Kritiker-Wertung:
Der Film „Synonymes“erhält von unserem Filmkritiker drei von fünf Sternen. ★★★
★ Totaler Flop
★★ Misslungen
★★★ Sehenswert
★★★★ Bären-Kandidat
★★★★★ Meisterwerk

Ein Mann ist auf der Flucht, er rennt quer über die Straßen und blickt sich hektisch um, als würde er von dunklen Mächten verfolgt. Und so ähnlich ist es ja auch, wie sich bald herausstellen wird. Der Mann trägt einen Rucksack auf dem Rücken wie ein Tourist, aber sein Gepäck ist sehr viel schwerer. Der junge Israeli Yoav (Tom Mercier) kommt nach Paris, um alles, was ihn mit seiner Heimat, verbindet, so schnell wie möglich hinter sich zu lassen. Aber was heißt Heimat eigentlich für einen wie ihn, dessen Großvater einst aus Litauen nach Palästina eingewandert ist, dessen Vater vor 1948 als jüdischer Terrorist gegen die Mandatsmacht gekämpft hat?

Yoav kann sich nicht mehr mit dem Land identifizieren, das geht so weit, dass er sich weigert, Hebräisch zu sprechen und ständig französische Vokabeln memoriert; Synonyme, „Worte, die andere Worte schlagen, ihnen die Fresse polieren.“ Er hat das Gefühl der Zugehörigkeit verloren. Warum das so ist, lässt der Film des 1975 in Tel Aviv geborenen Regisseurs Nadav Lapid in der Schwebe. Andeutungen legen nahe, dass ein traumatisches Erlebnis während seines Militärdienstes dahinter stecken könnte.

Humus für Yoavs (Tom Mercier) neue Wurzeln in Frankreich

Nach der ersten Nacht in einer mysteriösen leeren Wohnung wird Yoav seiner Sachen beraubt. Er steht kalt geduscht buchstäblich nackt da. Eigentlich nicht schlecht für einen Neuanfang, aber doch auch etwas unpraktisch. Panisch klopft er an den Türen im Haus, vergeblich, bis er ein junges Paar trifft, das den halb Erfrorenen auftaut, neu einkleidet und ihm im Folgenden hilft, ein Franzose zu werden.

So geheimnisvoll wie der fremde Gast sind seine Gastgeber. Emile (Quentin Dolmaire), der sich zu Yoav hingezogen fühlt, schreibt an einem Roman, für den er sich bei dessen Geschichten aus Israel bedienen möchte, seine, tja, Freundin Caroline (Louise Chevillotte) macht so gut wie gar nichts. Die Gespräche mit den beiden bilden sozusagen den Humus für Yoavs fortwährende Versuche, sich neu zu verwurzeln.

Parallelen zur Geschichte des Regisseurs Nadav Lapid

Der Regisseur muss ganz ähnliche Erfahrungen gemacht haben, als er nach seinem Philosophiestudium und der anschließenden Armeezeit in Paris Abstand zu dem Land seiner Geburt suchte. In seinem Film, der von der Berliner Regisseurin Maren Ade koproduziert wurde, geht er auf eine gewitzte Weise mit seinem nicht eben leichtgewichtigen Thema um. Lapids „Synonymes“ steckt voller origineller Bildideen, komischer Situationen und skurriler Momente. Kurz vor Schluss gab es in diesem Wettbewerb endlich Humor. Uff.

Um sein Französischwerden zu beschleunigen, wird Yoav rasch mit Caroline verheiratet, was ihn nicht davon entbindet, einen Integrationskurs zu besuchen. Dort schmettert er wie von Sinnen die Marseillaise. Tom Mercier spielt seine schelmenhafte Rolle so mitreißend, dass er sich bei der Berlinale der Frauen als erster männlicher Darsteller für einen Preis qualifiziert haben dürfte.