Wie prophezeit, kommt Sandra Hüller als Hamlet aus Bochum. Hinten im Bild: Mercy Dorcas Otieno als Gertrud.
Foto JU Bochum

BerlinEin paar Tage früher als sonst hat die siebenköpfige Kritikerjury des Theatertreffens bekannt gegeben, welche zehn Inszenierungen des vergangenen Jahres im Mai - vom 1. bis zum 17. -- nach Berlin eingeladen werden sollen. Wegen der für zwei Jahre eingeführten Frauenquote musste mindestens die Hälfte in weiblicher Regie entstanden sein. Ansonsten dürfte es keine Abweichungen vom traditionell gefestigten Prozedere geben. Und demnach müssen sich jetzt die Kommentatoren auf die Auswahl stürzen. Schauen wir mal ... 

Zuerst ein Blick auf die Statistik: München hat die meisten Einladungen eingesammelt, nämlich drei. Die freie Szene ist vertreten, die Theaterprovinz ist eher nicht (nein, Leipzig ist nicht Provinz!). Österreich und die Schweiz dürfen jeweils eine Produktion aus ihrer Hauptstadt entsenden. Die Frauenquote ist - Ehrensache - mit sechs Nennungen übererfüllt. Ob das die Diskussion über die Gefahren und den Nutzen dieser Quote eher befeuert oder abwürgt, werden wir sehen.  

Nur eine einzige Pause

Und nun zu der wichtigsten, wenn auch von Kunstfreunden mit äußerlicher Verachtung gestellten Frage nach der Spiellänge. Die liegt für alle Einladungen zusammengerechnet bei: 1075 Minuten, also 17 Stunden und 55 Minuten. Das macht einen Schnitt von lediglich einer Stunde, 47 Miunten und 30 Sekunden. Das Spektrum reicht von 75 Minuten bis zu zweieinhalb Stunden. Das dürfte ein Minimalrekord sein! Ein Grund zu Unmut oder doch eher zu Freude? Wenn wir das richtig sehen, haben wir lediglich eine einzige Theaterpause im Programm. Wird nun - ohne ausreichende Klatschgelegenheiten - das deutschsprachige Theaterbetriebsnetzwerk zusammenbrechen?

War noch was? Ach so ja, die Inszenierungen selbst. Die aufmerksame Leserschaft weiß schon, dass Johan Simons „Hamlet“ aus Bochum eingeladen wird, das hatte der Berichterstatter, obwohl er die Arbeit gar nicht gesehen hat, prophezeit, als bekanntgegeben wurde, dass Sandra Hüller, die die Titelrolle spielt, den Theaterpreis Berlin bekommt. 

Berliner Einladung

Berlin ist nur einmal vertreten: Das Deutsche Theater wird für Anne Lenks anthrazitenen „Menschenfeind“ mit Ulrich Matthes in der Titelrolle ausgezeichnet - und nicht, wie wegen des Kriteriums „bemerkenswert“ eher zu erwarten (befürchten) gewesen wäre, Ulrich Rasches finstere Sarah-Kane-Versenkung „Psychose 4.48“.

Immerhin als Koproduzent ist das Berliner HAU noch im Boot bei Anta Helena Reckes Inszenierung von „Die Kränkungen der Menschheit“ aus den Münchner Kammerspielen, die Berliner Premiere ist im Februar, man muss also nicht bis zum Theatertreffen warten. Ebenfalls außerhalb des Festivals war im HAU „Chinchilla Arschloch, waswas. Nachrichten aus dem Zwischenhirn“, ein Abend über das Tourette-Syndrom zu sehen, inszeniert von der Riministin Helgard Haug.

Noch drei Frauen und drei Männer

Die drei anderen Regisseurinnen sind: Katie Mitchell (mit „Anatomie eines Suizids“ von Alice Birch aus dem Hamburger Schauspielhaus), Claudia Bauer (mit Tennessee Williams‘ „Süßer Vogel Jugend“ vom Leipziger Schauspiel) und Florentina Holzinger (mit ihrem Wiener Körperstück „Tanz. Eine sylphidische Träumerei in Stunts“, auch noch vor Mai in Berlin, in den Sophiensälen zu sehen).

Fehlen noch drei unter männlicher Regie entstandene Inszenierungen, die das wären: „Eine göttliche Komödie. Dante - Pasolini“ von Federico Bellin, inszeniert von Antonio Latella aus dem Münchner Residenztheater; aus den Münchner Kammerspielen „The Vacuum Cleaner“ von Toshiki Okada und aus Zürich Alexander Giesches Max-Frisch-Inszenierung „Der Mensch erscheint im Holozän“.

Ob die Auswahl was taugt, und welche gesellschaftlichen Diagnosen sich von ihr ableiten lassen, entnimmt die Leserschaft bitte der  Theatertreffenberichterstattung im Mai. Unter Vorbehalt danken wir der Jury, die 432 Inszenierungen gesichtet hat, die vom 21. Januar 2019 bis zum letzten Sonntag in deutschsprachigen Landen Premiere hatten. 

Hier die Auswahl im Überblick.