Es ist schon eine seltsame Vorstellung, auch in diesem Mai wieder zehn Tage nach Cannes zu blicken, um über Regisseure und Filmstars zu reden, wenn der große französische Film derzeit woanders spielt. Das Gesicht der Stunde gehört fraglos Emmanuel Macron, dessen jungenhaftes Lächeln auf jene seltsame Art in ihren Bann schlägt, die wir sonst nur aus dem Kino kennen. Und da sollen wir statt nach Paris lieber an die Cote d’Azur schauen?

Aus deutscher Sicht allerdings ist es bei den siebzigsten Festspielen, die am Mittwoch beginnen, schon sehr interessant. Der Hamburger Fatih Akin hat es in den Wettbewerb um die Goldene Palme geschafft, die Berlinerin Valeska Griesebach in die ebenfalls hoch renommierte Konkurrenz „Un Certain Regard“. Beide rechtfertigen große Erwartungen; Akin steht seit seinem Berlinale-Gewinner „Gegen die Wand“ für ein verwegen-emotionales und doch publikumsfreundliches Kino. Sein neuer Thriller „Aus dem Nichts“ ist ein psychologischer Genrefilm, der sich auch als großes Starkino für den roten Teppich empfohlen hat. Diane Kruger spielt eine Frau, die nach dem Tod ihrer Familie bei einem Bombenanschlag von der Trauernden zur Rächerin mutiert. Was für eine delikate Gratwanderung, dieses Thema gerade in Frankreich anzuschlagen, das sich nach den vergangenen Terroranschlägen nach wie vor im Ausnahmezustand befindet.

Anders als Akin gilt Valeska Griesebach mit ihren 49 Jahren noch immer als Geheimtipp. „Sehnsucht“, ihr bislang letzter Film als Regisseurin, liegt schon elf Jahre zurück, doch vergessen konnte man die Nahaufnahme eines depressiven Feuerwehrmanns kaum. Es ist einer der echten Klassiker der sogenannten Berliner Schule. Ihr neues Werk „Western“, produziert von Maren Ade, ist erst ihr dritter Film als Regisseurin und abermals ein männliches Psychogramm. Es geht um eine Gruppe deutscher Bauarbeiter, die in den rauen Landschaften zwischen Bulgarien und Griechenland den Duft von Freiheit und Abenteuer schnuppern.

Fatih Akin und Valeska Griesebach werden werden darüber mitentscheiden, ob das deutsche Kino wieder dauerhaft im Weltkino mitspielt. Einige der größten Regisseure des Weltkinos stehen mit ihnen im Ring. Allen voran der Österreicher Michael Haneke, der mit „Happy End“ zum ersten dreifachen Gewinner der Goldenen Palme werden könnte. Sein Familiendrama wartet mit Stars wie Isabelle Huppert und Jean-Louis Tringtignant auf. Große Chancen hat auch der Amerikaner Todd Haynes mit seinem Film „Wonderstuck“ nach einem Roman von Brian Selznick. Sofia Coppola ist mit ihrem Südstaaten-Drama „The Beguiled“ dabei, einem Remake des Films „Betrogen“, den Don Siegel 1971 mit Clint Eastwood drehte. Der Hauptdarsteller des Originalfilms kommt zum siebzigsten Festivaljubiläum für ein zweistündiges Werkstattgespräch nach Cannes.