Daniel Cremer präsentiert „Das Wunder der Liebe“ ab Freitag im Herbstsalon.
Foto: Melanie Bonajo

BerlinDas noble Unterfangen, Zugehörigkeit neu zu denken, beginnt mit einer Erklärung der Frauenverteidigung aus Rojava: „Stoppt den türkischen Besatzungskrieg gegen Nordostsyrien sofort.“ Verlesen von der Theaterschaffenden Anina Jendreyko auf der Bühne des Gorki-Theaters und annekdotisch ergänzt von Hito Steyerl, Heja Netirk und Bilgin Ayata, ersetzt die Intervention „Frauen für Rojava“ die Eröffnungsrede zum Auftakt des vierten Berliner Herbstsalons.

Seit 2013 widmet sich das interdisziplinäre Festival neuen Ideen der Gemeinsamkeit jenseits tradierter Hierarchien. Die Intervention verdeutlicht, welch Privileg es ist, diesen Diskurs im friedlichen Berlin zu führen, aber auch, welche Dringlichkeit ihm innewohnt: Ausgrenzung, Vertreibung und Auslöschung sind die Folgen eines Heimatbegriffs, der nicht alle einzuschließen vermag.

Wo die Mittel der Politik solche Ungleichheit nicht zu korrigieren vermögen, verpflichtet dieses Privileg Kunst- und Kulturschaffende, hinzuschauen. Daher auch das Ausrufezeichen im Titel „De-Heimatize It!“ Sprich: Der politische Diskurs um Heimat gehört ausgemistet.

Politikwissenschaftlerin liefert mit Vortrag „De-Heimatize Belonging“ das Motto für den 4. Berliner Herbstsalon

Im Zeughauskino offenbart eine Videoinstallation von Yael Bartana das reinigende Potenzial dieser Maßnahme. Rettungsweste, Wasserkanister, Pass: In Zeitlupe fallen alltägliche Zeugnisse aus Geschichte und Gegenwart durch einen schwarzen Raum. Michelangelos David, ein Gewehr, traditionelle Gewänder, Schädel, dazu bedrohliches Dröhnen, das in den Fußsohlen vibriert, zwischendurch schneit es „Judensterne“.

Assoziationen von Unterdrückung und Genozid drängen sich auf, umso erleichterter ist man, wenn die Objekte aus dem Bild verschwinden. Die Arbeit ist inspiriert vom jüdischen Brauch des „Taschlich“, bei dem Taschen und Kleider an Ufern entleert werden, um die Vergebung der Sünden zu erbitten.

„Unrettbar“ ist einzig der Begriff Heimat, weiß Bilgin Ayata, eine der „Frauen für Rojava“. Die Politikwissenschaftlerin lieferte mit ihrem Vortrag „De-Heimatize Belonging“ das Motto des vierten Herbstsalons. Als Schlagwort diverser Verflechtungen von Patriarchat, Kapitalismus und Rassismus stifte Heimat als politisches Konzept längst kein inklusives kollektives Bewusstsein mehr.

Mit einer Ausstellung, einer Plattform für Kurator*innen mit zukunftsweisenden Ansätzen und einer Konferenz greifen die Organisator*innen um die Gorki-Intendantin Shermin Langhoff diese These auf. Rund 40 internationale Künstler*innen mit feministisch-intersektionalem Ansatz zeigen drei Wochen lang, welcher Erkenntnisgewinn der Vielheit innewohnt (die Gender-Sternchen gehören für die Akteurinnen und Akteure dazu). Auf die Zweifler angesprochen, sagte Ayata bereits auf einem Podium: „Wir müssen darüber nachdenken, was wir schaffen können und nicht, was wir verlieren.“

4. Berliner Herbstsalon drei Wochen lang geöffnet

Neue Verbindungen zum Beispiel. Geht man durch die Ausstellung im benachbarten Palais am Festungsgraben, findet sich im zweiten Stockwerk Tanja Ostojics „Lexicon of Tanja Ostojic“. Über Jahre besuchte die in Berlin lebende Performance-Künstlerin Frauen, die denselben Namen wie sie tragen (auf dem C am Ende fehlt noch ein Accent aigu, das hier im Schriftbild nicht darstellbar ist). Sie wollte untersuchen, was sie eint, was sie unterscheidet. Die Auszüge dieser künstlerischen Erforschung von Arbeitsbedingungen, Migrationswegen und Geschlechterfragen lesen sich wie ein Dokument solidarischer Praxis.

Ähnlich motiviert ist auch „TLDR“, eine Videoinstallation von Candice Breitz, die einige Räume weiter ausgestellt ist. Dort erzählen aktivistisch tätige Sexarbeiterinnen aus Kapstadt von Arbeit und Leben am Rand der Gesellschaft. Breitz verhandelt, inwiefern weiße Künstler als Verstärker marginalisierter Stimmen fungieren können, zumal angesichts immer kürzerer Aufmerksamkeitsspannen. Der Weg, den sie mit den Mitgliedern des Kollektivs Sweat erarbeitet hat, ist ein Musical – das ist von der Form her so ungewöhnlich, dass man tatsächlich dranbleiben will.

Wer Ambiguitäten zulässt, findet auch Klarheit. Davon erzählt Rola Khayyat im Container vor dem Gorki-Theater, wo noch bis Montagabend der Young Curators Academy Marathon stattfindet. Ihr Aufwachsen prägte ein Amalgam aus libanesischem Nationalismus und US-amerikanischer Vorstadtkultur. Khayyats Großvater mütterlicherseits bekleidete eine Schlüsselposition bei der weltgrößten Erdölfördergesellschaft, die als amerikanisches Privatunternehmen ihren Anfang nahm: Saudi Aramco.

Wie dies ihr Zugehörigkeitsgefühl formte, begriff die Fotografin Khayyat erst, als sie die Memoiren ihrer Mutter las. Nun untersucht sie mit ihren Schwestern, inwiefern ihre Familiengeschichte und privates Fotomaterial zusammen als Archiv des Imperialismus gelesen werden können.

Herbstsalon

Bis 17. November im Maxim Gorki Theater, Palais am Festungsgraben, Zeughauskino, Haus der Statistik und im Stadtraum.

Eintritt frei (ausgenommen Bühnenveranstaltungen)

www.berliner-herbstsalon.de