Mungo Jerry mit Frontmann Ray Dorset bei einem TV-Auftritt 1990.
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Berlin„Chh chh-chh, uh, chh chh-chh, uh – In the Summertime when the weather is high, you can stretch right up and touch the sky ...“, so beginnt der Popsong „In the Summertime“, mit dem die britische Band Mungo Jerry vor 50 Jahren, am 15. August 1970, die Spitze der deutschen Charts eroberte.

Noch immer kann sich kaum jemand eines Kopfnickens erwehren, wenn der Sommer-Dauerbrenner aus den Boxen schallt. Bis Ende September 1970 belegte die ultimative Sun- und Fun-Hymne in Deutschland wochenlang Platz eins. Auch in 25 weiteren Ländern stürmte das Lied nach ganz vorne, nur in den USA reichte es lediglich für Rang drei. Mit sechs Millionen Exemplaren war der Song in dem Jahr weltweit die meistverkaufte Single.

Der Sommerhit in voller Schönheit.

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Die Musiker von Mungo Jerry hatten sich erst wenige Wochen vor Veröffentlichung des Titels um Frontmann, Sänger und Songschreiber Ray Dorset geschart. Der Bandname bezieht sich auf die Figur „Mungojerrie“ aus „Old Possums Katzenbuch“, eine Gedichtsammlung für Kinder des US-Lyrikers T. S. Eliot aus dem Jahr 1939. 

Ende Mai 1970 traten Mungo Jerry erstmals live auf. Sie spielten in den Midlands im Rahmenprogramm des Hollywood Music Festivals vor 35.000 Zuschauern, Headliner waren The Grateful Dead, Black Sabbath, José Feliciano, Traffic und Ginger Baker’s Airforce. Für ein Wiederholungskonzert am darauffolgenden Tag wählte das Publikum nicht eine der namhaften Bands, sondern die Newcomer. Die Medien hatten eine neue Lieblingsband und schürten fortan die sogenannte Mungomania. So erreichte „In the Summertime“ schnell weltweite Aufmerksamkeit, Radiostationen spielten das Lied rauf und runter.

An die Entstehung des Jahrhunderthits im Jahr 1968 kann sich Dorset bis heute noch genau erinnern: „Es war nach Feierabend, ich hatte mir gerade eine Gitarre gekauft und probierte sie aus. Dabei ging mir eine Melodie nicht mehr aus dem Kopf. Am nächsten Morgen nahm ich Papier und Stift und schrieb den Text. Dafür brauchte ich nur zehn Minuten, die Worte flossen einfach so.“

Die Band in den frühen 70er-Jahren.
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Der Song war nicht als Sommerhit konzipiert, nur eine eingängige Feelgood-Nummer mit einer einfachen Melodie ohne Refrain. Dabei ging es Dorset um die wirklich wichtigen Sachen im Leben eines Jugendlichen – Drinks, Autos und Mädchen. Er habe an eine sommerliche Fahrt im Cabrio gedacht. „Der ganze Song feiert das Leben“, erklärt der Musiker, „jeder liebt den Sommer und irgendwo auf der Welt ist immer Sommer.“

Der Entdecker von „In the Summertime“ war der Produzent Barry Murray von Pye Records, der das Stück für die Single-Veröffentlichung auswählte. Toningenieur Howard Barrow hatte die Idee, den relativ kurzen Song zu verlängern, denn bei Liedern über drei Minuten Länge würden sich die Tantiemen verdoppeln. Das startende Motorengeräusch seines Triumph-Sportwagens wurde in Stereo aufgenommen, um den Effekt eines vorbeifahrenden Autos zu simulieren. Der zweite Teil des Songs ist mit dem ersten nahezu identisch. Zusammen mit „Mighty Man“ und der B-Seite „Dust Pneumonia Blues“ erschien der Titel als weltweit erste Maxi-Single. Entgegen der landläufigen Meinung wurde der Song ohne den Einsatz eines Waschbretts aufgenommen.

Deutschlands offizielle Sommerhits der letzten Jahre (ermittelt von GfK Entertainment)

