Nach dem „Tatort„ zum Beispiel kann man in manchen Zeitungen lesen, wie dem Netz der Krimi gefiel. Das ist immer amüsant: In der Zeitung steht, was die Netzgemeinde so denkt. Es liest sich meist, als gehörten solche Texte in den Bereich der Auslandsberichterstattung, als wäre „das Netz“ ein fernes Land, aus dem es lauter staunens- und schaudernswerte Dinge zu erzählen gibt. Als lebten dort Menschen aus einer anderen Welt, vielleicht aus der Zukunft, jedenfalls keine gewöhnlichen Leser, sondern seltsam eigentümliche User.

Wer es noch nicht bemerkt hat, kann es an derlei Phänomen bemerken: Wir befinden uns in einem weiträumigen, unabgeschlossenen Medienwandel mit unklarem Ausgang, und die Print-Medien berichten in großer Besorgnis darüber. Darum die kuriose Fixierung auf Klickzahlen unter vermutlich allen Online-Anbietern journalistischer Arbeiten, darum auch die sonderbare Nervosität, mit der über das Internet gesprochen wird. Als hätten wir es dabei mit einer Invasion zu tun, nicht mit dem, was das Internet ist: ein Medium, das wie alle Medien seine eigenen Regeln hat. Und das von Menschen erfunden wurde und von Menschen in Anspruch genommen wird.

Es gibt ja nicht „das Netz“ und „die Netzgemeinde“, sondern Leser, die digitale Medien nutzen. Aber natürlich ist seit dem Aufkommen des Internets viel passiert, und es gehört zur Sache eines Medienwandels, dass er für die Beteiligten nicht zu überblicken ist; allein deshalb sollte man mit Beurteilungen, seien sie triumphaler oder restaurativer Natur, vorsichtig sein. Wir werden von den Historikern der übernächsten Generation erfahren, was der heutige Wandel der Öffentlichkeit bedeutet und bewirkt hat.

Aber das hilft heute nicht. Jetzt hilft nur Einübung in den Wandel, die digitalen Medien erkunden, erproben. Auch deshalb ist die Berliner Zeitung in diesem Jahr wieder Partner des Theatertreffen-Blog. Das Theatertreffen-Blog gibt es seit 2009, es ist aus der Theatertreffen-Print-Zeitung hervorgegangen, die erstmals 2005 erschien. Jedes Jahr wird seitdem während des Theatertreffens eine temporäre Redaktion aus jungen Kulturjournalisten gebildet, sie berichtet online, mit Filmen, Texten, Hörstücken, Zeichnungen, über die eingeladenen Inszenierungen, das Festival, die Künstler, die Stadt und die Welt, in der das Theatertreffen stattfindet.

Das Netz als Bereicherung

In diesem Jahr sind es Manuel Braun, Felix Ewers, Nathalie Frank, Jannis Klasing, Hannah Wiemer und David Winterberg. Sie sind nicht nur Journalisten, sondern auch Videokünstler, Kommunikationsdesigner, Dramaturg, Theaterwissenschaftler oder Schriftsteller. Und sie gehören zu einer Generation, die das Netz nicht mehr als Bedrohung erfährt, sondern als Bereicherung. Die den Medienwandel als einen Prozess der Ausdifferenzierung erlebt, die nicht fragt, ob Print oder Online besser ist, sondern ob dieses oder jenes sich eher zur Berichterstattung im Video-, Audio- oder Textformat eignet. Es wandeln sich ja nicht nur die Theaterformen, auch die Weisen der kritischen Reflexion vermehren und verändern sich mit ihnen. Zum Medienwandel gehört, dass die Kriterien der Kritik neu verhandelt und gelernt werden müssen. Die Kritik bleibt sich nicht gleich, wenn sie vom Papier ins Internet zieht.

Seit 2005 bin ich, immer im Auftrag der Berliner Zeitung, Mentor bei der Theatertreffen-Zeitung, die zum Blog wurde. Es hat sich nicht alles geändert seitdem. Die oft hitzige Auseinandersetzung über das Theater, die Ansprüche an die Genauigkeit und Gewissenhaftigkeit sind keine Frage des Mediums. Kritik bleibt eine Frage der Haltung, mit oder ohne Internet. Eine Theaterkritik ist nicht gut oder relevant oder hochqualitativ, weil sie in diesem oder jenem Medium erscheint. Ein Text muss seine Güte und Relevanz stets als Text erweisen. Mit jedem, überall. Nicht deshalb, weil ein Text, sagen wir auf dem Theatertreffen-Blog oder in der Berliner Zeitung erscheint, ist es ein guter Text, nicht der Ort des Erscheinens entscheidet darüber, sondern eben: der Text. Aber die Texte selbst werden unter Online-Bedingungen anders, auch deshalb weil sie hier mit Kommentaren konfrontiert werden, mit Lesern, die sich einmischen, mitreden und sich nicht als Endabnehmer einer Meinungsverlautbarung verstehen. Im Online-Journalismus verliert der Kritiker seinen gesicherten Platz auf dem Hochsitz, er ist nurmehr eine Stimme unter vielen, die von Lesern hinterfragt, auch angegriffen wird. Die Wahrheit hat keinen festen Wohnsitz mehr.

Das hat sich noch nicht überall herumgesprochen, weder in den Redaktionen noch in den Pressebüros der Theater. Die Marken- und Hierarchiegläubigkeit ist allerorten enorm, das Lesevermögen eher gering ausgebildet. Dabei man hat es hier mit einem hochgradig schlichten Sachverhalt zu tun: Ein Urteil überzeugt nicht deshalb, weil es aus einer bestimmten Hierarchie heraus, von einem bestimmten Ort, in einem bestimmten Medium gesprochen wird; es kann einzig aus sich selbst heraus überzeugen. Das bloße Auskennen ist genauso wenig ein Kennzeichen von Qualität wie das schiere Haben einer Meinung, nirgendwo. Man muss begründen können. Kennerschaft ist sicher eine Voraussetzung für die Befähigung zur Kritik, aber keine hinreichende. Kritik ist der anspruchsvolle Versuch, sich begründet angreifbar zu machen. Hierin liegt einer der Unterschiede zwischen Print- und Online-Kritik: was begründete Einwände sind, was einen Kritiker überhaupt zum Kritiker macht, ist unter Online-Bedingungen eine offene Frage.

Und das ist es, was das Theatertreffen-Blog versucht: eine kritische Berichterstattung mit allen zur Verfügung stehenden Online-Mitteln, im Wissen darum, dass die festen Kriterien des Kritisierens verschwunden sind. Sein Untertitel lautet: Labor zur Jetztzeitbetrachtung. Heißt: Es ist ein Ort des Experiments, des Journalismus, der Reflexion. Heißt auch: Man kann den Medienwandel nicht aufhalten, aber man kann ihn gestalten.

www.theatertreffen-blog.de

Das Theatertreffen findet vom 2. bis 18. Mai statt: www.berlinerfestspiele.de

Am Freitag stellen wir alle eingeladenen Inszenierung des Theatertreffens vor.