300. Geburtstag: Würdevolle Abendunterhaltung

Der Geburtstag ist abgefeiert, jetzt muss es auch mal genug sein mit Friedrich dem Großen. Machen wir es also kurz mit den tönenden Geburtstagsfeiern der letzten Tage, die aber doch mehr waren als Festakte.
Friedrich verstand Musik nicht als Hobby, das ihm ein paar müßige Stunden neben der preußischen Effizienz seiner Regierungsgeschäfte gewährte. „Sein Künstlertum war integraler Teil seiner Würde als König, seines monarchischen Selbstverständnisses, und erfüllte sich nicht in einer Privatsphäre“, schreibt Sabine Henze-Döhring in ihrem Buch „Friedrich der Große. Musiker und Monarch“ (C.H.Beck). Was damit gemeint ist, kann man innerhalb unserer ausgenüchterten Arbeitsteiligkeit nurmehr ahnen; der bundesrepublikanische Oberpreuße Helmut Schmidt rechnete sein Klavierspielen mit Christoph Eschenbach und Justus Frantz gewiss nicht zu seiner Würde als Bundeskanzler.

Gewiss ist ein geborener König etwas anderes als ein gewählter Kanzler, aber das Wort vom „ersten Diener des Staates“ zeigt schon an, dass in Friedrichs Königtum etwas wie ein Amtsverständnis eindringt, das umgekehrt an der musikalischen Betätigung einen privaten Aspekt zum Vorschein bringt. Zwar kümmerte sich Friedrich eifrig um sein Opernhaus und öffnete es den Untertanen. Aber seine musikalischen Abendunterhaltungen betrieb er für sich mit seinen Hofmusikern und seiner Lieblingsmusik.

Die Konzerte am Dienstag in der Philharmonie und am Mittwoch im Konzerthaus wollten die Atmosphäre dieser Abendunterhaltungen aufleben lassen. Am Dienstag lasen Armin Müller-Stahl als Friedrich und Burghart Klaußner als Voltaire einige weise Dialoge, in denen insbesondere Friedrich als Besonnenheit in Person erschien und freundlicher, als er wirklich war. Drumherum spielten die Berliner Barock-Solisten auf modernen, die Akademie für Alte Musik auf historischen Instrumenten. Die Nähe zu Personen und Musik, die die Lesung erzeugen wollte, stellte sich in der Philharmonie indes nicht ein. Als die Akademie am nächsten Tag im Kleinen Saal des Konzerthauses auftrat und zum Teil die gleichen Stücke spielte, klangen die zwar schärfer, wirkten aber wesentlich konzentrierter: Im kleineren Raum erschien gebaut, was am Tag zuvor formlos durch die Weite des Saales genudelt war.

Klar, Friedrich war große Auftritte gewohnt und setzte sich mit den ausgreifenden Gesten und trillernden Hörnern seiner straffen und glänzend gemachten D-Dur-Sinfonie auch im großen Saal durch. Der diskrete, feine Ton von Christoph Huntgeburths Traversflöte braucht jedoch Nähe zum Hörer, und dann zeigt auch das elegisch-elegante Flötenkonzert in e-Moll von Quantz seine Reize. Wer jedoch im Unterschied zum 1697 geborenen Quantz keinen spätbarocken Hintergrund hatte und sich im Vertrauen auf den konservativen Geschmack des Königs daran orientieren konnte, der hing zwischen 1740 und 1760 einigermaßen ratlos in der Luft. Franz Bendas Violinkonzert B-Dur, das Midori Seiler mit der Akademie am Mittwoch spielte, wandert schon durch die Tonarten wie später die Klassiker. Aber ohne jene tiefgründige Organisation des motivischen Materials, die Haydn später entwickeln sollte, wirken diese Wanderungen oft wie Irrwege.

Aber hätte Friedrich größere Kunstfertigkeit überhaupt goutiert, er, dem es auf „Natürlichkeit“ im Ausdruck ankam? Die Musik seines Hofcembalisten Carl Philipp Emanuel Bach jedenfalls, die an beiden Abenden erklang, hatte tatsächlich an seinem Hof keine Chance, auch wenn sie die seiner Kollegen am Hof turmhoch überragt. Die geistreichen Scherze des F-Dur-Cembalokonzerts, die der Solist Raphael Alpermann am Mittwoch in idealer Abstimmung mit der Akademie herausarbeitete, treiben mit den Erwartungen des Hörers ihre Spiele und lassen es dabei an der angemessenen Ehrerbietung bedenklich mangeln.

Noch schlimmer das Flötenkonzert in d-Moll, das Jacques Zoon am Dienstag mit den Berliner Barocksolisten aufführte: Hier zeigt sich der Bach-Sohn als Stürmer und Dränger, der eine bis dahin unbekannte Hitzigkeit in die Musik bringt. Der Flöte ist solcher Ausdruck abgetrotzt; selbst der virtuose Jacques Zoon wurde ganz hektisch dabei und versuchte, den Barock-Solisten zu enteilen – wie wäre erst der König ins Schwitzen gekommen? Nein, Friedrich hielt sich an seinen Quantz und seinen Graun. Jedem das Seine.