Everybody Knows“ hat der iranische Filmemacher Asghar Farhadi sein Beziehungsdrama genannt, das am Dienstagabend das Filmfestival von Cannes eröffnet. Der gleichnamige Leonard-Cohen-Song stiftete den Titel, diese finstere Hymne an die falsche Diskretion, an das Schweigen wider besseren Wissens.

Das Filmplakat sieht aus wie eine direkte Illustration dieses Liedes, das in Metaphern von der Untreue in einer Beziehung erzählt. Das Hauptdarstellerpaar Penélope Cruz und Javier Bardem schaut darauf bitter in verschiedene Richtungen. Welch ein Kinopathos: Könnte sich das glamouröseste aller Filmfestivals einen besseren Auftakt wünschen? Die beiden Spanier repräsentieren eines der wenigen glücklichen Traumpaare, die das Weltkino derzeit zu bieten hat. Und Farhadi, dessen Werke bereits zwei Oscars gewannen und der nun erstmals in Spanien drehte, ist einer der wenigen internationalen Autorenfilmer, vor denen man sogar in Hollywood Respekt hat.

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Doch schon seit Wochen scheint dieses Festival ein weit banaleres Thema unter dem Titel „Everybody Knows“ gefunden zu haben. Wenn jeder Journalist schon alles weiß, bevor ein Wettbewerbsfilm Premiere hat, könnte das den Künstlern schon auf dem roten Teppich die Stimmung verderben. Zumindest dann, wenn ihre Arbeit nicht gut angekommen wäre. So werden, wie bereits berichtet, diesmal keine Vorab-Pressevorführungen mehr eingerichtet.

Netflix-Streit resultiert in Loch des amerikanischen Angebots

Mit dieser rigiden Maßnahme hat sich das Festival geschadet, noch bevor Jurypräsidentin Cate Blanchett überhaupt ihres Amtes walten kann. Schon lange steht Cannes im Ruf eines „Frankreich zuerst“-Festivals, das vor allem die Belange der heimischen Branche im Blick hat. Die Hälfte des Budgets, das im vergangenen Jahr mit zwanzig Millionen Euro angegeben wurde, kommt vom Steuerzahler und versteht sich als Beitrag zur nationalen Filmförderung, die andere Hälfte tragen Sponsoren.

Den Ausschluss von Netflix-Produktionen rechtfertigte man als Respektsbezeugung vor den französischen Kinos – auch wenn Filmfans den Streaming-Diensten seit Jahren viele innovative Produktionen verdanken. Nun aber will man auch noch die Berichterstattung kanalisieren. Ob es etwa daran liegen kann, dass man sich bei der Qualität diesmal nicht ganz so sicher ist?

Der Streit mit Netflix hat ein sichtbares Loch ins amerikanische Aufgebot gerissen. Nur noch zwei Wettbewerbsbeiträge stammen aus dem sonst so stark vertretenen Filmland, und Weltstars sind diesmal nicht zu finden. Freuen darf man sich dennoch: Mit „Under the Silver Lake“ präsentiert sich eines der großen jungen Talente des Genrekinos, David Robert Mitchell, mit einem Epos, das an Hollywoods Schwarze Serie anknüpft. Der Regisseur des Horrorfilms „It Follows“ stürzt Hauptdarsteller Andrew Garfield zunächst in die Arme einer dubiosen Schönheit – und gleich darauf auf eine Odyssee durch die schillernde Unterwelt von Los Angeles.

Lars von Trier feiert seine Rückkehr

Sein Landsmann Spike Lee meldet sich zurück mit einer ungewöhnlichen Innenansicht in den Ku-Klux-Klan: Den „Black Klansman“, dem es gelingt, sich in den rassistischen Geheimbund einzuschleusen, spielt John David Washington, der Sohn von Denzel.

Außer Konkurrenz feiert der vor sieben Jahren spektakulär mit Hausverbot belegte Lars von Trier seine Rückkehr. Offenbar ist inzwischen genug Gras über seinen Selbstvergleich mit Hitler gewachsen, dass man seinen pechschwarzen Serienmörderfilm „The House that Jack Built“ wenigstens ohne Palmenaussicht platzieren mochte. Auch Wim Wenders’ neuer Film konkurriert um keinen Preis. „Papst Franziskus – Ein Mann seines Wortes“, eine Auftragsarbeit für den Vatikan besteht dann auch zu weiten Teilen aus Bildern des Vatikanfernsehens. Wer nach einem relevanten deutschen Beitrag sucht, findet ihn in der Sektion „Un Certain Regard“. Ulrich Köhlers „In My Room“ wartet vielleicht mit der originellsten Filmidee des Programms auf: Ein Mann in der Midlife-Crisis wacht eines Morgens auf und findet sich allein auf der Welt.