Berlin - Das Theatertreffen liefert immer wieder Gründe, für seine Existenz dankbar zu sein. Auch im Jubiläumsjahr (50 Jahre!) findet sich diese schöne Regel bestätigt: Die beiden jüngsten Premieren – Katie Mitchells Inszenierung „Reise durch die Nacht“ nach einem Text von Friederike Mayröcker vom Schauspiel Köln und Sebastian Baumgartens Zürcher Brecht-Abend „Die heilige Johanna der Schlachthöfe“ – überreichten uns zwei aufschlussreiche Einsichten. Erstens: Auch zeitgenössische Bühnenmittel garantieren keine Gegenwärtigkeit. Zweitens: Auch die gegenwärtige Aneignung eines Stoffes sichert nicht dessen Zeitgenossenschaft.

Beide Punkte berühren zentrale Aspekte des heutigen Theaterschaffens, denn nichts ist den Bühnenkünstlern heiliger als die wirklichkeitssatte Nähe zur Gegenwart; der diesjährige Jubiläumstheatertreffenjahrgang weiß dies abermals bestens zu bestätigen. Augenscheinlich, so muss man daraus schließen, ist das Theaterselbstbewusstsein derart im Keller, dass allüberall das Bedürfnis steigt, die Existenz der Bühnen durch Gegenwarts- und also Subjekt-, Selbst- und natürlich auch Wirtschaftskrisenbespiegelungen zu legitimieren.

Unbekümmertes Herumadaptieren

Man könnte zwar auch auf die unerforschlichen Wunderkräfte der Kunst vertrauen, auf ihren uneinholbaren, nicht in Krisenschlagworte einzuhegenden Aktualitätsindex; dafür aber bräuchte es ein gerüttelt Maß an Selbstvertrauen. Und eben dies scheint geschwunden. Damit sind wir bei den eingangs erwähnten Einsichten. Die erste verdanken wir Mitchells Mayröcker-Adaption. Er ist, wie ihre Abende gemeinhin sind: Auf der Breitwandleinwand oben ist als Film zu bestaunen, was unten hergestellt wird. Oben Gesichter, Augen, Blicke in Großaufnahme, unten auffällig unauffällig herumeilende Kameramenschen.

Oben die filmische Illusion, unten die aufwendige Produktion des Scheins. Und wie unbekümmert hier herumadaptiert wird: Mayröckers Text handelt vom Ich-Verlust einer Frau, gerahmt durch eine Nachtzugfahrt, Mitchells Inszenierung spielt in einem hübsch nachgebastelten Zugwaggon (unten) und zeigt ein Ich (oben, Julia Wieninger) in Selbstauflösung. Links im Abteil wird der Text im hochschwebenden Bedeutungshascherton eingelesen, in den Kammern daneben wird stumm gesessen, gevögelt, geheult, gegrübelt und aus dem Fenster gestiert.

Man hört „vom Auffliegen der Vogelschwärme in meiner Brust“, von „Rissen in der Wirklichkeit“ und dem Leben als „Stückwerk“, vernimmt Erinnerungen an den Vater und an Gewalt – und sieht in berappender Bruchlosigkeit die entsprechenden Bilder. Also Angstblicke (wegen der Vogelschwärme), Zitterhände (wegen der Wirklichkeitsrisse), Tränen (das Stückwerkleben, ach) und Faustschläge (Gewalt).

Oben und unten

Das ist erstaunlich: Die gesamte Technikpusselei, das aufwendige Setting, überhaupt der gesamte superavantgardistische Touch dieser Veranstaltung erstellt Frauen- und Männerbilder, die auf direktestem Weg ins 19. Jahrhundert zu führen scheinen: Frauen, die heulen, wenn ihnen die Gefühle kommen, Männer, die schlagen, wenn sie eifersüchtig sind. Oder soll gerade das kritisch ausgestellt werden? Aber warum ist es dann, als stünde bei jedem der gezeigten Filmbilder eine klebrige Sentimentalität Schmiere?

Was soll dieser Filmtechnikhochaltar, wenn es auf die banale Erkenntnis hinausläuft, dass alle Gefühle und alle Gedanken einen hohen Konstruktionsgrad aufweisen? Für diese Einsicht hätte es den Konstruktivismus jedenfalls nicht gebraucht. Man möchte die Bühne mit Kant- und Nietzsche-Bänden bewerfen, um sie aus ihrem klebrigen Konstruktivismuskitsch zu reißen und die Figuren aus ihrem Einfaltigkeitskokon zu befreien.

Man sieht daran: Zeitgenossenschaft ist keine Frage der technischen oder sonst heute zur Verfügungen stehenden Mittel, sondern noch immer des Kopfes.

Nun zu Sebastian Baumgartens Zürcher Brecht-Revue. Auch dies ist ein aufschlussreicher Fall verunglückter Gegenwartsbezüge. Es wird an diesem Abend die Lehrgeschichte über die Ursachen und Wirkungen eines hemmungslos gewinnorientierten Kapitalismus am Beispiel des Fleischhandels erst konsequent historisiert, danach geradewegs ins Heute manövriert.

Es treten Cowboys, Filmzitate und ein Jazzpianist auf. Es wird gelispelt, gesungen und eine arme Frau schwarz angemalt (das nennt man Blackfacing und steht unter Rassismusverdacht). Die heilige Johanna (Yvon Jansen) muss dabei immer einförmig bleiben, der Live-Jazzpianist immer herumklimpern. Es bleibt: das Schaulaufen der Karikaturen.

Dieser Abend tut damit so, als litten wir an Überaufgeklärtheit, als wüssten wir heute nur zu gut, dass wir alle im selben Systemboot sitzen, als hätte das Reden von denen Oben (die Ausbeuter) und denen Unten (die Ausgebeuteten) keinen Sinn mehr. Leider aber ist unsere Wirklichkeit nicht derart schlicht, leider ist da noch immer ein Oben-Unten-Unterschied – was diese Inszenierung mit ihrem avancierten Aktualitätsbemühen wie eine Seifenblase zerplatzen lässt.

Immerhin passt das gut ins diesjährige Theatertreffen: Wie viel wichtigtuerischen Wind die eingeladenen Inszenierungen machen! Und wie wenig sie zu sagen haben!

Mehr zum Theatertreffen unter: theatertreffen-blog.de, berlinerfestspiele.de, Tel.: 25.48.91.00