55. Theatertreffen in Berlin: Alle Gastspiele in Kurzkritiken

Auch in diesem Jahr hat die emsige Jury zehn bemerkenswerte Inszenierungen in der deutschsprachigen Bühnenlandschaft ausfindig machen und zum Theatertreffen einladen können. Und es sind wieder sehr schöne Sachen dabei!

Klar bleibt das Theatertreffen seiner bewährten Tradition treu und liefert auch diesmal Anlässe zum Naserümpfen. Nichts aus der Freien Szene war bemerkenswert? So gar nichts? Auch nichts im theaterreichen Nordrhein-Westfalen? Und ist im Osten das Theater schon abgeschafft? Keine Sorge! Es gibt da noch immer tolle Theater, und die Jury wird gewiss gute Gründe haben, warum es zu dieser und keiner anderen Auswahl kam.

Was es noch so gibt

Aber, unter uns, so wichtig ist die 10er-Auswahl auch wieder nicht, nicht einmal dem Theatertreffen selbst. Das Festival ist ja inzwischen ein mehrstöckiges Großgebäude, Seitenflügel, Dachgeschoss und Kellergewölbe inbegriffen. Es gibt (schon lang) den der neuen Dramatik verpflichteten Stückemarkt, es gibt (noch nicht so lang) die internationale Gastspielplattform Shifting Perspectives. Und es gibt das „übergreifende Diskurs-Programm“, das dieses Jahr unter dem Label „TT Kontext“ gebündelt ist. Dabei werden laut Ankündigung die Inszenierungen als Anlass genommen, „auch darüber hinausgehende Fragen für unser Zusammenleben hier und heute zu stellen“, die nach dem Patriarchat zum Beispiel. Das Thema lautet „Unlearning“ und meint das „Umlernen“, nämlich die grundlegende Kulturtechnik, Bekanntes infrage zu stellen und – Zitat!- „jeder Antwort (zu) misstrauen“. Sehr schön.

Umlernen war übrigens immer auch das heimliche Motto im sonnendurchfluteten Seitenflügel des Theatertreffens: beim Theatertreffen-Blog, den ich seit zehn Jahren als Mentor begleiten darf. Das Jubiläum wird, natürlich, mit einer Jubiläumsausgabe gefeiert – mit Texten, in denen das Theater zum Anlass genommen wird, grundlegende Welt- und Theaterfragen zu verhandeln. Einschalten!

Dirk Pilz