fachberater für die Serie. Und Hannes Bahrmann und ich haben den 30. Jahrestag jetzt zum Anlass genommen, noch einmal vom letzten Jahr der DDR zu erzählen. „Finale“ heißt das Buch.

Kennen Sie Ihr Publikum? Sie machen ja viele Veranstaltungen.

Mehr als 200 im Jahr. Es gibt überall interessierte und wache Leute. Aber was wir mit unserem Buch „Unter Sachsen“ vor zwei Jahren erlebt haben, war beispiellos. Bei den Lesungen entlud sich sehr viel Unmut gegen eine kritische Beschäftigung mit der Flüchtlingsabwehr speziell in Sachsen. Da kommt zum Ausdruck, was ja auch soziologisch nachgewiesen ist: Viele Menschen fühlen sich als Bürger zweiter Klasse, weil sie von West-Eliten dominiert werden. In Sachsen sind nur drei Prozent der Führungskräfte ostdeutscher Herkunft. Keine Universität oder Hochschule in Deutschland hat einen aus dem Osten stammenden Rektor.

Sind Sie für eine Ost-Quote?

Das wäre schwierig. Wer ist ein echter Ossi? Manche Westler sind seit zwanzig Jahren hier, es gibt Leute, die sind aus der DDR weggegangen und zurückgekommen. Ich bin für mehr Sensibilität, dass Menschen mit Ost-Erfahrung, Ost-Prägung in verantwortliche Positionen kommen.

Warum haben sich die ostdeutschen Politiker nie zusammengeschlossen?

Dagegen sprach auch das politische Gefälle, weil der Süden eher CDU, der Norden SPD-regiert war.

Das Gefühl, schlecht behandelt zu werden, ist im Osten gewachsen, obwohl sich die Lebensverhältnisse verbessert haben. 

Als Verleger habe ich das beobachten können: Wofür werden Forschungsgelder ausgegeben, worüber werden Dissertationen geschrieben? Erst allmählich kommt das gesamte Leben in den Blick und wird man nicht mehr verdächtigt, ein Ostalgiker zu sein, wenn man über interessante Filme oder die Alltagskultur überhaupt spricht.

War der Ostalgie-Verdacht in den ersten zehn, zwanzig Jahren der Vereinigung das Hauptproblem? 

Das rührt aus den 90er-Jahren, aus der Politik der Kohl-Regierung, als die Delegitimierung der DDR als offizielles Programm galt. Natürlich waren die Verwerfungen der Massenarbeitslosigkeit und der Berufsumbrüche leichter zu verkraften, wenn man erfuhr, wie schrecklich die DDR war. Es ist kein Wunder, dass Andreas Dresen acht Jahre lang gekämpft hat, um mit „Gundermann“ einen Film über eine so gespaltene Figur durchzubringen. Dass das Land nicht nur in Opfer und Täter geteilt werden kann, sondern man sich die Konflikte und Widersprüche in den Personen selbst angucken muss.

Und Sie haben das Buch dazu gemacht.

Es gibt unendlich viele Erfolge der deutschen Einheit. Man redet sie nicht schlecht, wenn man auf die Stellen hinweist, wo noch Defizite sind. Man muss über sie reden, auch indem man Bücher dazu verlegt.

Das Gespräch führte Cornelia Geißler.