Vierhundertfünfzig Jahre William Shakespeare. Kaum jemand kennt die Wirkung des Barden aus Stratford-upon-Avon besser als Benedict Nightingale, der langjährige, hoch angesehene Theaterkritiker der Londoner Times: Er hat während der letzten fünfzig dieser 450 Jahre immer wieder im Parkett gesessen, um die vierzig Hamlets sterben sehen und ein Buch über die „Großen Momente im Theater“ verfasst. Statt im Londoner Theaterbezirk West End treffen wir ihn in seinem gemütlichen Wohnzimmer in West-London, wo er bei Kaffee und Keksen erklärt, warum Shakespeare nicht zu altern scheint.

Sie haben ein halbes Jahrhundert Shakespeare miterlebt, Herr Nightingale. Wird einem das nie zu viel? Haben Sie nie geseufzt: Nicht schon wieder Macbeth! Nicht schon wieder: „Ist das ein Dolch, was ich vor mir erblicke!“

Im Gegenteil: Macbeth ist fast meine Lieblingstragödie. Ich würde eher sagen, dass ich einen der besten Jobs in einer der besten Theaterepoche hatte, seit sich William Shakespeare im Jahre 1611 mit „Der Sturm“ von der Bühne verabschiedet hat.

Er ist populär wie eh und je. In London und New York reißen sich Hollywood-Schauspieler wie Orlando Bloom und Jude Law um die Rollen. Das Globe Theatre will Hamlet in jedes Land der Welt tragen, einschließlich Nordkorea. Warum hat Shakespeare nach 450 Jahre die Bühne so fest im Griff?

Weil er jede Generation anzusprechen scheint, einschließlich unsere eigene. Das gilt nicht nur für „Hamlet“. Selbst „Timon von Athen“, vermutlich Shakespeares schlechtestes Stück, kann für das heutige Publikum lebendig werden: In London wurde es vor ein paar Jahren von Trevor Nunn als packendes Drama über die heutige Gier-ist-gut-Generation inszeniert.

Die Faszination für Theaterleute ist das eine. Aber warum pilgern wir Zuschauer immer wieder hin, um dieselben Stücke zu sehen? Anders als beim Fußball wissen wir doch, wie es ausgeht: Wir wissen, dass Macbeth mordet, Hamlet stirbt und Malvolio gelbe Socken trägt.

Ich finde das auch erstaunlich. Vor nicht langer Zeit saß bei einer Aufführung von Julius Caesar eine Amerikanerin hinter mir. Als Caesar ermordet wird, rief sie erschrocken halblaut: „Oh Gott! Nein!“ Aber ich gebe zu, dass dieser Grad an Unschuld und Naivität selten ist. Wahrscheinlich liegt es an den Stücken und an diesem Mann aus Stratford-upon-Avon, der Charaktere, Verse und eine ganze Welt erschaffen konnte und der in dieser blühenden Elizabethanisch-Jakobinischen Ära lebte, als die Sprache so aufregend war und als es so viel gesellschaftlichen und politischen Gärstoff gab. Dazu kommt zumindest beim britischen Publikum unsere Liebe für die Schauspielerei: Selbst wenn man Hamlet schon viermal gesehen hat, ist man neugierig, wie der nächste Schauspieler damit umgeht.

Wie viele Hamlets sahen Sie sterben?

Dreißig bis vierzig, schätze ich. Einer der ersten war Richard Burton, als ich noch ein Junge war. Rezensiert habe ich um die dreißig.

Haben Sie eine Hamlet-Rangliste aufgestellt?

Habe ich tatsächlich, für die Times. Es schwierig, weil ein Hamlet ein so komplexer Charakter ist: Wer ist schon liebenswürdig, herzlos, grob, melancholisch, humorvoll, selbstverachtend, rachsüchtig und noch viel mehr? Und dann formen manche Regisseure die Darstellung auch noch stärker, als sie sollten. Als Nummer Eins habe ich den Hamlet von Simon Russell Beale im National Theatre gesetzt (London, im September 2000, Anm.), auch wenn ich fand, dass seiner wunderbaren Darstellung ein paar Aspekte fehlten: die Unbarmherzigkeit und der wilde Wahn.

Und der schlechteste?

Das durfte ich in jener Liste leider nicht verschweigen. Es war ein nicht so bekannter Schauspieler, den die Inszenierung zu merkwürdigen Sachen zwang. Er erwürgte Polonius mit dem Hello!-Magazin.

Auf englischen Bühnen wurden mitunter auch schlechte Shakespeare-Mimen gefeiert: In Ihrem Buch „Great Moments in the Theatre“ erinnern Sie an einen gewissen Robert „Romeo“ Coates, den das Publikum um 1810 unter anderem mit einem lebenden Huhn bewarf.

Dieser Coates war ein schwerreicher Amateur, der aus Eitelkeit und für Wohltätigkeitszwecke spielte. Die Leute kamen zur reinen Belustigung, um zu sehen, wie schlecht er war: Er trug edelsteinbesetzte Kostüme und legte in der Sterbeszene von „Romeo und Julia“ erst mal vorsichtig seinen Mantel auf den Boden, damit die Diamanten nicht abfielen. Dann starb er ausgiebig. Das Publikum applaudierte, er erhob sich, verbeugte sich und starb nochmal. Aber damals waren Theater wüste, aufrührerische Orte: Kein Vergleich zu den heutigen wohlerzogenen Besuchern. Wenn man heute sein Handy klingeln lässt, läuft man Gefahr, vom Schauspieler rausgeworfen zu werden.

