Kippen. Ich brauche Kippen“, erklärt Kida Khodr Ramadan der Presseagentin. Seit geraumer Zeit schon liegt eine leere Zigarettenschachtel zerknüllt auf dem akkurat polierten Glastischchen vor ihm und erinnert permanent daran, dass der beruhigende Zug schon wieder viel zu lange her ist. Die Presseagentin verspricht, sich zu kümmern, Kida Ramadan bittet um Eile. „Lass anfangen“, sagt er und lehnt sich zurück, drückt seinen Körper mit patenhafter Ruhe in die Rückenlehne des Satinsofas des Hyatt-Hotels, in dem das Gespräch stattfindet.

Im Laufe des Interviews über Boule, Breakdance und „4 Blocks“, aber auch die Hipsterisierung Kreuzbergs und den Film „Nur Gott kann mich richten“, der seit Donnerstag im Kino läuft, sinkt Kida Ramadan immer weiter hinein in die Couch. Als die Zigaretten endlich eintreffen und er sich freudig eine anzündet, macht er sich gar nicht erst die Mühe, aufrecht sitzen zu bleiben. Er legt sich hin, nimmt einen tiefen Zug von der Zigarette, behält die Kippe im Mundwinkel und faltet über dem Bauch die Hände zusammen. Therapiestunde.

Herr Ramadan, Sie gehören heute zur deutschen Schauspielelite. In einem Interview vor zehn Jahren haben Sie mal gesagt, Ihre Schauspielschule sei die Straße gewesen. Inwiefern?

Ich bin in Kreuzberg und Neukölln aufgewachsen. Da habe ich die Straße erlebt, viele Menschen kennengelernt, auch viele dubiose und extrem unterschiedliche Typen. Ein perfekter Platz also für Charakterstudien, von denen ich heute in meinem Job profitiere. In Kreuzberg gibt es nicht nur einen Schlag Mensch, nicht diese gutbürgerliche Kleinkariertheit. Kreuzberg ist nicht Zehlendorf.

Welche Orte in Kreuzberg haben Sie geprägt?

Ich bin zwischen Görli und Landwehrkanal aufgewachsen. Abends haben wir uns immer bei uns vor der Haustür getroffen, auf der Bank gesessen, geraucht, getrunken, Scheiße gelabert.

Am Paul-Lincke-Ufer haben Sie früher auch Boule gespielt, nicht wahr?

Ja, mein Bruder hat mich dazu gebracht. Ich war sogar Mitglied im Boule Club Kreuzberg und habe da immer mit Akademikern gechillt, mit Anwälten, Ärzten, Politikern. Einer von denen war mal der beste Freund von Willy Brandt, richtig krass. Ich war damals noch ganz klein, und dieser Typ hat immer alles für mich gezahlt. Ich bin mit denen sogar auf Turniere gefahren, in ganz Deutschland: nach Cosfeld und Tübingen, Kissingen, Missingen, Wissingen und wie die Käffer alle heißen. Und das Beste: Wenn wir gewonnen haben, durfte ich immer das ganze Preisgeld behalten. Die wollten einfach nur den Fame!

Wo konnte man Sie als Kind sonst noch antreffen?

Wir waren oft in Jugendclubs wie der Naunynritze. Viele von diesen Jugendeinrichtungen gibt es heute leider nicht mehr – wahnsinnig schade! Früher hat die Stadt noch Geld dafür springen lassen, hat den Jugendlichen aus schwierigem Elternhaus ein neues Zuhause geboten, sie von der Straße weggeholt. Heute werden die Budgets dafür ständig zusammengestrichen. Kein Wunder, dass die Kriminalitätsrate steigt. Die Kids haben keinen Ort mehr, an dem sie sich nach der Schule treffen und was Kreatives machen können. Also hängen sie auf der Straße rum und bauen Scheiße.

