Venedig - Unbeteiligte halten Filmfestivals nicht selten für eine Art Superurlaub: Glückliche Branchenprofis lümmeln mit Schirmchen-geschmückten Drinks auf sonnigen Terrassen herum, und zwischendurch schauen sie sich mal eine Komödie oder einen Thriller an, wenn sie nicht gerade während der vielen Partys Small Talk machen mit George Clooney oder Scarlett Johansson. Dabei sieht die Wahrheit solcher Festivals natürlich anders aus: Der erste Film des Tages behandelt um 9 Uhr morgens einen Genozid und der letzte gegen 22 Uhr ein paar ungewaschene Männer, die in einem Krieg ums Leben ringen.

Die Komödien oder Thriller laufen außer Konkurrenz; Clooney und Johansson sind gar nicht da, weil sie ihre Rückenleiden in Solingen behandeln lassen und zu den Partys ist man ohnehin nicht eingeladen. Aber nicht ohne Grund führt das Filmfestival von Venedig den Titel Mostra Internazionale d’Arte Cinematografica: Internationale Ausstellung der Filmkunst.

Eine solche Kunst will mitunter auch erlitten werden, so geschehen im japanischen Beitrag „Fires on the Plain“ von Shinya Tsukamoto. Der Regisseur ist Kult mit Arbeiten wie „Tetsuo: The Iron Man“ sowie einer teils extrem gewalttätigen Ästhetik, und so wurde sein neuer Film frenetisch beklatscht, noch während der Vorspann lief.

Entgrenzte und bedrängende Bilder

Tatsächlich ist „Fires on the Plain“ der bislang extremste Konkurrent im Wettbewerb der 71. Mostra Cinematografica von Venedig: ein Teufelsritt in die Hölle des Krieges, der ein Tropen-Paradies zerstört hat. Erzählt wird von japanischen Soldaten, die in der Endphase des Zweiten Weltkriegs während des Rückzugs ihrer Armee im philippinischen Dschungel zurückbleiben, hungernd, durstend, dreckig, den Guerilla-Angriffen der Einheimischen ausgesetzt und zunehmend entmenschlicht.

Der Hauptprotagonist war zu Friedenszeiten Schriftsteller; nun ist er, zudem Tuberkulose-krank, das letzte Glied in einer erbarmungslosen Hierarchie. Nachdem seine Einheit bei einer Attacke aufgelöst und vernichtet wird, irrt er lange allein durch den Dschungel – seinem Angstwahn ebenso ausgeliefert wie den schrecklichen Szenen des Todes, derer er immer wieder ansichtig wird. Entgrenzte Bilder kennt man ja von Tsukamoto, doch hier bedrängen sie den Zuschauer durch Einsatz einer extrem bewegten Handkamera wie auf Acid geradezu physisch.

Es ist, als wäre man mittendrin, wenn etwa das Gesicht eines Soldaten in Fetzen geschossen wird, Gedärme nach außen quellen oder Würmer die Leichen zerfressen; man fühlt und riecht es. Der Regisseur zeigt alles und das ausgiebig; Kannibalismus ist ein großes Thema, das hier nicht ausgeführt werden soll.

Die Frage der filmischen Darstellbarkeit von Gewalt und Grauen löst Tsukamoto, indem er das Genre-Kino wählt in dessen normativer Abgesichertheit: „Fires on the Plain“ ist ein Horror- und Splatterfilm, da kann man bekanntlich fast alles machen. Die Interpretationshilfe des Regisseurs klingt indes nach kulturkritischem Bla-blah: Sein Film solle die japanischen Landleute in ihrem Reinheitszwang allumfassender Verdrängung an die Schmutzigkeit der Kriege erinnern. Das kann man auch anders. Aber der Film ist immerhin ein Wagnis.

Durchkomponiertes Porträt des Todes

Drei Begegnungen mit dem Tod setzt der schwedische Kult-Regisseur Roy Andersson („Songs from the second Floor“) an den Beginn seines grotesken Episodenfilms „A Pidgeon sat on a Branch reflecting on Existence“, der eine Trilogie über das menschliche Wesen abschließt: Ein dicker Mann stirbt beim Entkorken einer Weinflasche, während seine Frau in der Küche singend das Essen vorbereitet; eine Greisin will auf dem Totenbett ihre Handtasche voller Schmuck und Geld nicht hergeben, die einer ihrer Söhne ihr zu entreißen versucht mit dem Versprechen „Im Himmel bekommst du neuen Schmuck“; und schließlich liegt ein toter Fahrgast in der Caféteria einer Fähre, der aber sein Essen schon bezahlt hat, das nun irgendwie vergeben werden muss.

Das schwedische Wort für Tod lautet „döden“, was in deutschen Ohren drollig klingt, aber der Film bleibt keineswegs drollig, wenn zwei Vertreter für Scherzartikel verschiedene Szenen lose zusammenhalten, die mal von Geldnot, mal von Liebessehnsucht handeln. Formalästhetisch ist „A Pidgeon...“ der am strengsten durchkomponierte Film des 71. Wettbewerbs – ein heftig beklatschtes Kino-Capriccio.

Doch haben Roy Andersson oder Shinya Tsukamoto Aussichten auf einen der Preise? Das Festival von Venedig ist berüchtigt für seine Löwen-Vergaben. Noch stehen Wettbewerbsbeiträge aus wie der skandalumwitterte „Pasolini“ des US-Amerikaners Abel Ferrara, mit Willem Dafoe in der Hauptrolle. Und dann hat sich auch das italienische Kino mit starken Auftritten empfohlen, etwa dem kalabrischen Mafia-Drama „Anime Nere“ von Francesco Munzi und dem spektakulären Künstler- und Epochenporträt „Il giovane favoloso“ von Mario Martone über den notorisch unglücklichen Dichter Giacomo Leopardi (1798-1837), der im Film die smarte Sentenz äußert: „Was soll das Gerede von den glücklichen Massen. Ich kann mir keine glückliche Masse vorstellen, die aus unglücklichen Individuen besteht“. Ähnlich kann man sich keine Löwen-Vergabe vorstellen, die alle glücklich macht.