Moritz van Dülmen kann schnell sprechen. Das schien aber auch nötig zu sein, um die Fülle an Informationen zum Planungsstand der Gedenkveranstaltungen zum Jahrestag des Mauerfalls in gebotener Kürze vorzutragen. In seiner rasenden Diktion erschien das Veranstaltungspaket, das der Geschäftsführer der für das Projekt „30 Jahre Friedliche Revolution/Mauerfall“ zuständige Kulturprojekte Berlin vor den Kollegen des Kulturausschusses im Abgeordnetenhaus ausbreitete, nur noch üppiger.

Dabei hatte er wenig zu berichten, was über die bereits vor zwei Wochen der Öffentlichkeit vorgestellten Rahmendaten hinausging. Sieben Tage, sieben Orte – rund um den 9. November 2019 soll in Berlin ausgiebig gefeiert, aber auch besonnen nachgedacht werden. Es sei ihnen darum gegangen, möglichst viele Facetten der Revolution von 1989 zur Geltung kommen zu lassen.

Von den Mauertoten zu den Mauerspechten gewissermaßen. In der Erinnerung schnurrt nun einmal vieles zusammen, was in der Rückschau einer sorgfältigen Kontextualisierung bedarf. Gleich mehrfach betonte van Dülmen, dass man großenWert darauf gelegt habe, möglichst viele Partner einzubeziehen. Es gehe darum, den richtigen Ton zu treffen und die vielen Emotionen und Interessen, die das historische Ereignis noch immer hervorrufe, nicht gegeneinander auszuspielen.

Aktuelle politische Positionierungen

Das Widerstrebende und Streitbare aber ist es, was bei vielen ankommt oder hängenbleibt. Ob denn die geplante Projektion des Palastes der Republik auf die Fassade des künftigen Humboldt-Forums eine Antwort auf Wilhelm von Boddins Spiegelung des Berliner Schlosses auf die Gebäudereste des abgerissenen Palastes der Republik sein solle? Van Dülmen verneinte, aber an diesem schönen Nachmittag wurde im Berliner Abgeordnetenhaus unmissverständlich deutlich, dass historisches Gedenken immer auch einen Anlass bietet für aktuelle politische Positionierungen.

Mochte sich der AfD-Abgeordnete Dieter Neuendorf mit den meisten Programmpunkten anfreunden, schärfte sein Parteikollege Martin Trefzer das politische Besteck. Er monierte die ideologische Aufladung des Vorhabens, die er vom im Kulturausschuss abwesenden Kultursenator Klaus Lederer (Die Linke) vernommen zu haben meinte. Klaus Lederer hatte bei der Vorstellung des Vorhabens kürzlich ausdrücklich auf eine doch eher gedrückte europäische Stimmungslage verwiesen, auf die auch eine Gedenkfeier zum „30 Jahre Friedliche Revolution“ Rücksicht nehmen müsse. Trefzer ging in die Vollen, witterte einen deutschen Sonderweg und warnte davor, die Polen und Ungarn über ihre europakritische Haltung belehren zu wollen.

Für einen kurzen Moment ging es hoch her im ansonsten eher gesitteten Kulturausschuss. Dann aber besann man sich darauf, dass dies ja keine Debatte, sondern bloß eine Anhörung sei. In dieser beantwortete Kulturstaatssekretär Torsten Wöhler die Frage, ob denn zum 9. November in Berlin weiter mit dem vorübergehend gescheiterten Kunstprojekt Dau des russischen Filmemacher Khrzhanovky zu rechnen sei. Es gebe, so Wöhlert reserviert, diesbezüglich keine Planungen des Senats. Der zweite Tagesordnungspunkt, die Besprechung zum Themenwinter „100 Jahre Revolution“ verlief dann deutlich geordneter. Geschichte wird nicht nur gemacht, sie beruhigt sich auch.