Schauspiel ist eine flüchtige Kunst. Wenn der Vorhang fällt, ist der Zauber „aufgelöst in Luft, in dünne Luft“, wie es bei Shakespeare heißt. Theaterrezenionen gab es vor 400 Jahren noch nicht. Trotzdem gilt heute ausgerechnet Richard Burbage, Shakespeares Kollege und Geschäftspartner, als der Prototyp eines modernen Darstellers. Woher weiß man, wie er wirkte?

Zum Teil aus zeitgenössischen Quellen. Zum Teil aus einer Stelle in Hamlet, die Richard Burbage mit erschaffen und auf der Bühne umgesetzt haben muss. Gemeint ist die Szene, in der Burbage als Hamlet Schauspielunterricht gibt und vor Affektiertheiten und Übertreibungen warnt: „Passt die Gebärde dem Wort, das Wort der Gebärde an“, haltet „der Natur einen Spiegel vor“ und so weiter. Dazu kommt sein Ruf: Er war der führende Mann in Shakespeares Ensemble, und wenn er den trauernden Othello, den hinterlistigen Richard III., den weisen Prospero spielte, muss er enorm vielseitig und einfühlsam gewesen sein. Besonders im Vergleich zu seinem großen Rivalen Edward Alleyn, der Marlowes Repertoire spielte und als rhetorischer Schauspieler galt: laut, kraftvoll, wild. Wir neigen ja zur Annahme, Shakespeare habe seine Werke in einem imaginativen Vakuum geschaffen. Falsch: Burbage hat geholfen, die Stücke auszugestalten, und ihm gezeigt, was schauspielerisch möglich war.

Der erste Weltstar indes war David Garrick, gut 150 Jahre später: Als der deutsche Wissenschaftler Georg Christoph Lichtenberg 1774 nach London kam, rannte er fünfmal ins Theater, um Garrick zu sehen: Er wurde hofiert, porträtiert und sogar in Westminster Abbey beigesetzt. Was war mit diesem Mann?

Man sagte, dass Garrick natürlich, ungekünstelt spielte. Es gibt Bilder davon, und ich bin sicher, dass wir seinen Stil heute manieriert finden würden, denn die Definition von Natur ändert sich ja von Generation von Generation. Aber damals waren die Leute hingerissen von seiner berühmtesten Szene: der Begegnung mit dem Geist in „Hamlet“. Wenn er mit schlotternden Knien da stand, hieß es: Oh Gott!, genauso würde ich auch auf einen Geist reagieren! Dazu trug er seine Schreck-Perücke: Er zog an einem bestimmten Mechanismus, die Haare richteten sich auf, und sein Hut fiel herab. Zuschauerinnen fielen in Ohnmacht. Zu Garricks Zeit begann man, vom Barden zu sprechen.

War der Barde Shakespeare in irgendeiner Phase in England abgeschrieben?

In den ersten hundert Jahren nach seinem Tod hat man ihn nicht sehr geachtet. „Barbarisch“ und „unverständlich“ nannte man Shakespeare in der Restauration: Ein begnadeter Instinkt-Schriftsteller, der beeindruckende Charaktere entwerfen konnte, aber die Regeln ignorierte und alles durch seine überzogene Sprache verdarb. Der Chronist Samuel Pepys fand, der „Sommernachtstraum“ sei die dümmste Komödie, die er sein Lebtag gesehen hätte. Aber Shakespeares Name starb nie aus.

Allerdings wurden seine Stücke umgeschrieben.

Ja, eine schreckliche Unsitte, der noch Garrick anhing. Shakespeares originales Drama „König Lear“ war bis ins 19. Jahrhundert nicht mehr zu sehen, weil es dem empfindsamen Publikum als zu schmerzlich galt. Stattdessen gab es die Happy-End-Version von Nahum Tate aus dem späten 17. Jahrhundert: Lear überlebt, auch seine Tochter Cordelia, die Edgar heiratet. Tatsächlich waren es dann die deutschen Literaten und Literaturhistoriker, Schlegel und sein Kreis, die Shakespeares Originalität wieder für uns Briten entdeckten. Vielen Dank dafür! Samuel Coleridge hat das übernommen und dann für England postuliert.

Nehmen wir an, Sie könnten als Theaterkritiker eine Zeitreise machen. Wen würden Sie dann sehen wollen, den berühmten Garrick?

Oh nein, Edmund Kean. Ohne jeden Zweifel. Kean hatte eine elektrisierende, magnetische Gabe, die selbst heutigen Darstellern fern ist. Coleridge sagte, das sei so, als würde man „Shakespeare im Blitzlicht lesen“. Was ich gern sehen würde, ist seine erste Vorstellung 1814 als Shylock im „Kaufmann von Venedig“: Damals kam er als unbekannter, unbemittelter Provinzautor nach London an die Drury Lane und verwandelte Shylock mit einem Schlag in eine glaubhafte, nicht nur verachtenswerte Figur. Dann spielte er Richard III. und Othello mit derselben ungeheuren Intensität.

War der Größte von allen?

Möglicherweise. Er war der Laurence Olivier seiner Zeit. Aber ich würde, ehrlich gesagt, lieber Edward Kean sehen als noch mal Olivier.

Das Gespräch führte Barbara Klimke.