Dachabdeckung am Skyline Plaza in der Europacity von Frankfurt.
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BerlinMan könnte es sich leicht machen mit Frankfurt am Main und das urbane Leben auf Zeil, Freßgass und Goethestraße reduzieren, auf denen ausschließlich tagsüber reges Treiben herrscht. Manch ein Schriftzug über den Schaufenstern der Innenstadt scheint auf hessische Tradition zu verweisen, aber schaut man sich die Besitzverhältnisse hinter dem Filialenreichtum genauer an, dann stößt man auf die üblichen internationalen Konglomerate. Man kann hier mühelos viel Geld für Mode ausgeben, aber so gut wie nichts prädestiniert Frankfurt dazu, eine Modestadt zu sein. 

Wenn die Pendler wieder daheim in Bad Soden und Oberursel sind, ist Frankfurt mit sich allein. Das gilt nicht zuletzt auch für die Sphäre des Konsums. Während die legendäre Freßgass schnellen und gediegenen Verzehr verspricht, lockt die Goethestraße mit dem Luxus einer Weltstadt, die man nach 500 Metern bereits hinter sich gebracht hat. Brioni, Prada, Gucci, Bogner – alle sind da und verlockend leicht zu erreichen. Die kurzen Wege sind es denn auch, die der Stadt am Fluss so etwas wie urbanen Charakter verleihen.

Passend dazu hat man alle wichtigen Museen am nahen Ufer aufgereiht, Geist und schöner Schein sind hier immer gleich um die Ecke. Natürlich verkennt man leicht das Potenzial der Bankenmetropole, deren Turmherren inzwischen arg um ihre Stellung im Finanzkapitalismus ringen müssen, hinsichtlich seiner subkulturellen Kreativität. Sven Väth hat die Stadt zwar eine Zeitlang an den Technoboom angeschlossen. Hinsichtlich einer Nachtaktivität mit Stil, aus der eine Modestadt einen Großteil seiner Energie bezieht, ist Frankfurt, deren wichtigster Veranstaltungsort auf den ulkigen Namen Batschkapp hört, bislang aber nicht aufgefallen.

Der Umzug der Berliner Modemesse Premium ins Hessische hat denn auch wenig mit kultureller Anziehungskraft zu tun, obwohl der Namenszusatz Main zumindest für englischsprachige Gäste nach Hauptsache und Führungsanspruch klingt. Und doch ist es von weitreichender Bedeutung, dass sich die Messe Frankfurt, der kürzlich erst die IAA, das große Treffen der Automobilbranche, an München verloren ging, ein Modeevent geschnappt hat, weil in Berlin niemand da war, der beherzt genug gewesen wäre, das zu verhindern.

Nach allem, was man weiß, geht es dabei nur bedingt ums Geschäft. Die Berliner Fashion Week hat es kaum vermocht, über symbolische Gewinne hinaus einen kommerziellen Mehrwert zu generieren. Lange Zeit reichte es aus, in Berlin zu sein, wo alle hinwollten und die meisten schon da waren. Ein ewig Jugendlicher wie Wolfgang Joop genoss es, über seine Branchenerfolge hinaus in heimatlicher Umgebung als Mann von Weltgeist angesehen zu werden. Junge Designer stießen, zumindest vorübergehend, auf ein begeisterungsfähiges Publikum, und die Partys waren, wie immer in Berlin, zugänglicher und durchlässiger als in den hoch gesicherten Celebrity-Zonen von Paris oder Mailand.

Für einige Jahre schien sich Berlin für Hippness und kühle Leichtigkeit zuständig zu fühlen, obwohl es sich in den Jahrzehnten zuvor seine berüchtigte Übellaunigkeit hart erarbeitet hatte. Da passte ein Regierender Bürgermeister ins Bild, der es aus der Tempelhofer Provinz auf den roten Teppich der Berlinale geschafft hatte und dabei sympathisch und weltläufig wirkte.  Klaus Wowereits Image hat wegen des BER-Desasters sehr gelitten, rückblickend sollte aber nicht unterschätzt werden, dass er nicht nur auf dem Parkett, sondern auch in Hinterzimmern einiges für die kulturelle Attraktivität der Stadt getan hat.

In den dynamischen 2000er-Jahren jedenfalls hat er es verstanden, gleich zwei Frankfurter Kulturimpresarios an das neue Leben in Mitte zu binden. Das Versprechen auf die Nähe zur Macht ließen bei Ulla Unseld-Berkewicz (Suhrkamp) und Frank Schirrmacher (FAZ) weder Zeit noch Platz für Heimweh. In Frankfurt aber mussten deren Weggänge als Kampfansage aufgefasst werden. So gesehen bedeutet die Demission der Modemesse Premium nun so etwas wie eine späte Revanche in der sehr selbstbezüglichen deutschen Städtekonkurrenz.

Berlin befindet sich gerade allerdings nicht in der Verfassung, es sportlich zu nehmen. Die einstige Verführungskraft hat nachgelassen, und die Fashion Week versiegt in einem Moment, in dem sich das Nachtleben durch Corona ohnehin in einem bemitleidenswerten Zustand befindet. Hinzu kommt, dass sich namhafte Kunstsammler wie zur Bekräftigung der Malaise dazu entschlossen haben, ihre Kisten zu packen.

Berlin scheint derzeit nicht die Stadt zu sein, der man eine zweite Chance gewährt. Das Geld zieht weiter, und hinsichtlich der guten Ideen, an denen es in der Stadt der großen Brachen selten mangelte, scheint gerade der Empfang gestört. Die alte Frontstadt Berlin steht vor der Situation, sich seine kulturelle Identität neu erarbeiten zu müssen, und es spricht einiges dafür, dass mit Arbeit tatsächlich Arbeit gemeint ist. Das immerhin entlastet davon, beim Ärmelaufkrempeln immerzu das eigene Stilbewusstsein im Blick haben zu müssen. Wer und was in Berlin gesehen werden will, braucht ein neues Gewand.