Sie war noch niemals in New York. Statt dessen sitzt Denise tagein, tagaus an einer Berliner Supermarktkasse und zieht die Waren, die das Band ihr bringt, durch den Supermarktkassenscanner; daheim zappelt ihre aufmerksamkeitsdefizitäre Tochter herum, deren Vater sich nur selten sehen lässt, und wenn er es tut, wünschen sich alle Beteiligten, er täte es nicht. 3000 Euro: So viel hat Denise kürzlich bei einem Billiginternetpornodreh verdient; damit will sie dem Kind und sich die lange schon ersehnte Reise nach New York bezahlen. Doch die zwielichtigen Internettypen weigern sich nun, das Pornohonorar zu begleichen. Gemein!

3000 Euro: Das ist auch die Summe, die Anton braucht. Allerdings braucht er sie nicht, um sie zu verprassen, sondern um seine aus Prasserei entstandenen Schulden zu bezahlen. Vor nicht allzu langer Zeit noch ist Anton ein hoffnungsvoller Jurastudent gewesen, dann trugen ihn das Schicksal, die Drogen, der Größenwahn und das Berliner Nachtleben aus der Bahn. Nun lebt er in einem Obdachlosenasyl, zittert einer ihn eventuell wegen Geschäftsuntüchtigkeit von seinen Schulden erlösenden Gerichtsverhandlung entgegen und verdient sich seinen Lebensunterhalt unterdessen damit, dass er auf der Straße und in den Parks leere Pfandflaschen sammelt. Um das Pfandgeld zu kassieren, bringt er die Flaschen dann am liebsten an die Supermarktkasse mit der schönen Denise.

„3000 Euro“: So heißt der neue Roman von Thomas Melle. Es handelt sich um eine besinnungslos hyperaktive Beschreibung einer doppelten Hoffnungslosigkeit sowie um eine zarte Liebesgeschichte, welche, wie man von den ersten Szenen an ahnt, natürlich nur tragisch ausgehen kann. Denn zwar gelingt es den beiden gescheiterten Menschen, zueinander zarte Bande zu knüpfen. Doch sind die Bande so zart, dass sie in dem Moment sogleich wieder reißen, in dem Denise in den Besitz des Geldes gelangt, das Anton so dringend bräuchte. Nicht, weil sie zu geizig wäre, um ihm zu helfen. Sondern weil sie keine Fähigkeit mehr dazu besitzt, etwas zu entscheiden, was ihr Leben wirklich verändern könnte: jenseits der Verwirklichung eines vorgefertigten Traums.

Thomas Melle, 1975 geboren, hat Mitte des letzten Jahrzehnts zunächst als Lyriker, Theaterdichter und Übersetzer unter anderem von William T. Vollmanns „Huren für Gloria“ reüssiert. Vor drei Jahren erschien sein Debütroman „Sickster“: ein Berlin-Mitte-Buch, in dem Melle das Schicksal eines vom Turbokapitalismus aus der Bahn geworfenen Tankstellenzusatzgeschäftsoptimierers namens Taue beschrieb, der nach endlosen Nächten im Büro und im Berghain in psychiatrischer Behandlung strandete und dort mit ebenso paranoiden Leidens- und Gesinnungsgenossen an antikapitalistischen Umsturzplänen zu arbeiten begann. Ein grandioses Buch – nicht zuletzt wegen der rasenden turbodialektischen Sprache, die alles, was in der von Melle geschilderten, aus den Fugen geratenen Welt noch irgendwie hätte Halt bieten können, ebenso virtuos wie vollständig wegzureißen verstand.

Irres, berührendes Buch

In „3000 Euro“ pflegt Melle nun von den ersten Sätzen an die gleiche Geschwindigkeit, was auf den ersten Blick irritiert: Denn wenn man, wie die Menschen in diesem Buch, aus dem Treiben der Gesellschaft an deren Rand geschleudert wird, sollte sich das Tempo der Existenz ja auch verlangsamen. So ist es aber nicht, zeigt Melle uns hier: Das Tempo bleibt gleich, es nimmt eventuell sogar zu, es ist nur eben bloß nicht mehr das „eigene“ Tempo.

Der Irrsinn des Mitmachen-müssens wird lediglich durch den Irrsinn des Wie-konnte-es-soweit-kommen-und-wie-komme-ich-hier-wieder-heraus-Gedankenzirkelns ersetzt. So leben die Menschen, von denen Melle erzählt, in zwei widerstreitenden Geschwindigkeiten zugleich: Gegen den Stillstand ihres körperlich-realen Daseins steht das Tempo der Welt drumherum, das so tief in das Innere der Menschen eingedrungen ist, dass es sie selbst ihre Bewegungslosigkeit als irres Kreiseln empfinden lässt. Das macht den Rhythmus dieses Buches noch feiner, vertrackter, faszinierender als jenen des Debüts.

In den ersten Rezensionen zu „3000 Euro“, etwa von Sebastian Hammelehle auf Spiegel Online, wurde Melle lustigerweise ein oberflächlicher und klischeehafter Umgang mit seinen Figuren vorgeworfen; er habe sich zu sehr in Oberflächen verliebt; es mangele seinem Bild des Prekariats an dem nötigen Realismus. Lustig ist das deswegen, weil Melle schon in „Trickster“ in der leidenschaftlichsten Weise klischeehaft und oberflächlich mit seinen Figuren umsprang – nur, dass das damals niemanden störte, weil es sich nicht um Vertreter der Unterschicht handelte, sondern um unter Dauerstrom stehende Berlin-Mitte-Hipster. Bei deren Darstellung gelten für den Durchschnittskritiker aber offenbar andere Genauigkeitsmaßstäbe und eine generell geringere Einfühlungspflicht.

Anders gesagt: Je mehr Empathie die politische Korrektheit mit zu kurz gekommenen Bevölkerungsgruppen fordert, desto stärker wird auch die Erwartung, dass diese nur im überkommenen Stil des literarischen Realismus zu beschreiben sind.

Selbiger ist aber nun gerade nicht die Sache von Thomas Melle. Die Bilder der Realität, die er entwirft, liegen seinen Beschreibungen nicht voraus, sondern ergeben sich aus der von ihm gesprochenen Sprache; und diese ergibt sich wiederum aus der Welt, in der wir leben. Wenn Melle überhaupt einen Realismus pflegt, dann ist es ein linguistisch vermittelter.

Warum aber sollte er dann bei der Beschreibung seiner stetig scheiternden Randgruppenfiguren in „3000 Euro“ nicht genauso rücksichtslos und hektisch synkopierend schreiben wie bei den paranoiden Hipstern seines Debüts? Sie bewohnen ja alle dieselbe Welt; und diese Welt hört nicht auf, uns anzubrüllen und zur besinnungslosen Selbstverschwendung zu treiben, bloß weil wir eventuell nicht oder nicht mehr in der Lage sind, mit dieser Geschwindigkeit mitzuhalten. Im rasenden Stillstand des Turbokapitalismus, das kann man aus den Büchern Thomas Melles lernen, gibt es keinen Flucht-Ort jenseits der Raserei.

Am Ende, und das ist der irrste Moment in diesem irren, berührenden Buch, sind in ihrer unüberwundenen Einsamkeit übrigens alle sehr glücklich.