Explosion einer Atombombe am Ende einer langen Straße.
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BerlinAkiko Takakura alberte mit einer Kollegin in der Bank, als sie bemerkte: „Plötzlich blitzte es draußen!“ Als sie aus dem Gebäude stürzte, stieß sie im Flammenmeer auf Menschen, deren brennende Arme knackend abbrachen. Die damals 20-Jährige war eine von zehn Menschen, die den Atombombenabwurf im inneren Radius von 500 Metern überlebten. Der Animationsfilm „Obon“ von Anna Bergmann und André Hörmann zeichnet in expressiven Bildern ihre Erinnerungen nach.

Der junge Militärarzt Shuntaro Hida war in einem Vorort von Hiroshima, als die Bombe fiel. Im örtlichen Rot-Kreuz-Hospital sah er als erster Mediziner verstrahlte Opfer aus der Nähe und erlebte, wie sie aus allen Körperöffnungen bluteten. Der Film „Als die Sonne vom Himmel fiel“ zeigt Shuntaro Hida, wie er noch als 95-Jähriger über die Gefahren der Atomkraft aufklärt, er starb 2017 im Alter von 100 Jahren.

Der 32-jährige Fotograf Yoshito Matsushige war der Einzige, der am 6. August 1945 im brennenden Hiroshima Fotos machte. In Hans-Dieter Grabes Film „Hiroshima, Nagasaki – Atombombenopfer sagen aus“, 1985 erstmals gezeigt, inzwischen digital restauriert, berichtet er von seinen dramatischen Eindrücken.

75 Jahre nach den Atombombenabwürfen auf Hiroshima und Nagasaki können nur noch ganz wenige Überlebende befragt werden. Doch die Erlebnisse sind vielfach filmisch festgehalten worden. 3Sat und Arte, die sich an mehreren Tagen dem Thema widmen, können auf einen großen Fundus zurückgreifen. Filme, die schon zum 70. Jahrestag liefen, haben an Aktualität nichts verloren. So rekonstruiert der langjährige ARD-Japan-Korrespondent Klaus Scherer in seinem Film „Nagasaki, warum fiel die zweite Bombe?“ den geopolitischen Machtpoker im Sommer 1945 und zeigt auf, dass weder die erste noch die zweite Bombe militärisch nötig gewesen wäre. Die amerikanische Behauptung, die Bomben hätten eine Invasion in Japan verhindert, die Millionen GIs in Gefahr gebracht hätte, erklärt er zur Legende. Auch in der britisch-französischen Koproduktion „Countdown in ein neues Zeitalter“ wird diese Propaganda thematisiert.

Daneben haben die Programm-Gestalter von 3Sat und Arte Dokumentationen ausgewählt, die einen breiteren historischen Rahmen setzen und sich generell den Gefahren der Atomkraft widmen. So beginnt die zweiteilige Doku „Uran und Mensch – Ein gespaltenes Verhältnis“ mit Felszeichnungen, mit denen schon die australischen Aborigines vor dem gefährlichen Gestein warnten. Der australische Physiker Derek Muller beginnt seine Zeitreise in die Minen im tschechischen Joachimsthal, wo die geheimnisvoll leuchtende Pechblende auffiel, und diskutiert die Frage, ob die Menschen tatsächlich das Uran nutzen können, ohne ihre Welt zu zerstören.

Besonders eindrücklich bleiben Filme japanischer Autoren, die sich nicht nur mit den Opfern befassen, sondern zeigen, wie das Ignorieren, Verleugnen und Verharmlosen der Gefahren der Atomkraft durch staatliche Stellen bis heute Tradition hat. „Unser Freund, das Atom“ von Kenichi Watanabe erinnert an die „Radium-Girls“ in den 1920er-Jahren, die die Pinsel, mit denen sie radioaktives Material als Leuchtziffern in die Wecker malten, noch mit der Zunge anfeuchteten.

Damals wusste noch keiner, warum sie so häufig an Mundkrebs erkrankten. Besser wissen können hätte man es bereits 2011: Doch die US-Marines auf dem Flugzeugträger „USS Ronald Reagan“, die den japanischen Tsunami-Opfern helfen wollten und in die atomare Wolke gerieten, mussten zwar mit Seife das Deck schrubben, bekamen aber nicht die vorgesehenen Jodtabletten – die blieben den Offizieren vorbehalten. Über 50 erkrankten an Krebs. Ähnliches geschah 1958, als die Amerikaner auf den Marshall-Inseln Bomben testeten. „Du konntest an Deck das Skelett deines Vordermanns sehen“, erinnert sich ein Soldat.

Keine Vorwarnung gab es für die japanischen Fischer, die 1954 im Pazifik unterwegs waren und nicht ahnten, dass auf dem Bikini-Atoll Atombomben getestet wurden. Der Filmtitel „Unser Freund, das Atom“ spielt auf die Propaganda-Kampagne an, mit der die amerikanische Besatzungsmacht den besiegten Japanern, die als Verbündete im Kalten Krieg gewonnen werden mussten, die Atomkraft als „Super-Power“ verkaufte. Die in Hiroshima und Nagasaki brutal demonstrierte Zerstörung diente also nicht als Beleg dafür, wie verheerend, sondern wie mächtig diese Kraft war. Bis zur Katastrophe von Fukushima hatte die Anti-Atomkraftbewegung in Japan einen schweren Stand – die wenigen Ärzte, die warnen, erscheinen im Film wie die Nachfolger von Sisyphus.

Von einer privaten Warte aus nähert sich die in der Schweiz lebende Filmemacherin Aya Domenig im Film „Als die Sonne vom Himmel fiel“ dem Thema. Ihr Großvater hatte als Arzt im Rot-Kreuz-Spital von Hiroshima das Leiden der Verstrahlten erfahren, aber gemäß seiner Weisungen nie darüber gesprochen. In dessen Kollegen Shintaru Hida und der Krankenschwester Shizuko Uchida findet die Autorin aber Zeugen, die beschreiben können, was ihr Großvater erlebt haben muss. Gehör in der japanischen Öffentlichkeit finden die beiden Zeitzeugen aber erst, nachdem 2011 ein Tsunami die Reaktoren von Fukushima zerstörte und das lange verdrängte, in Trauerrituale erstarrte Leiden der Strahlenopfer wieder aktuell wurde.

Mo, 3.8. auf 3at um 22.25 Uhr: „Obon“, 22.40 Uhr: „Hiroshima, Nagasaki – Atombombenopfer sagen aus“

Di, 4.8. auf Arte um 20.15 Uhr, „Hiroshima – Countdown in ein neues Zeitalter“, 21.50 Uhr: „Terror – Atomkraftwerke im Visier“, 23.40 Uhr: „Uran und Mensch – Ein gespaltenes Verhältnis“, auf 3Sat um 22.25 Uhr: „Als die Sonne vom Himmel fiel“

Mi., 5.8. a
uf 3Sat um 23.55 Uhr: „Nagasaki – Warum fiel die zweite Bombe?“; dazu in der ARTE-Mediathek: „The Bomb“ und „Unser Freund – das Atom“