  • 2000: „Around The World (La La La La La)“ – ATC
  • 2001: „Miss California“ – Dante Thomas feat. Pras
  • 2002: „The Ketchup Song“ – Las Ketchup
  • 2003: „Ab in den Süden“ – Buddy vs. DJ The Wave
  • 2004: „Dragostea din tei“ – O-Zone
  • 2005: „Maria“ – US5
  • 2006: „Crazy“ – Gnarls Barkley
  • 2007: „Hamma!“ – Culcha Candela
  • 2008: „I Kissed A Girl“ – Katy Perry
  • 2009: „Jungle Drum“ – Emiliana Torrini
  • 2010: „We No Speak Americano“ – Yolanda Be Cool & Dcup
  • 2011: „Mr. Saxobeat“ – Alexandra Stan
  • 2012: „I Follow Rivers (Magician Remix)“ von Lykke Li
  • 2013: „Wake Me Up“ – Avicii
  • 2014: „Prayer In C“ – Lilly Wood & The Prick
  • 2015: „Ain't Nobody (Loves Me Better)“ – Felix Jaehn feat. Jasmine Thompson
  • 2016: „Don’t Be So Shy (Filatov & Karas Remix)“ – Imany
  • 2017: „Despacito“ – Luis Fonsi feat. Daddy Yankee
  • 2018: „Bella Ciao (Hugel Remix)“ – El Profesor
  • 2019: „Señorita“ – Shawn Mendes & Camila Cabello
  • 2020: „Savage Love (Laxed - Siren Beat)“ – Jawsh 685 & Jason Derulo

„Die BBC rief mich an und fragte, ob wir in der bekannten Musikshow ,Top of the Pops‘ auftreten würden. Da spielten Stars wie Jimi Hendrix, The Who und Richie Havens“, erinnert sich Dorset. Damals arbeitete er noch hauptberuflich als Techniker bei einem Uhrenhersteller, Musik machte er nur nebenbei. „Ich fragte meinen Boss, ob ich am Nachmittag frei haben könnte. Plötzlich war ich im Musikbusiness – seither habe ich es nicht mehr verlassen.“

„In the Summertime“ gilt als umsatzstärkster Sommerhit aller Zeiten und als sonniges Gegenstück zu Bing Crosbys „White Christmas“. Zwischen 30 und 40 Millionen verkaufte Tonträger und sicherlich 250 Millionen Streams und Downloads sowie zahlreiche Coverversionen – von Bob Dylan über Elton John bis zu Shaggy – machten ihn unsterblich. „Wie hoch die Umsätze genau sind, weiß ich nicht“, gibt Dorset zu. Übersetzt wurde das Stück in mehr als 40 Sprachen, darunter auch Chinesisch. Der Komponist hat gut lachen, auch nach 50 Jahren spült der Welthit immer noch üppige Tantiemen in seine Kasse. „Allein von den Lizenzeinnahmen könnte ich finanziell prima über die Runden kommen“, stellte Dorset einmal fest.

Ray Dorset ist immer noch mit seinem Hit unterwegs, hier während eines Auftrittes im Ballhaus Watzke in Dresden.
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Anfang der 2000er lebte der heute 74-Jährige rund zehn Jahre im ostwestfälischen Bielefeld, nachdem er 1995 in dritter Ehe die Deutsche Britta geheiratet hatte. Seit 2010 wohnen sie im südenglischen Bournemouth. Dorsets Lieblingsbeschäftigungen bleiben aber seine Live-Auftritte. Entweder ist er mit seiner englischen Mungo-Jerry-Band auf Tournee oder er spielt mit der aus deutschen Musikern bestehenden Mungo Jerry Bluesband. Seinen Musikstil nur als Pop zu bezeichnen wäre zu einfach – vielmehr prägt eine einmalige Mischung aus Rock, Blues, Boogie, Skiffle und Country den Sound.

Mit seinem neuen Album „Touch The Sky“ hat sich Dorset zum Jubiläum selbst beschenkt: „Die Songs sind musikalische Reminiszenzen an die wilden Jahre.“ Zurzeit befindet er sich noch im Homeoffice, doch schon im August will er für einige TV-Auftritte nach Deutschland kommen. Und im Herbst möchte er wieder auf der Bühne stehen.

Durch den Erfolg von „In The Summertime“ entstand der Begriff „Sommerhit“. Seit fünf Jahrzehnten laufen diese Lieder immer wieder in der heißen Jahreszeit bei Radio- und Fernsehstationen, in Discos und Strandbars. Sie zeichnen sich durch ihren Ohrwurm-Charakter aus und brennen sich ins kollektive Gedächtnis ein. 

Über sein erfolgreichstes Lied resümiert Dorset: „Ich fühle mich geehrt, dass so viele Menschen den von mir geschriebenen Song mit verschiedenen Stimmungen und Gefühlen verbinden.“ Trotzdem ärgert es ihn, wenn Mungo Jerry als One-Hit-Wonder abgetan wird, denn die Gruppe hatte weitere Top-Ten-Hits wie „Baby Jump“, „Lady Rose“ und „Alright Alright Alright“. Außerdem schrieb Dorset 1980 den Disco-Hit „Feels Like I’m In Love“. Aber Dorsets Ärger hält sich in Grenzen: „‚In The Summertime‘ hat mir viele Türen geöffnet. Und es klingt heute noch frisch.“ Wie oft er sein Lied gesungen hat, weiß er nicht: „Ich schätze, es dürften um die 10.000 Mal gewesen sein.“