Der Nachruhm reicht noch bis in die Vorabendwerbung hinein. Ulrich Meyer, dessen aggressiv-dynamische Talkrunden „Explosiv – Der heiße Stuhl“ (RTL) und „Einspruch“ (Sat.1) die sonderbarsten Zeitgenossen zu allen nur denkbaren Themen vernahmen, genießt heute die Wonnen einer einträglichen Werbepartnerschaft zugunsten eines Herstellers von alkoholfreiem Bier, assistiert von der früheren Eisschnellläuferin Franziska Schenk.

Haltet Euch fit, lautet die Botschaft der Stars vergangener Tage. Und Frederic Meisner, der ein gutes Jahrzehnt am „Glücksrad“ drehte, durfte, in Würden ergraut, die Erfahrung machen, dass ihn sein Publikum nicht vergessen hat. Nie zuvor war das Verbrauchermagazin „Apothekenumschau“ derart prominent, seit der smarte Moderator sich öffentlich um die Gesundheit in die Jahre gekommener Mitmenschen sorgt. So anständig und gut aussehend geht Altern.

Dabei waren Meisner und Meyer einmal die Protoptypen einer TV-Unterhaltung, die kräftig über die Stränge schlug. Mit ihren Auftritten im Vor- und Spätprogramm trugen sie dazu bei, das gediegene Bürgerfernsehen der öffentlich-rechtlichen Sendeanstalten zumindest vorübergehend vor Schreck erstarren zu lassen. Eine einzige Sendung von Meyers „Brüllfernsehen“ hätte das Gremienwesen der gebührengestützten Sender vermutlich in ihren Grundfesten erschüttert. In der neuen Privatwelt, die am 1. Januar 1984 auf Sendung ging, fesselten die TV-Beglückungen aus Unterföhring und anderswo Zuschauers Neugier und Empörungspotenzial auf Jahre. Oder, im Falle Meisners, den Willen zur alltäglichen Harmlosigkeit.

Was geschlummert hatte

Ulrich Meyers Vorgehen war indes so irritierend wie dessen Präsenz. Nach den pogromartigen Angriffen auf einen von Asylbewerbern bewohnten Häuserblock in Rostock-Lichtenhagen lud er Rostocker Bürger zum „Einspruch“ ein und fragte, wer von ihnen denn applaudiert habe, als das Sonnenblumenhaus in Rauch aufging. Der Spiegel bezeichnete die Sendung als „TV-Volksgerichtshof“, wobei der stets smarte und ungemein geistesgegenwärtige Meyer nie den Anschein erweckte, tendenziöse oder ideologisch geprägte Interessen zu verfolgen.

Es ging schrill und krawallig zu in den neuen Fernsehwelten, aber die verschiedenen Formate brachten letztlich doch bloß zum Vorschein, was unter der Daunendecke der öffentlich-rechtlichen Langeweile bereits halbwach geschlummert hatte.

Rutschky nannte es "Unterschichtenfernsehen"

Der Berliner Schriftsteller und Zeitdiagnostiker Michael Rutschky hatte als einer der ersten bemerkt, dass sich mit der Einführung des Privatfernsehens nicht die Darbietungen des Fernsehens revolutioniert hatten, sondern das Publikum gewissermaßen ausgetauscht worden war. Waren die „Tagesschau“, Werner Höfers „Frühschoppen“ mit sechs Journalisten aus fünf Ländern und selbst Robert Lembkes Ratesendung „Was bin ich?“ Unterweisungen der jungen Bundesrepublik in die demokratische Bürgergesellschaft, so regierte ab 1984, wie Rutschky es nannte, das Unterschichtenfernsehen.

Momos, das Pseudonym, unter dem der Rhetorikprofessor Walter Jens jahrzehntelang TV-Kritik exerziert hatte, war nicht mehr gefragt. Vor den Mikrofonen von Ilona Christen, Arabella Kiesbauer, Margarethe Schreinemakers, Hans Meiser und Co. gaben Menschen Einblicke in ihre Lebenswelt, von deren Existenz das öffentlich-rechtliche Fernsehen etwas geahnt haben mochte, von denen es seine Zuschauer aber verschonen wollte, so gut es ging.

Die Privaten folgten den Lektionen des Jahrmarktes

Gewiss haben die Privatsender im Kampf um die Zuschauergunst auch so etwas wie einen Verdrängungswettbewerb ausgelöst. Vor allem aber haben sie Fenster zu verborgenen Welten geöffnet, die nur darauf gewartet zu haben schienen, sich prall, grell und exzessiv zu inszenieren. Dabei wiederholten die großen Privatsender RTL, Sat.1, aber auch RTL II und Pro 7 bloß die Lektionen des Jahrmarktes, auf dem lange schon vor der Erfindung der Massenmedien Elefantenmenschen, Preisboxer und Kleinwüchsige ihre Andersartigkeit zur intensiven Betrachtung ausstellten.

Von heute aus gesehen kann man sagen, dass trotz all der Niederungen, die vor laufenden Geräten zu durchschreiten waren, der Untergang des Abendlandes nicht stattfand. Das Fernsehen hat sich ausgetobt und dabei auch aufs Gaspedal der Ironie getreten. Entertainer wie Hugo Egon Balder und Hella von Sinnen bewiesen früh, dass expressive Drastik und intelligenter Wortwitz keinen Widerspruch darstellen müssen.

Blümchensex reicht nicht

An Balders Unsinns-Show „Tutti Frutti“ konnte man aber auch lernen, dass das Herzeigen von ein wenig Blümchensex auf Dauer nicht reicht, um die bürgerliche Sexualmoral herauszufordern. Das Einfallstor pornographischer Darstellungen, als das „Tutti Frutti“ einst verabscheut wurde, ist wieder zugeschlagen. Schmuddelfernsehen gibt es allenfalls noch spät nachts bei einem Sportsender frei Haus, während die Pornographie ins Internet abgewandert ist und inzwischen Hundertschaften von Anwälten damit beschäftigt, die komplizierten juristischen Unterscheidungen zwischen Download und Streaming zu definieren.

Das Fernsehen insgesamt, und somit auch das Privatfernsehen, ist zu einem Wort- und Bilderlieferanten geworden, der angesichts der digitalen Konkurrenz das Gütesiegel eines kulturellen Artenschutzes beanspruchen darf. Zu den Lektionen des Privatfernsehens gehört es in gesteigertem Maße auch, das televisueller Ruhm vergänglich ist. Viele der schrillen Höhe- und Tiefpunkte schaffen es heutzutage kaum mehr in die Nostalgieclips der Chartshows.

Aber am Erscheinungsbild von Frederic Meisner kann man auch studieren, wie ein Held des Buchstabensalats, den er für einige Zeit mit der aparten Maren Gilzer angerichtet hat, weit davon entfernt ist, sich dafür schämen zu müssen. Die wilden Jahre waren zonk, jetzt wird es Zeit, sich mit der Krebsvorsorge zu befassen.