Eine Talkshow ist eine Behauptung. Die Behauptung, dass derjenige, der die Fragen stellt, sich für denjenigen interessiert, den er eingeladen hat. Und dass er Fragen hat, deren Antworten er noch nicht kennt. Selten ist eine Talkshow so, wie sie behauptet zu sein: spontan, unterhaltsam, interessant.

Immerhin in ein paar guten Momenten ist es den Gastgebern von „3nach9“, Giovanni di Lorenzo und Judith Rakers, gelungen, dieses Unterhaltungsversprechen einzulösen: Als zum Beispiel die „Tagesschau“-Sprecherin Rakers die künftige „Sportschau“-Moderatorin Franziska Schenk kollegial danach fragte, ob es bei ihrem Casting auch spezielle geheime Prüfungen gegeben habe, um sie vor laufender Test-Kamera aus der Fassung zu bringen. Wie nebenbei erfuhr der Zuschauer so, wie die Fernsehleute die Nervenstärke ihrer Sprecher testen: mit fingierten Pannen ... inszenierten Notfällen ... ausgefallener Technik. 

Aus dem Nähkästchen geplaudert

Munter plauderte Rakers aus dem Nähkästchen. Und es entstand so etwas wie ein interessantes Gespräch, in dessen Folge sich auch Fußballprofi Moritz Volz einschaltete. Rakers hatte die ehemalige Leistungssportlerin Schenk nach Fragen gefragt, die sie als Sportlerin nicht gerne gehört habe, die sie als Reporterin nun aber doch stellen würde. Und Schenk hatte zugegeben, dass ihr die Aktiven bei den unmittelbaren Nachfragen nach den Wettkämpfen immer leid täten.

Darauf schaltete sich Volz mit der Bemerkung ein, diese Befragungen am Spielfeldrand seien doch eigentlich ein ziemlich nutzloses Ritual. Denn die Spieler dürften ohnehin oft die Wahrheit gar nicht sagen. Und dann zählte er auf, was den Spielern alles zu sagen verboten sei: mehrfach Kritik üben an anderen Spielern ... an Schiedsrichtern ... am Trainer ... sogar am Gegner. Da staunte der Laie, und der Fachmann wunderte sich.

Diese interessanten Momente waren aber rar. Sie wogen die langen Phasen der Routine nicht auf, und kamen oft genug nicht mal auf Initiative der Moderatoren zustande. Meist befragten sich die Gäste gegenseitig, so als hätten sie untereinander wesentlich mehr Interesse aneinander als die Moderatoren an ihnen. Vor allem Barbara Rütting, Schauspielerin, Buchautorin, Aktivistin und Querulantin, verstand den Abend als das, was „3nach9“ früher oft gewesen war: ein Ort der Debatten, der Begegnung, der Widerworte.

Als Rütting der Ablaufdramaturgie zufolge selbst an der Reihe war, unterbrach sie sofort den von di Lorenzo geplanten Gesprächsablauf, um Fußballprofi Volz für die unpolitische Haltung der deutschen Nationalmannschaft in der Ukraine-Frage haftbar zu machen. „Alles war ich tue, ist politisch. Und alles, was ich nicht tue, ist auch politisch“, erklärte sie apodiktisch, und später fing sie auch noch ungefragt an, Witze zu erzählen. Das alles – auch die hilflosen Versuche von di Lorenzo, sie auf sein geplantes Gesprächsthema zurückzubringen - war ziemlich unterhaltsam, auf jeden Fall spontan und deshalb leidlich interessant.

Fragen mit bekannten Antworten

Den überwiegenden Teil des Abends verbrachten aber die Gastgeber damit, ihre Planung umzusetzen. Sie stellten Fragen, deren Antworten sie kannten. Und das war dann überwiegend eher nicht so unterhaltsam: Giovanni di Lorenzo fand keinen rechten Zugang zu Tedros Teclebrhan, dessen Spaß-Video „Umfrage zum Integrationstest (was nicht gesendet wurde)“ inzwischen 15 Millionen Menschen bei Youtube angeklickt haben.

Sein Eingangsgag, den Comedian in seiner Rolle anzusprechen („Hat Deutschland einen Präsidenten oder einen König?“) wollte nicht recht zünden, sein zweites, unironisches Gesprächsangebot, über die Glaubwürdigkeit des Fake-Videos zu sprechen  (di Lorenzo: „Wenn man das zum ersten Mal sieht, denkt man: Sarrazin hat Recht!“) scheiterte wiederum an Teddy, der seinen Gag nicht politisieren wollte („Ich fand’s einfach komisch, wenn jemand was falsch beantwortet. Das war’s“).

Ähnlich ziellos verlief auch das Gespräch mit dem Aurachirurgen Gerhard Klügl. Ein Selbstversuch der Moderatorin Rakers, sich vor laufender Kamera von ihm behandeln zu lassen, scheiterte. Ein kritisches Interview mit dem Schulmediziner Matthias Kampschulte wirkte eher verworren als erhellend. Zuweilen wurde an beiden Orten gleichzeitig gesprochen. Der Tontechniker hatte wohl nicht seinen besten Tag. Dann war die Redezeit um. Kügl musste sich samt Aura wieder setzen.

Und Roger Cicero durfte sein EM Fan-Lied darbieten. Er markierte pflichtschuldig Interesse an der bevorstehenden Europameisterschaft, und sagte, was sonst noch so von ihm erwartet wurde. Dann holten die Gastgeber ihren stärksten Trumpf aus der Tasche und konfrontierten Cicero mit einem Satz, den er zwei Jahre zuvor bei „3nach9“ gesagt hatte: „Ich hasse Fußball und kann’s auch nicht spielen“. Cicero wurde kurz rot. Und redete sich dann raus. Eine Talkshow ist eben immer eine Behauptung. Immer wieder eine andere.