In der Naunynritze wurde auch der Grundstein für Ihre Karriere als Schauspieler gelegt. Dort haben Sie den Sozialarbeiter Neco Çelik kennengelernt, den späteren Regisseur Ihres ersten Films „Alltag“ von 2003.

Ja, das war der Startpunkt von allem. Ich wollte immer schon Künstler werden, habe aber lange nicht gewusst, in welchem Bereich. Ich hab auch Graffiti gemalt, war aber nicht gut. Und ich hab Breakdance gemacht, da war ich aber noch schlechter!

Sie haben mit Ihren Kumpels aber sogar auf dem Kudamm getanzt.

Ja, da waren wir so dreizehn und haben Geld von den Touristen eingesammelt. Wir hatten drei richtig gute Jungs, und ich habe immer moderiert: „Das ist Juan, das ist Julio, wir sind aus Chile!“ Am Tag kamen da immer so sechzig Mark zusammen, die wir dann geteilt haben. Ich muss zugeben: Ich war der schlechteste Breaker der Welt. Ich war allerdings sehr gut darin, so zu tun, als ob ich gut wäre. Ich war damals schon Schauspieler, Dicker!

Seither haben Sie eine beeindruckende Karriere hingelegt. Der gefeierte Höhepunkt: die Serie „4 Blocks“ im vergangenen Jahr.

Ein Wahnsinn! Die war unglaublich erfolgreich, obwohl sie auf dem kleinen Pay-TV-Kanal TNT Serie lief. Wir haben es geschafft, damit einen ganzen Sender berühmt zu machen, Bruder. Wie „MacGyver“ damals Sat.1.

Wie wird die zweite Staffel?

Die wird auch wieder knallen! Ich muss dem Sender wirklich großen Respekt dafür zollen, dass der so an uns geglaubt hat. TNT forever – ohne Scheiß! Ich hab denen megaviel zu verdanken.

Dabei waren Sie bereits gut im Geschäft, haben Kinofilme gedreht, im „Tatort“ mitgespielt. Leuten wie dem Rapper Veysel hat die Serie hingegen ein ganz neues berufliches Standbein geschaffen.

Absolut. Der kriegt seitdem ganz viele Anfragen. Der hat das Schauspielen, das Entertainen auch auf der Straße gelernt – so wie ich. Das gehört dort dazu.

Wie ist Veysel überhaupt zu „4 Blocks“ gekommen?

Die haben damals alle Rapper gecastet, die es gibt. Ich habe durch Zufall ein Video gesehen, in dem Veysel Schauspielunterricht nimmt, und davon habe ich Marvin Kren erzählt, dem Regisseur der Serie. Also hat er ihn zum Casting eingeladen, und da haben alle Schiss vor Veysel bekommen: In einer Szene mit Freddie (Frederik Lau; Anm. d. Red.) hat er sich einen Hammer genommen, Freddies Kopf gepackt, ihn böse angesehen und gezischt: „Sprich!“ Die Casterin ist aufgesprungen und hat geschrien: „Nein, nein – stopp!“ So hat er die Rolle bekommen.

Haben Sie eigentlich mal woanders gewohnt als in Kreuzberg?

Nein, immer nur dort. Ich hatte in meiner Jugend aber mal eine Phase, in der ich keinen Bock mehr auf Kreuzberg hatte – den ganzen Stress, die ganzen Partys. Da wollte ich nur weg. Ich bin dann in den Libanon geflogen und habe mit dem Gedanken gespielt, dort zu bleiben.

Und?

Nee. Das war mir dann doch alles zu limitiert. Die Leute gehen da morgens zur Arbeit, abends wieder nach Hause und am nächsten Tag geht es wieder von vorne los. Da hat mir dieses ganze Kreuzberger Party-Ding dann doch plötzlich gefehlt – obwohl ich nie viel in Discos unterwegs war. Aber es war immer viel los. Ich habe es damals nicht geschafft, mich im Libanon zu Hause zu fühlen. Nach drei Monaten bin ich zurück nach Berlin.