Dieses Format ist ein Geschenk: Zwei Stunden Zeit, interessante Gäste, und kein Überthema, auf das die Moderatoren immer wieder krampfhaft zurückkommen müssen. Der NDR-Talk 3nach9 bietet den Raum, um mit anderen ins Gespräch zu kommen. Eigentlich. Denn ein Gespräch in einer Gruppe, das ist mehr als Einzel-Interviews.

Dabei geht es gut los: Tagesthemen-Moderator Ingo Zamperoni erzählt, wie er während der EM angefeindet wurde. Er ist Deutsch-Italiener und hatte das Spiel Deutschland-Italien, bei dem die Italiener in der Halbzeit mit 2:0 vorne lagen, mit einem Lächeln kommentiert. Beschimpfungen, Protestmails folgten. Der Begriff dafür, Shitstorm, ist nicht allen in der Runde geläufig, also erklären die Jüngeren den Älteren, worum es geht, und man plaudert ein wenig über Integration.

Waders Unwohlsein

Zeitweise wird es sehr berührend: Der Liedermacher Hannes Wader, mittlerweile 70 Jahre, spricht über sein Lampenfieber, sein Unwohlsein auf der Bühne, auch seine Zeit bei der Kommunistischen Partei ist Thema und wie sie ihm in schwierigen Zeiten Halt gegeben hat. Dabei wirkt er ganz bei sich, und Moderator Giovanni di Lorenzo kommt Wader nahe, indem er behutsam nachfragt. Und das, obwohl die Zeit viel zu kurz ist.

Als der Bayern-Patriot Wilfried Scharnagl Thesen verkündet, warum Bayern unabhängig werden müsse, entspinnt sich sogar kurzzeitig eine Diskussion über Solidarität, über eine Verpflichtung der reicheren Länder, den Ärmeren etwas abzugeben. Doch die Momente, in denen die Gäste einander etwas zu sagen haben, sind rar.

Manchmal entsteht sogar der Eindruck, das das gar nicht erwünscht ist: Moderatorin Judith Rakers fragt Tatort-Schauspieler Oliver Mommsen über seinen ersten Kuss, über One-Night-Stands, und übers Heiraten aus. „Sollen wir anderen gehen?“ fragt einer aus der Runde im Scherz.

Informative Zwiegespräche

Dabei überzeugen die Zwiegespräche zwischen Gästen und Moderatoren, sie sind persönlich, und oft auch informativ: Porno-Regisseurin Petra Joy erklärt sachlich, wie sie die weibliche Lust in ihren Filmen in den Mittelpunkt rückt und Digital-Therapeutin Anitra Eggler beleuchtet das Krankheitsbild Internetsucht.

Nur Zusammenbinden lässt sich das alles nicht recht, artig warten die Gäste darauf, Fragen gestellt zu bekommen, und halten sich ansonsten zurück. Erst ganz am Ende, als es um die Zahnschmerzen von Schauspieler Bjarne Mädel geht, schaltet sich ausgerechnet Hannes Wader, der Menschen grundsätzlich misstraut, spontan ins Gespräch ein und erzählt von einer vergessenen Akupunkturnadel, die ihn einmal fast durchbohrt hätte. So, und jetzt das Ganze am besten noch mal von vorne.