50 Jahre Berlin-Gropiusstadt: Geiles Ghetto?

Berlin - Hier sollte Platz sein für Menschen, die den Hinterhäusern entfliehen wollten, für die Bewohner einer eingemauerten Stadt, die nicht in die Breite wachsen konnte. 35.000 Menschen leben hier heute. Das Jubiläum wird am kommenden Wochenende mit Fassadenklettern, Konzerten und Installationen gefeiert. Probleme gibt es auch: Seit 2005 gehört ein Teil der Gropiusstadt zu den Berliner Vierteln mit Quartiersmanagement. Ein Gespräch mit der Projektleiterin Heike Thöne.

Auf Youtube kann man ein Video mit Rundblicken über Ihr Viertel sehen. Im ersten Kommentar heißt es: „Finde Gropiusstadt so ein geiles Ghetto!!!“ Ist es ein Ghetto?

Ich wehre mich immer gegen den Begriff, weil er Merkmale impliziert, die für die Gropiusstadt nicht zutreffen. Es ist ein Stadtteil mit vielen Problemen und vielen Vorteilen.

Geiles Ghetto! klingt anerkennend, nicht böse.

Die junge Generation geht mit dem Wort spielerisch um. Für uns ist es ein problematischer Begriff. Denn die Kriminalitätsrate hier ist verschwindend gering, es gibt keine Verwahrlosung, die Gropiusstadt ist eher gepflegt, die Wohnungen sind in Ordnung, zum Teil saniert.

Das Bund-Länder-Programm Soziale Stadt hilft seit 1999, die Abwärtsspirale in benachteiligten Stadtteilen aufzuhalten, Lebensbedingungen zu verbessern. Seit 2005 gehört die Gropiusstadt dazu. Warum?

Hier hatte sich in wenigen Jahren die Bewohnerschaft stark verändert. Altbewohner zogen weg, die Migranten kamen in Schüben: Aussiedler aus der ehemaligenSowjetunion, Menschen aus Ex-Jugoslawien, Polen, Familien aus der Türkei und Afrika. Da entstand eine Spaltung zwischen ursprünglichen und neuen Bewohnern, es führte zu sozialen Problemen.

Ist es ein armes Viertel?

Na ja. Die Arbeitslosigkeit entspricht hier dem Berliner Durchschnitt. Viele, die hier leben, haben zwar Arbeit, aber sind gering beschäftigt und sind zusätzlich von Transferleistungen des Staates abhängig.

Was soll Quartiersmanagement da ausrichten? Sie können doch keine Fabrik bauen!

Wir können mit unseren Mitteln keine gesamtgesellschaftlichen Probleme lösen. Reagieren können wir nur auf die Folgen, wie die Kinderarmut. Wir haben heute viele Bildungsangebote. Weil das Quartiersmanagement recht früh zum Einsatz kam, konnten wir auf Entwicklungen einwirken, die wir aus anderen Gebieten wie Nord-Neukölln kannten. Das sind die Sprachproblematik in den Schulen, das kulturelle Miteinander, Gesundheitsprobleme.

Aber das Schwimmbad ist seit einem Jahr zu.

Es wird nur saniert und wieder öffnen. Es ist als Freizeitstätte sehr wichtig.

Wenn Sie jetzt dringend eine Wohnung suchten, würden Sie in die Gropiusstadt ziehen?

Die politisch korrekte Antwort wäre natürlich: Ja, sofort. Aber ich bin hier viel zu sehr mit der Arbeit verflochten. Doch wird die Gropiusstadt gerade von Familien stark angenommen, weil es hier viele Möglichkeiten für Kinder gibt: die Kitas, die Schulen, das viele Grün – ein Schwimmbad! Es kommen Familien aus Nord-Neukölln und Kreuzberg, wo die Wohnungen zu teuer geworden sind. Die Gropiusstadt ist einer der wenigen Stadtteile mit einem Zuwachs von Kindern unter sechs.

An der S-Bahn-Strecke nach Süden sah man von Ost-Berlin immer die Hochhäuser der Gropiusstadt. Das sah Marzahn so befremdlich ähnlich, passte gar nicht zum Westen. Kann man die Viertel vergleichen?

Ich kenne Marzahn ein bisschen durch das Quartiersmanagement dort. Ich glaube, dass die Großsiedlungen in Berlin – auch das Falkenhagener Feld und das Märkische Viertel – nicht vergleichbar sind. In Marzahn leben vor allem Erstbewohner und russische Migranten. Hier ist eine stärkere kulturelle Mischung. Die Gropiusstadt hat auch Vier- und Fünfgeschosser und Einfamilienhäuser. Und sie ist wesentlich grüner.

Ihr Arbeitgeber Stern, Gesellschaft für behutsame Stadterneuerung, hat sogar Quartiersmanagement in Prenzlauer Berg am Falk- und am Helmholtzplatz betreut.

Das begann vor mehr als einem Jahrzehnt. Das kann man sich heute gar nicht mehr vorstellen!

Birgt Erneuerung Gentrifizierung?

Ich finde, wir sollten erstmal stolz sein, wenn wir einen Aufwertungsprozess geschafft haben. Bei den Klagen über Gentrifizierung geht es ja vor allem um die Mietenentwicklung. In Prenzlauer Berg ist viel in Privateigentum übergegangen. In der Gropiusstadt wird immer ein großer Teil Genossenschafts- und kommunaler Wohnungsbau sein.

34 Viertel sind derzeit im Quartiersmanagement. Wo liegen die Gefahren?

Ich weiß, dass im Schillerkiez diskutiert wird, ob das Quartiersmanagement eine Gentrifizierung verursacht. Aber was wollen Sie von mir hören? Unsere Aufgabe ist es, Gebiete zum Nutzen der Bewohner aufzuwerten. Wenn wir zusammen mit Bewohnern und Partnern soziale Probleme beheben, könnten auch Faktoren dazukommen, die eine Gentrifizierung begünstigen. Das liegt nicht in unserer Hand. Wir können nicht die Problemlösung stoppen. Stadt verändert sich permanent. Man muss aufpassen, dass die Strukturen nicht einseitig sind.

Was war damals das Problem am Helmholtzplatz?

Nach dem Mauerfall war die Mehrheit der Häuser dringend sanierungsbedürftig. Der Prenzlauer Berg ist einfach in der städtebaulichen Struktur so schön, auch von der Lage her, da hätte man die Prozesse vielleicht gar nicht aufhalten können. Sobald das Viertel eine gewisse Attraktivität hatte, ist es überrollt worden. Ich glaube nicht, dass es in anderen Gebieten wie im Friedrichshain, in Nord-Neukölln oder auch im Wedding, diese Entwicklung nehmen wird.

Das Jubiläumsprogramm der Gropiusstadt ist beeindruckend. Aber ist im 51. Jahr noch genug Geld da?

Wir haben in den zwei Jahren der Vorbereitung durch das Organisationsteam mit Vertretern der Wohnungsunternehmen, der Bezirks- und Senatsverwaltung, lokaler Einrichtungen, tragende Strukturen geschaffen. Sie werden halten. Die Festlichkeiten sind eher der erste Schritt als ein Endpunkt.

Gespräch: Cornelia Geißler