„Mir war misslungen, früh zu sterben. Ich hatte die Arbeit nicht geschafft.“ Mit diesen Zeilen aus seinem Gedicht „Gewöhnt an den Tod, immer mehr“ hat Hans-Eckardt Wenzel zur öffentlichen Feier seines 60. Geburtstags in den Admiralspalast eingeladen. Dabei wirkt der Mann, der jugendlich rank in den Biergarten im Volkspark Friedrichshain kommt und stolz von seinem frischen Enkelkind berichtet, nicht wie einer, der mit einem frühen Tod kokettiert.

Doch eine spielerische Anmaßung sei sein Kreisen um das Sterben nie gewesen, stellt er beim Glas Bier klar und blickt auf die Zeit zurück, als er halb so alt wie heute war. „Ich habe damals sehr exzessiv gelebt, die Gefahr zu verbrennen, war real.“ Doch mit 33, im Sterbealter von Jesus, erreiche man die Bruchstelle zwischen Kind und Mann. Damals sah Wenzel noch so aus wie Jesus und war mit Liedern, Gedichten und Theaterprogrammen wie „Neues aus der DaDaEr“ ein Held der intellektuellen Jugend im Osten. Doch als er mit keinem Projekt vorankam, erkrankte er schwer – und ging nicht in den Westen, sondern nach Nicaragua.

Nach seiner Rückkehr erlebte er die Lethargie der DDR 1989 um so schärfer, gehörte im September ’89 zu den Verfassern einer Künstler-Resolution, deren öffentliches Verlesen vielen Mut machte. In den 90ern rieb er sich mit seinem langjährigen Kollegen Steffen Mensching an den neuen Verhältnissen, bis sie das legendäre Clowns-Duo Weh und Meh aufgaben. Seither steckt Wenzel seine Energien in seine Songs. Keiner kann seinen Zorn und seine Trauer in so viel Poesie fassen und keiner so ausgelassen den Rausch feiern.

Im Admiralspalast wird Wenzel nach 15 Jahren zum ersten Mal wieder mit Mensching, inzwischen Intendant am Rudolstädter Theater, auf der Bühne stehen. Auch seine älteste Tochter Karla alias Kiki Bohemia wird dabei sein. Die Planung des Abends behielt er sich selbst vor: „Ich muss doch aufpassen, dass kein Personenkult betrieben wird.“ Eine für den Abend geschriebene Szene mit vier Schauspielern stammt von Christoph Hein, mit dem Hans-Eckardt Wenzel schon lange zusammenarbeitet. Wenzel vertonte nicht nur die ersten Gedichte des Autors: „Wir schicken uns unsere unveröffentlichten Arbeiten zu und gehen offen miteinander um.“

30 Alben in 15 Jahren

Fast ebenso groß wie die Schar der Musiker, mit denen er zusammenarbeitete, ist der Kreis der Dichter, deren Werke Wenzel vertonte und vor dem Vergessen bewahrte. Schon seit seinen Studententagen schreibt er Lieder nach den Gedichten des Österreichers Theodor Kramer – inzwischen sind es Hunderte. Ein „vergessener Dichter“ ist für ihn auch Johannes R. Becher – der einstige DDR-Kulturminister hatte den Text der DDR-Nationalhymne verfasst: „Er trägt das ganze Elend des 20. Jahrhunderts in sich.“ Bewusst hat Wenzel die Gedichte Bechers nicht mit Jahreszahlen versehen – sie sollen für sich stehen, nicht nur biografisch interpretiert werden. Wer in der DDR-Schule Bechers „Lenin“-Poem vortragen musste („Er rührte an den Schlaf der Welt“), kann im Album „Sterne glühn“ einen Becher entdecken, der vor allem in seinen Herbstliedern und Liebesgedichten Wenzels Lyrik erstaunlich nahe ist.

Das Becher-Album ist das erste von vier Alben, die Wenzel allein in diesem Jahr herausbringen wird – insgesamt sind es allein in den letzten 15 Jahren über dreißig! Wenzel, der sich in seinem eigenen Label Matrosenblau von den marktwirtschaftlichen Zwängen freigemacht hat, findet diesen enormen Ausstoß gar nicht so beachtlich: „Ich nehme Alben auf, um Projekte abzuschließen.“ Mit den Erlösen eines Albums kann er meist die Aufnahme des nächsten bezahlen – Geld verdienen muss er mit seinen Konzerten. Eine Zeitlang stellte er jede Woche ein unveröffentlichtes Lied auf seine Homepage, bis seine Großzügigkeit ausgenutzt wurde und illegale CDs von den Stücken verkauft wurden. Derzeit steht seine „Neue Europa-Hymne“ im Netz – ein bitterer Abgesang.

Als Polit-Sänger sieht sich Wenzel aber nicht, gern zitiert er Hanns Eisler: „Das Überpolitisieren in der Kunst führt zur Barbarei in der Ästhetik.“ Viel lieber redet Wenzel, der an der Humboldt-Uni bei Koryphäen wie Wolfgang Heise Ästhetik und Kulturwissenschaften studiert hatte, über die besonderen Verbindungen zwischen Kunst und Realität. So erklärt er den Wandel im 89er Herbst, der für ihn keine „friedliche Revolution“, sondern eine „fröhliche Implosion“ war, mit dem veränderten Versmaß: „,Wir sind das Volk’, das war trochäisch – also ein Walzer. Mit ,Wir sind ein Volk’ aber wurde es daktylisch – ein Marsch.“

Einen klassischen Hexameter voller Grimm hat er den Neubewohnern seines Kiezes im Prenzlauer Berg gewidmet, in dem er seit vierzig Jahren wohnt, sich aber inzwischen fremd fühlt. Die Gentrifizierung wie die Globalisierung fasst Wenzel als „Verwestlichung“ zusammen. Er widmet sich den Verlierern, etwa den Flüchtlingen. Schreiben kann er nur noch in der Einsamkeit Vorpommerns. Die Songzeile „Halte dich von den Siegern fern – halte dich tapfer am Rand“ fasst seine poetische Grundhaltung zusammen. Die Frage, ob er nicht auch mal auf der Seite der Sieger stehen wolle, findet er seltsam: „Sieger haben keinen Sex – Kaisergeburtstagssänger schreiben keine guten Lieder.“