Zweimal hat Vincent van Gogh den 17-jährigen Armand Roulin gemalt. Einmal im Halbprofil, als etwas bedrückt vor sich hinblickenden Jungen mit weichen Zügen und dunkler Kleidung, die ihm eine Spur zu groß ist. Ganz anders das Porträt Armand Roulins, das vermutlich kurz zuvor entstand und heute im Folkwang Museum Essen hängt: Ein leuchtender junger Mann, dem Betrachter zugewandt, die Augen glänzend, in gelber Jacke und blauem Hut.

Die Regisseurin Dorota Kobiela hat sich für den hellen Armand Roulin entschieden. Ihn, den Sohn des Briefträgers Joseph Roulin, den van Gogh ebenfalls im Jahr 1888 malte, machte sie zur Hauptfigur eines unvergleichlichen Experiments: Vincent van Gogh über seine Bilder zu erzählen, mit den Menschen, die er gemalt hat. Die Figuren treten aus den Bildern heraus, bewegen sich in andere Gemälde hinein, begegnen einander und kreisen dabei um nichts anderes, als um ihren Schöpfer, den abwesenden Vincent van Gogh.

Rätselhafter Tod

Zu Beginn des Films ist der Maler seit einem Jahr tot. Armand Roulin, der eigentlich nur einen liegen gebliebenen Brief Vincents an dessen Bruder Theo van Gogh übergeben soll, irrt mit einer Botschaft umher, die niemanden mehr erreicht, denn Theo starb kurz nach dem Tod des Bruders. Allmählich wird der eher unwillige junge Mann vom Ignoranten zum Lernenden und am Ende zum Detektiv, der den rätselhaften Tod des Malers aufklären will.

Diese Entwicklungsgeschichte wird von einem Animationsfilm getragen, entstanden auf der Grundlage von 65.000 eigens für den Film gemalten Einzelbildern in Öl. Die Figuren wurden von Schauspielern dargestellt. Sie spielten entweder in Sets, die nach Werken van Goghs nachgebaut wurden. Oder vor einem sogenannten Green Screen, so dass die Gemälde zusammen mit den computergenerierten Animationen danach eingefügt werden konnten und die reale Gestalt des Schauspielers mit dem Gemälde verschmolz.

Ein Bekenntnis der Regisseurin

Die Rückblenden sind in Schwarz-Weiß gehalten, deutlich abgesetzt als retrospektive Sicht von außen. Loving Vincent – der Titel des Films ist nicht nur dem Abschiedsgruß entlehnt, mit dem van Gogh seine Briefe an den Bruder unterzeichnete – er ist natürlich auch ein Bekenntnis der Regisseurin, die ihn Warschau Malerei und danach Filmregie studierte.

Ihre Ölbilder-Animations-Technik überzeugt: Es ist solch ein Leuchten, Wogen, eine Raumstaffelung und eine Lichtdramaturgie in diesem Film, dass man von einem Wunder sprechen kann. Das Handwerk hinter der digitalen Technik bleibt spürbar, verleiht den Bildern etwas Körperwarmes, Greifbares.

Keine pathetische Aneignung

Der bewegte Stil van Goghs, sein oft wuchtiger Farbauftrag, die Pinselschwünge, die rhythmischen Strukturen – alles ist da, und doch ist dieser Film nie distanzlos gegenüber dem Werk, von dem er sich nährt: „Loving Vincent“ hat nichts zu tun mit den mehr oder weniger pathetischen Aneignungen, derer es gerade im Fall Vincent van Gogh unzählige gab. Kirk Douglas, Tim Roth, Jacques Dutronc– alle haben sie den Maler zur Projektionsfläche einer kollektiven Sehnsucht nach dem gequälten, verkannten Genie gemacht.

In „Loving Vincent“ entsteht hingegen eine Vorstellung des Abwesenden durch den oft verzerrten Spiegel derer, die dem Maler begegnet sind. Er war böse, freundlich, diszipliniert, einsam, er liebte die einfachen, aufrichtigen Leute – und er war ein großer Literat.

Zweifel am Selbstmord

Die Briefe an Theo waren die wichtigste Quelle, ebenso die Biografie von Steven Naifeh und Gregory White Smith, in der die These vom Selbstmord bezweifelt wird. Ein prahlerisch mit der Pistole herumfuchtelnder Jugendlicher soll Vincent angeschossen haben, Tage später starb er in seinem Zimmer in einer Pension in Auvers bei Paris.

Sein Arzt Dr. Gachet – dessen von Van Gogh gemaltes Porträt lange zu den höchstbezahlten Werken der Kunst gehörte – hatte die Kugel nicht zu entfernen gewagt. War Vincent van Gogh nicht zu retten?

Neid und Bewunderung

In einem langen Monolog spricht Gachet von der zwiespältigen Beziehung zu van Gogh, seinem Neid und seiner Bewunderung. Gachet, eine Art Antonio Salieri der Kunst? Gefährlich wie Mozarts Gegenspieler? Einer, der den Tod des Hochbegabten wenn nicht befördert so doch billigend in Kauf nahm – weil der Andere ihm das eigene Ungenügen ständig vor Augen führte?

Der Film lässt Unauflösbares offen. Zieht keine Schlüsse, wo nichts schlüssig ist und ist damit wahrscheinlich der behutsamste, diskreteste Film, den es über Vincent van Gogh gibt. Ein Fest des Sehens, das man in seiner ganzen Fulminanz am besten im Kino mitfeiern kann.

Loving Vincent Großbritannien/Polen 2017. Regie: Dorota Kobiela, Hugh Welchman. Darsteller: Douglas Booth, Chris O’Dowd, Jerome Flynn, Saoirse Ronan u.a., Animationsfilm, 95 Minuten